Schauplatz Berlin Bänke für das Tempelhofer Feld

Viele Berliner lieben die riesige, undefinierte Fläche des Tempelhofer Feldes. Nun werden Ideen zur weiteren Gestaltung diskutiert, sie sind im Ganzen sehr pragmatisch, ja bescheiden.

Von Stephan Speicher

Der Berliner hat es gerne auch mal hässlich, davon war bereits letzte Woche an dieser Stelle die Rede. Mit dieser Neigung steht er in Deutschland nicht allein, aber an der Spitze. Auch daran dürfte es liegen, dass das Tempelhofer Feld eine solche Liebe erregt. Mit dem Ende des Flughafens hatte sich die Frage gestellt, was zu tun sei. Der größere Teil, mehr als zwei Drittel der Freifläche, so viel war von vornherein klar, sollte frei bleiben oder zu einem Park umgestaltet werden. Entlang der Ränder aber wünschte sich der Senat Wohnbebauung und in der Südwestecke den Neubau für die Zentral- und Landesbibliothek. Es kam anders. Die Initiative "100 % Tempelhofer Feld" stieß einen Volksentscheid an und setzte sich durch.

Das war im Mai 2014, seitdem gibt es, gesetzlich gesichert, in Berlin eine riesige Ebene südlich des Flughafengebäudes, unbebaut, karg bewachsen, eine Wiesenfreifläche. Viele lieben sie und die "unfassliche Weite" mitten in der Stadt. Es sind 303 Hektar, das ist nicht wenig. Münchens Englischer Garten ist um 25 Prozent größer, aber eine traditionelle Parklandschaft mit Wald, Wiesen und Gewässern. Das Tempelhofer Feld ist die blanke, um nicht zu sagen öde Platte, gerade mal, dass es am Nordrand Aufwallungen gibt für den alten Schießstand der amerikanischen Armee. Doch viele Berliner lieben gerade diese undefinierte Fläche. Sie gibt ihnen ein Gefühl der Freiheit, das die üblichen Grünanlagen mit Kinderspielplatz und Kahnverleih offenbar nicht gestatten.

Auf der Wiesenfreifläche von 303 Hektar Größe ist man zufrieden mit dem, was man hat

Zum Projektcharakter gehört, dass die Öffentlichkeit zur Mitgestaltung aufgefordert ist. Bis März wurden Vorschläge zur weiteren Gestaltung eingesammelt und im Netz diskutiert, es folgte eine Phase der Auswertung und Urteilsbildung. Ab Samstag kann man sich das auch offline in der "Beteiligungsbox" ansehen. Die Vorschläge sind im Ganzen sehr pragmatisch, ja bescheiden. Es geht um mehr Bänke und Toiletten und um Bäume, es geht um Schatten - was allerdings gleich ein Problem aufwirft, als ja der Charakter der Wiesenlandschaft nicht gestört werden soll. An Alte und Behinderte wird gedacht; groß angelegte Projekte stoßen auf Misstrauen. Die Gastronomie soll behutsam erweitert werden, unnötig zu sagen, dass Vegetarisches und Veganes vorn auf der Wunschliste stehen. Auch Kunst und Kultur mischen ihren verhaltenen Jubel ein, vor allem mit temporären Ausstellungen. Derzeit kann man schon Minigolf auf achtzehn naturgemäß interaktiven Kunstwerken spielen, die uns die Bedeutung vom Gleichgewicht in der Natur oder der Erderwärmung nahebringen: "An diesem einmaligen historischen Ort soll ein Diskurs über ökologische Zukunftsfragen geführt werden."

Mit anderen Worten: Man ist zufrieden mit dem, was man hat. Allerdings erfreuen drei Quadratkilometer brettebene Wiesenfläche nicht jeden. Selbst in der norddeutschen Tiefebene gibt es doch mehr zu sehen, vorausgesetzt, es hat sich nicht die Landwirtschaft darüber hergemacht: Es gibt Wasserläufe mit Böschungen, mal ein Wäldchen, Hecken und vielleicht einen Tümpel. Dagegen ist das Tempelhofer Feld ein sehr strenges Glück. "Einer der spannendsten Orte der Welt" ruft die eigene Internetseite - ist das nun Großmäuligkeit oder Genügsamkeit? Wahrscheinlich berlintypisch beides, geboren aus der, wie Fontane diagnostizierte, habituellen Unfähigkeit zum Vergleich.