Sarrazin, Intelligenz und Integration Vorauseilender Pessimismus

Angst und Wahrheit: Sarrazin fürchtet die Verdummung der Deutschen. Aber tut er etwas dagegen, außer Zahlen zu fälschen?

Von Andreas Zielcke

Sarrazin hat den Finger auf viele Wunden des Integrationsprozesses gelegt. Dass er damit allerdings, wie er wähnt und viele mit ihm wähnen, Tabus bricht, ist wenig plausibel angesichts der seit Jahrzehnten stattfindenden heftigen öffentlichen Debatten über Kriminalitätsraten, Sprachprobleme und selbstgewählte Abschottung, über islamistische Gefahren genauso wie über importierte anatolische und arabische Patriarchatskulturen und nicht zuletzt über Bildungsdefizite der Immigranten.

Der eingebildete Tabubruch prägt zwar dennoch das aktuelle Diskursklima, für die Wahrheitsfrage aber ist er unerheblich. Entscheidend ist Sarrazins Tenor.

Keiner bringt diesen Tenor lakonischer auf den Punkt als der britische Economist: "Im Kern lautet Sarrazins Argument, dass die richtige Sorte deutscher Frauen zu wenig Kinder bekommen und die falsche - Muslime und andere Mindergebildete - zu viele. Die Folge ist, dass Deutschlands Bevölkerung nicht nur schrumpft, sondern auch dümmer wird." Wird sie dümmer, fällt sie auch im wirtschaftlichen Wettbewerb zurück und wird immer ärmer. In weniger als hundert Jahren wird die heutige deutsche Mehrheit zu einer Minderheit im eigenen Land werden, einem dummen und armen Land ohne Freiheit und Gleichheit, einem islamischen Gottesstaat.

Die Prognose, bedrückend wie zumal ihr theokratischer Aspekt auch für liberale Geister ist, muss sich also, wenn sie denn Sarrazins Sorge ist, um so energischer der Wahrheitsfrage aussetzen. Kann (und will) die muslimische Minderheit das Land wirklich in seine Gewalt bringen? Nichts müsste Sarrazin und alle, die seine These teilen, glücklicher machen als deren Widerlegung.

Verdächtig darum ist, wieso er sich nicht selbst auf den Pfad der strengen Überprüfung und möglichen Widerlegung seiner Vermutung begibt. Welches denkbare Interesse kann er am Aufrechterhalten der These haben, unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt? Dies bliebe eine rhetorische Fragen, drängten sich nicht massive empirische Einwände gegen den angeblichen demographischen Triumph der uns alle verdummenden und überrollenden Minderheit auf. Hier eine Auswahl:

Es geht los mit dem Zuwanderungsstrom aus der Türkei. Er hat inzwischen nicht nur abgenommen, sondern sogar die Richtung verkehrt. Ruprecht Polenz, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, nennt in seinem aktuellen Buch "Besser für beide. Die Türkei gehört in die EU" die jüngsten Zahlen. 2009 wanderten 30000 Türken hier ein, 40000 siedelten in die Türkei um. So verlockend ist das deutsche Hartz-IV-System, das Sarrazin als verhängnisvollen Magneten ausmacht, offenbar nicht.

Der jüngste Bericht des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge weist für die Migration von und nach Deutschland einen negativen Saldo aus, nicht nur für Türken. Man flieht das Land eher, als das man es aufsucht.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, was für ein Problem die Deutschen wirklich haben.

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