Von F. Brüning

In seiner Pariser Wohnung hat ein Physiklehrer Frankreichs größtes Karikaturenarchiv zusammengetragen - für Wissenschaftler ein Paradies.

Man muss sich das Karikaturen-Archiv von Michel Dixmier als eine Art geheimes Forscherparadies vorstellen. Nirgendwo sonst dürfen Wissenschaftler aus aller Welt so ungestört den ganzen Tag lang in Kisten und deckenhohen Regalen stöbern. Das klingt so schön, dass einem vor dem Haus im Pariser Vorort Gentilly leise Zweifel beschleichen: Denn Michel Dixmier, der seine Besucher auf der Straße erwartet, wirkt gar nicht wie ein Archivar.

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(© Foto: oH)

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Schätze

Dem 65-Jährigen fehlt nicht nur der strenge Blick über die Lesebrille, den er dem Klischee nach haben müsste. Er rennt auch viel zu jugendlich die Treppen zu den Räumen hoch, die er für seine Sammlung angemietet hat. Und der Eingang zu seinem Archiv sieht aus wie eine banale Wohnungstür. Aber dann ist da plötzlich dieser typisch staubige Geruch. Und der gedämpfte Ton der eigenen Schritte, als hätte jemand die Wände mit Eierkartons beklebt. Und gleich hinter der Tür lagern sie dann, Dixmiers Schätze: unzählige Bücher, Zeitschriften und Plakate. Seit den siebziger Jahren hortet der frühere Physiklehrer auf 25 Quadratmetern die satirische Presse der letzten 200 Jahre.

Dixmier hat sie alle gesammelt, die großen humoristischen Blätter Frankreichs aus dem 19. und 20. Jahrhundert: L'Assiette au beurre, Hara Kiri, Le Canard Enchaîné, aber auch deutsche Revuen aus der Zeit der Jahrhundertwende: Der Simplicissimus, Der Wahre Jacob, Jugend und Wieland.

Renaissance

"In den siebziger Jahren haben wir in Frankreich eine echte Renaissance der politischen satirischen Presse erlebt. Ich bin übers Zeitunglesen und über die vielen politischen Plakate auf der Straße zum Karikaturenliebhaber geworden'', erzählt Michel Dixmier. Seine Frau Elisabeth hatte damals gerade eine Arbeit über die Geschichte von L'assiette au beurre, einem der bekanntesten französischen Satire-Hefte des 19. und 20. Jahrhunderts, an der Universität abgegeben. Michel Dixmier kam dadurch erst richtig auf den Geschmack. Aus der Magisterarbeit wurde ein Buch und aus seinem Faible eine teure Sammlerleidenschaft. Über die genauen Kosten hat er allerdings nie Buch geführt.

"Zum Glück konnten wir uns das mit zwei Gehältern leisten, denn als ich einmal angefangen hatte zu sammeln, konnte ich nicht mehr aufhören", sagt Dixmier. Stolz sei er nicht, sagt er, nur zufrieden. Er habe das Gefühl, etwas für die Nachwelt getan zu haben. "Ich habe zehn Jahre gebraucht, um beispielsweise alle Nummern vom Simplicissimus zwischen 1896 und 1935 zu bekommen. Dafür bin ich immer wieder nach München gefahren und habe ständig in Antiquariaten die Augen offen gehalten. Selbst in der französischen Nationalbibliothek werden sie nicht so viele Zeitschriften mit allen Ausgaben und schon gar nicht so viele Plakate finden".

Auch in Deutschland fehlt ein zentrales Archiv für Satire-Zeitschriften. Immerhin gibt es hier aber das Deutsche Kabarettarchiv in Mainz oder die Münchner und Berliner Staatsbibliotheken, die gut sortiert sind.

Keine Kontrolle

So gut wie bei Michel Dixmier geht es den Doktoranden und Forschern in den Bibliotheken und staatlichen Archiven aber nicht. Dixmier schließt seinen Besuchern morgens die Tür zu seinem Privatarchiv auf und holt sie erst zum Mittagessen oder abends wieder ab. Dazwischen gibt es keine Wartezeiten, keine Taschenkontrollen, keine Bibliotheksausweise und keine Aufsicht, die auf der Suche nach einem Dieb um den Leser herumschleichen würde.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, was Political Correctness aus Sicht des Physiklehrers anrichtet.

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