Rock 'n' Roll ohne Regelbrüche: Via Internet mischen vier junge Studentinnen als "The Accolade" ihre konservative Heimat auf. Öffentliche Auftritte und Fotoshootings sind aber tabu.
Es geht um Spaß. Reine Unterhaltung, versichern die vier Mädchen - und um jegliche Zweifel zu zerstreuen, noch dies: "Wir respektieren unser Land." Eher unfreiwillig haben sie eine kleine Revolution angezettelt, denn in dem Land, in dem sie leben, singt man einen Rocksong über Liebeskummer nicht einfach aus Spaß. Schon gar nicht als Mädchenband. Schon gar nicht auf Englisch.
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Hunderte Saudis haben sich im Internet bereits den Accolade-Song "Pinocchio" heruntergeladen. (© Screenshot: http://www.myspace.com/accoladeofficial)
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The Accolade (Der Ritterschlag), ihre Band, sind die neuen Stars in der saudi-arabischen Rockszene - ein ziemlich überschaubares Terrain. Zwischen 30 und 60 Bands gibt es in dem konservativen Königreich, schätzen die, die selbst rocken. Von Plattenvertrag und regelmäßigen Gigs sind die meisten weit entfernt. Geprobt wird in der Garage, die große Bühne ist das Internet - und wenige private Konzerte.
Konzerte haben Seltenheitswert
Den ersten Song von The Accolade, "Pinocchio", haben sich Hunderte Saudis runtergeladen, seit die Band ihn vor wenigen Wochen auf ihre Myspace-Seite gestellt hat. Fast 100.000 mal wurde er aufgerufen - vielfach auch von Neugierigen aus anderen Teilen der Welt. Und die loben die Mädchen vor allem für ihren Mut zur Musik - in einem Land, in denen Frauen ohne einen männlichen Vormund weder über ihren Beruf, noch über ihre Ehe entscheiden, ja nicht einmal den Führerschein machen dürfen.
Hören Sie hier den Song "Pinocchio" von The Accolade.
Wegen der rigiden Moral in Saudi-Arabien wagen es die 19 bis 21jährigen Mädchen von The Accolade weder öffentlich aufzutreten, noch für einen Fotografen zu posieren. Anders als ihre Rockkollegen im Westen lehnen sie auch Zigaretten, Alkohol und Drogen ab - weil man sich und seine Kunst damit zerstören würde, wie sie betonen. Auf weitere Interviewfragen wollen die vier Studentinnen nicht antworten. Sie steckten gerade in den Prüfungen, erklären sie höflich.
Ein offizielles Girlband-Verbot gibt es in dem streng islamischen Land zwar nicht, vereinzelte Berichte über Hardliner, die Jugendliche dazu aufrufen, Instrumente öffentlich zu verbrennen, allerdings schon. Bis in die 50er Jahre wurden Grammophone in Saudi-Arabien konfisziert oder zerstört, weil einflussreiche Religionsgelehrte Musik für unmoralisch hielten. Selbst klassische Konzerte haben heute noch Seltenheitswert.
"Die meisten Saudis sehen Rock als westliche Musik an, die in unserer Kultur keinen Platz hat", sagt Bader Hussain, der ein Netzwerk für saudi-arabische Rock- und Metalbands betreibt. Deshalb gebe es so gut wie keine Gigs, deshalb sei es kaum möglich, Platten zu verkaufen. Das rentiere sich in Saudi-Arabien schlicht einfach nicht. Hussains Internetportal Sametal ist Infobörse und Werbefläche zugleich. Interviews mit einigen Bands und neue Songs sind dort zu finden, ab und an auch der Hinweis auf ein Konzert.
Nur nicht anecken
Es sei ziemlich schwierig, in Saudi-Arabien ein Rockkonzert auf die Beine zu stellen, erzählt auch Kamal Khalil, Gitarrist der Metalband Death Anguish. "Konzerte sind illegal, dafür bekommt man keine Genehmigung." Unter solchen Umständen sei es nahezu unmöglich, jemanden zu finden, der bereit wäre, einem ein offenes Gelände oder einen Raum für Gigs zu vermieten. Und an einen Ticketverkauf sei da gar nicht erst zu denken. Seine Band, erzählt Kamal Khalil, spiele deshalb in privaten Häusern und Hinterhöfen. Und das auch nur in einer der großen Städte. In Dammam, Riad oder Jeddah, eine der weltoffensten Städte von Saudi-Arabien, aus der auch die Mädchenband The Accolade stammt. Etwa hundert Leute kommen zu solchen Rockkonzerten, sagt der Metalgitarrist Kamal Khalil. Echte Rockfans sind längst nicht alle von ihnen.
Es wirkt paradox: Während die wichtigste Regel für Rockmusiker eigentlich der Regelbruch ist, betonen viele saudische Bands, wie wichtig es sei, die gesellschaftlichen Spielregeln zu akzeptieren; sie greifen das Establishment nicht an, sondern wünschen sich Anerkennung - gerade von jenen, die ein westlicher Rockstar als Spießer abtun würde. Denn so lange ihnen eine breitere Akzeptanz und Unterstützung verwehrt bleibt, glaubt etwa Bader Hussain, so lange bleibe die Karriere der Bands eine virtuelle.
Viele Musiker haben eine aufwendig gestaltete Seite auf Internetplattformen wie Myspace oder Facebook. "Das ist wahrscheinlich der einzige Weg, um auf uns aufmerksam zu machen", sagt Gitarrist Kamal Khalil. Seine Band Death Anguish wurde im vergangenen Jahr von einem polnischen Label unter Vertrag genommen. Dennoch bleibt für Kamal Khalil, der als Wirtschaftsprüfer arbeitet, die Musik eine Leidenschaft für die Zeit nach Dienstschluss. "Ich glaube, es ist noch nicht an der Zeit, dass saudische Bands, die nicht-arabische Musik machen, damit auch ihren Lebensunterhalt verdienen können."
In Saudi-Arabien erhalten nur die einen Plattenvertrag, die traditionelle arabische Musik oder modernen Pop machen - Frauen in den seltensten Fällen. Auch deshalb geben die Mädchen von The Accolade gute Heldinnen ab. Nicht nur mit ihrer Musik orientieren sich The Accolade am Westen. Die Mädchen kennen sich gut aus in der europäischen Kunstgeschichte. Ihren Bandnamen haben sie von einem Gemälde des englischen Romantikers Edmund Blair Leighton, auf dem eine Frau einen vor ihr knienden Mann zum Ritter schlägt.
(SZ vom 23.12.2008/jb)
Brasiliens Präsidentin Roussef
....war es damals die Band COBRA, die so etwas wie eine Indiependent Szene initiiert haben. Ich find die Mädels jut.
Respekt, daß die Studentinnen das durchziehen. Aber bei dem Niveau der Musikszene von Saudi Arabien ist noch viel zu tun.
Mag auch am Internet liegen - der Sound ist etwas mumpfig und die Keyboards klingen ein wenig nach achtziger Jahre Bontempi-Sound. Und zwischen 1:14 bis 1:18 verhaut sich die Keyboarderin zwei Mal... Gut, sind ja keine Profis: Also viel Spaß ihnen noch!