Freunde, Trauzeugen, Taufpaten: Im privaten Umfeld des Nicolas Sarkozy scharen sich Frankreichs Medienmächtige. Da verliert ein unliebsamer Chefredakteur schnell seinen Job.
Man stelle sich vor, Angela Merkel sei mit dem Verleger der größten deutschen Tageszeitung nicht nur befreundet, sondern dieser Freund wäre auch noch Abgeordneter ihrer Partei. Man stelle sich ferner vor, der Besitzer des mit Abstand quotenstärksten Fernsehsenders wäre ein Trauzeuge der Kanzlerin - und der zweite Trauzeuge wäre der Herausgeber einer Wirtschaftszeitung wie des Handelsblatts.
Hat gute Beziehungen zu vielen Medienhäusern: Nicolas Sarkozy. (© Foto: dpa)
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Würde man diesen Medien noch eine kritische Haltung zur Regierungsmacht zutrauen? Kritiker in Frankreich jedenfalls sehen rund um den zum neuen Präsidenten gewählten Nicolas Sarkozy bereits eine Medienmacht wie die des Italieners Silvio Berlusconi.
Das mag übertrieben sein, schließlich gehören dem früheren Innenminister Sarkozy keine Sender und Zeitungen. Er verfügt nur über gute Kontakte. Die weiß er allerdings zu nutzen.
Als im vergangenen Sommer, mitten im anschwellenden Wahlkampf, auf der Titelseite von Paris Match, dem französischen Pendant zum Stern, das Foto von Sarkozys Frau mit einem anderen Mann erschien, griff der konservative Politiker zum Telefon. Er rief den Verleger von Paris Match an - einen gewissen Arnaud Lagardère, der nebenbei über das größte Zeitschriften-Imperium der Welt verfügt.
Chefredakteur gekündigt
Alsbald war der verantwortliche Chefredakteur von Paris Match auf der Suche nach einem neuen Job. Praktisch auch, dass Lagardère mit Europe 1 einer der meistgehörten Radiosender des Landes gehört, in dem Sarkozy zuletzt oft schnell mal zur besten Sendezeit zum Interview geladen wurde, wenn er in Bedrängnis geraten war.
Auch an der angesehenen Tageszeitung Le Monde ist der Unternehmer und Erbe mit einer Minderheit beteiligt, was sich kaum bemerkbar macht. Außerdem besitzt er Zeitschriften (Elle), die Sonntagszeitung Journal du Dimanche und diverse Regionalzeitungen.
Lagardère ist ein Freund Sarkozys, ein Intimus wie Serge Dassault ist er nicht. Der ist Mitglied in Sarkozys Partei UMP und sitzt als deren Vertreter im Senat. Über das Verlagshaus Socpresse gibt er mit dem Figaro die größte überregionale französische Tageszeitung heraus.
Bis 2006 war er auch führender Gesellschafter des Nachrichtenmagazins L'Express und Herausgeber verschiedener Regionalzeitungen. Am Tag nach dem Fernsehduell zwischen Sarkozy und seiner sozialistischen Herausforderin Ségolène Royal ließ der Figaro eine Umfrage durchführen, deren Ergebnis die konservative Zeitung in der folgenden Ausgabe halbseitig auf der Titelseite verkündete: 53 Prozent der Franzosen fanden Sarkozy demnach sehr überzeugend, gerade mal 31 Prozent sahen Royal vorn. Zu noch vernichtenderen Werten für die Sozialistin kamen Umfragen, die der Fernsehsender TF1 durchführen ließ.
Das privatisierte, ehemals öffentlich-rechtliche Programm gehört einem von Sarkozys Trauzeugen, Martin Bouygues. Der besitzt gleichzeitig auch den drittgrößten französischen Mobilfunkanbieter. Bouygues war Taufpate eines Sohnes von Sarkozy.
Fühlt sich ständig angegriffen
Kritische Zuschauer des Senders meinen, der langjährige Nachrichtenmoderator Patrick Poivre d'Arvor ("PPDA") - eine Institution - würde bei Interviews nicht immer die gleichen kritischen Maßstäbe anlegen, sondern Sarkozy, wenn auch subtil, begünstigen. Schwierig zu beweisen.
Tatsache ist, dass Sarkozys zweiter Trauzeuge Bernard Arnault ist, der über die Luxusgruppe LVMH nicht nur so illustre Marken wie Louis Vuitton, Kenzo und Givenchy, sondern auch die Wirtschaftszeitungen La Tribune und Investir besitzt.
Merkwürdigerweise hielten viele Beobachter die Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal für eine Erfindung der Medien. Von Sarkozy hat das noch nie jemand behauptet. Schlecht vernetzt ist er jedenfalls nicht. Trotzdem fühlt er sich von Journalisten ständig angegriffen und schlecht behandelt.
Alexander Kluge, der intellektuelle Schattenspieler des deutschen Kinos und der deutschen Literatur, wird achtzig. Jetzt lesen ...
(SZ vom 8.5.2007)
Urteil am Bundesverfassungsgericht
Schon seltsam, dass dieser wichtige Artikel hier ganz unten bei "Kultur" gelandet ist.
Es wird langsam Zeit, dass endlich ein System entwickelt wird, wodurch wir Leser ins Internet gestellte Artikel direkt bezahlen/honorieren können. Dies garantiert die Vielfalt und Freiheit der Presse und das überleben talentierter und mutiger Journalisten.
Klar sind wir alle Europäer. Aber ich kann nicht von einer Online-Ausgabe einer Zeitung erwarten, dass alle Infos vor einer Wahl gegeben werden. Was ändert sich für mich als Deutsche/n, wenn ich über Sarkozys Machenschaften schon vor der Wahl Bescheid weiß? Mal ganz davon abgesehen, dass zum Beispiel die Geschichte mit dem entlassenen Paris Match Chefredakteur in der Printversion durchaus schon zu finden war. Es ist ja nicht so, dass einem Infos vorenthalten werden.
Und grundsätzlich von einem Reporter zu verlangen, dass er sich nicht um einen Rauswurf kümmern soll, halte ich für ein bisschen viel verlangt. Sind wir nicht alle genug um unsere Arbeitsplätze besorgt, um nicht auch mal das eine oder andere hinzunehmen, ohne zu reagieren oder es an die große Glocke, den Betriebsrat, etc. zu hängen? Und damit möchte ich nicht sagen, dass ich die grundsätzliche Richtigkeit dieser Aufforderung anzweifle. Natürlich wäre es das Ideal, wenn Journalisten immer nur die Wahrheit schreiben würden, ungeachtet aller Folgen. Aber ich finde auch, dass man Verständnis haben muss, wenn sie manchmal nicht tun/ nicht tun können.
Wie gerade erlebt, kann man nur mit den richtigen "connections" gegen das ungeordnete, aber verschworene linke Meinungskartell bestehen.
Was passiert bei uns mit einem Politiker, wenn er nicht die Bild-Zeitung als Verbündeten hat? Dann wird er zerrissen.
Siehe Stoiber: Im Fernsehen werden seine Äähs abgespult und den Rest erledigt dann die SZ.
Jeder kann seine Meinung in Wort, Ton und Bild frei veröffentlichen, so heißt es sinngemäß im Grundgesetz. So er die Mittel dazu hat, ergänzte ein Kabarettist. Wie wahr!
Die Konzentration der Medien auf die Reichen, ums knapp zu sagen, war und ist eine große Gefaht für die Demokratie.
Paging