Sachbuch So viel Dolchstoß war noch nie

Der Historiker Thomas Weber will erklären, wie Hitler zum National-Sozialisten wurde, und bringt diesen in allzu handliches Format. Der Grund ist offensichtlich - er kennt die Forschungslage nicht, es fehlt Grundlegendes.

Von Othmar Plöckinger

Dass sich Hitler gut verkauft, ist eine verlegerische Binsenweisheit. Daher wird sein Name in den Titel eines jeden Buches gezwängt, das nur irgendwie in die Nähe des nimmertoten Diktators kommt. Selbst Feuilletons arbeiten damit. Vor allem aber gilt das für das intensiv beackerte Feld der Biografie. Der dort herrschende Druck zwingt neue Schriften zu möglichst originellen Ansätzen, die mehr oder weniger neue Erkenntnisse liefern. Das Buch "Wie Adolf Hitler zum Nazi wurde" von Thomas Weber ist der bisher letzte Ausläufer dieser Welle, der entschlossen auch noch "Mein Kampf" in den Untertitel packt.

Thomas Weber hat vor einigen Jahren mit seiner Studie über Hitlers Zeit im Ersten Weltkrieg für Aufsehen gesorgt. Daher durfte man auf seine neue Arbeit gespannt sein. Das Buch beginnt denn auch mit einer Überraschung. In einer kurzen Einleitung streift er den "National-Sozialismus" von Österreich bis Großbritannien, von der Vorkriegszeit bis in die späten 1920er-Jahre. Man horcht auf und erwartet Großangelegtes.

Doch die nächste Überraschung folgt auf dem Fuß. Weber wirft sich sofort ins Geschehen und hält sich nicht lange mit der Forschungslage auf. Im weiteren Verlauf der Lektüre begreift man, warum: Er kennt sie nicht. In allen Bereichen fehlt nicht nur Randständiges, sondern Grundlegendes. Quelleneditionen finden sich nur wenige. Die Forschungsliteratur lückenhaft zu nennen, wäre untertrieben, denn die Liste der fehlenden relevanten Studien ist länger als die der vorhandenen. Das gilt für die politische und gesellschaftliche Entwicklung nach dem Ersten Weltkrieg ebenso wie für die antisemitische und völkische Bewegung und ihre Ideologiegeschichte. Vielleicht war es Zeitnot, vielleicht entspricht es dem Zeitgeist, dass von Autoren wesentlicher Studien nur über das Internet abrufbare Kurzartikel aufscheinen, jedenfalls hat es Folgen: Zur Reichswehr und zu den paramilitärischen Verbänden fehlt die Literatur fast vollständig. Dass eine Arbeit aus dem Jahr 1969 als "Standarddarstellung" vorgestellt und die Freikorps-Schrift eines französischen Rechtsradikalen überhaupt erwähnt wird, irritiert zusätzlich.

Hitler soll hier als ehemaliger Linker und als ein Wendehals entlarvt werden

Noch problematischer ist der Befund zur Quellenbasis. Die antisemitische und antibolschewistische Literatur bleibt weitgehend unbeachtet. Das betrifft nicht nur die zahllosen Hefte, Zeitschriften und Flugblätter, sondern zentrale Texte wie Dietrich Eckarts "Bolschewismus von Moses bis Lenin". Unbeschriebene Blätter sind für Weber auch Theodor Fritsch, Artur Dinter oder Alfred Roth, von kleineren völkischen Irrlichtern ganz zu schweigen. Ähnliches gilt für die gegen den Antisemitismus gerichtete Publizistik: Sie kommt nicht vor. Selbst die Münchener Tagespresse wird nicht ausgewertet - Zitate und Verweise stammen fast durchgehend aus zweiter Hand. Bestenfalls rudimentär sind schließlich auch die archivalischen Quellen: Von den zahllosen Beständen des Kriegsarchivs in München werden neben personenbezogenen Unterlagen lediglich fünf berücksichtigt. Sogar die Akten jener Einheiten, denen Hitler nach dem Ersten Weltkrieg angehörte oder zugeordnet war, wurden nicht eingesehen. Dass die Bestände des ehemaligen NSDAP-Hauptarchivs komplett fehlen, ist beinahe schon Nebensache. Es entbehrt daher nicht einer gewissen Ironie, wenn Weber der Wissenschaft vorwirft, sie produziere durch differenzierte Analysen - selektive "Dekonstruktion des Quellenmaterials", wie er schreibt -, lediglich "Fabeln und Märchen", denn in die Verlegenheit quellenkritischer Arbeit gerät er erst gar nicht.

