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Salman Rushdie und die Fatwa Wie man Dreck loswird

Auch eine Fatwa verliert an Kraft: Nach einer langen Zeit des Schweigens erklärt der Schriftsteller Salman Rushdie nun, an einem Buch über seine "verlorenen Jahre" zu arbeiten.
Thomas Steinfeld

Das Gerücht lief schon seit Wochen um. Jetzt hat es Salman Rushdie bestätigt. Auf einer Veranstaltung der britischen Zeitschrift Granta erklärte der Schriftsteller, er arbeite an The Fatwa Years, einem Buch, in dem er seine Erlebnisse mit und nach der Fatwa schildern werde.

Es irritiere ihn, wie viel Schiefes und Falsches über seine Erlebnisse mit der Fatwa berrichtet werde. Deshalb hat der Salman Rushdie nun vor, unter dem Titel "The Fatwa Years" einen eigenen Erfahrungsbericht zu verfassen. Der Schriftsteller hier beim PEN "World Voices Festival of International Literature" am 28.4. 2010 in New York.

(Foto: afp)

Der iranische Revolutionsführer Ayatollah Chomeini hatte im Februar 1989 über Radio Teheran das Todesurteil über Salman Rushdie verhängt, worauf der Schriftsteller für zehn Jahre untertauchen musste, während seine Verleger und Übersetzer bedroht wurden (einer wurde verletzt, ein anderer erstochen, ein dritter entkam nur knapp einem Anschlag) und es in vielen muslimischen Ländern zu Ausschreitungen kam. Tausende Artikel gibt es zu diesem Ereignis und zu dessen Folgen, mindestens sechs Bücher sind darüber verfasst worden. Es irritiere ihn, wie viel Schiefes und Falsches über seine "verlorenen Jahre" geschrieben werde, sagte der Schriftsteller auf der Veranstaltung, nun sei die Zeit gekommen, "to get rid of this bullshit" - "diesen Dreck loszuwerden".

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Zwischen Ost und West

Vor der Verkündung der Fatwa war Salman Rushdie ein Schriftsteller aus Asien mit einem halb indischen, halb britischen Lebenslauf gewesen. Weltruhm hatte er erlangt, nachdem er im Jahr 1981 für seinen Roman Mitternachtskinder den Booker Prize, die höchste literarische Auszeichnung innerhalb des Commonwealth, erhalten hatte. Seine Bücher, die frühen zumal, handeln vom Westen im Osten und vom Osten im Westen.

Er war das literarische Versprechen einer neuen, vielfarbigen, multikulturellen Welt. Die Technik aber, in der er seine Geschichten vortrug, also der Roman, ist ganz und gar westlicher Herkunft. Als die Führer der iranischen Revolution Salman Rushdie zu ihrem Feind erklärten, wussten sie also, was sie taten: Sie zielten auf das Ineinander der Kulturen, auf die Mischung, die sich an solchen Gestalten gebildet hatte.

"Lange wollte ich nicht darüber schreiben"

Wenn Salman Rushdie nun an einem - wie er sagt - romanhaft-dokumentarischen Bericht über seine Erfahrungen mit der Fatwa schreibt, wird es um sein Leben im Verborgenen gehen, darüber, welche Legenden um ihn in Umlauf waren und welche Konsequenzen sich für ihn daraus ergaben. Er wird richtigstellen, dass er bei seinem Kollegen Ian McEwan zum Abendessen eingeladen war und keineswegs in dessen Haus versteckt wurde.

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"Lange wollte ich nicht darüber schreiben", sagt er über sein Vorhaben. "Vor allem, weil ich mich ja in der Mitte dieser ganzen Geschichte befand und das nicht angenehm war. Dann ging das vorbei, und ich dachte, dass ich überhaupt keine Lust hätte, mich zurückzuversetzen." Wenn dies nun trotzdem geschieht, wird es zweierlei bedeuten: zum einen, dass auch eine Fatwa, allen Versicherung von Islamisten zum Trotz, mit den Jahren an Kraft verliert. Zum anderen, dass sie sich in einer westlichen Form aufheben lässt.

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