Man könnte das Buch also getrost zuklappen, wäre nicht die Neugier geweckt, wie auf solcher Grundlage Hitlers "Selbsterfindung" als Nazi erklärt werden soll. Webers große Liebe gilt den Memoiren und Tagebüchern, insbesondere jenen aus bürgerlichen und adeligen Kreisen. Ihnen wohnt offenbar ein ganz besonderer Zauber inne. Exemplarisch dafür steht das Revolutionstagebuch des nationalkonservativen Münchener Autors Josef Hofmiller. Weber ignoriert die vielen Schriften, die kurz nach dem Ende der Räterepublik erschienen sind, und stützt sich stattdessen mit Hofmiller auf einen Text, der erst nach 1933 publiziert wurde und dem "jungen Großdeutschland" gewidmet ist. Dass er die Problematik solcher Quellen an keiner Stelle erläutert, irritiert erneut. Daneben geraten einzelne durchaus beachtenswerte Hinweise zur Marginalie, wenn etwa zeitgenössische Beobachtungen alliierter Militärs oder das Tagebuch eines ehemaligen Kriegskameraden Hitlers nicht quellenkritisch aufbereitet, sondern nur als Zitatelieferanten benutzt werden. So kann das Bild, das von der Revolution und der Rätezeit gezeichnet wird, nur entsprechend ausfallen: angesiedelt irgendwo zwischen Halunkenstreich, Massaker und Kasperletheater. Das anschließende Wüten der Freikorps in München hingegen wird zu bedauerlichen Einzelfällen, provoziert durch den roten Widerstand, heruntergeschrieben.

Zentrales Anliegen Webers ist jedoch, Hitler als ehemaligen Linken und damit als Wendehals zu entlarven. Schon in den 1920er-Jahren war es ein erfolgloses, wenngleich verständliches Bemühen der Gegner Hitlers, ihn politisch auf dem falschen Fuß zu erwischen. Aber auch heute noch im schwer fassbaren Fanatiker einen jämmerlichen Windbeutel entdecken zu wollen, scheint vor allem dem Wunsch Allzuspätgekommener zu entspringen, den Berserker doch auch noch besiegen zu dürfen. Egal, ob nun betrügerischer Steuervermeider, unfähiger Schreiberling, drogensüchtiger Junkie, sexueller Versager oder eben politischer Karrierist - Hitler wird in handliches Format und die deutsche Geschichte ins rechte Lot gebracht.

Diese Erkenntnisse sind allein dem Autor neu. Oder nicht belegt. Oder falsch

Da die Archivbestände jedoch keinen Hinweis auf ausgeprägte linke Sympathien Hitlers liefern, vielmehr das Gegenteil nahelegen, muss Weber mit anderen Methoden arbeiten. Er lässt bereits in den ersten Kapiteln keine Gelegenheit aus, Hitlers Verbleib in der Armee als Dienst an der Revolution zu deuten. Freilich entlarvt er damit auch allerhand sonstige Militärs von Paul von Hindenburg bis Ernst Röhm als rote Parteigänger. Denn schließlich blieben ja auch sie. So viel Dolchstoß war noch nie.

Schließlich mutiert für Weber Hitler durch dessen Wahl zum Bataillonsrat vom "Rädchen im Getriebe des Sozialismus" zum lavierenden Unterstützer der Räterepublik, vielleicht sogar der bayerischen Roten Armee, jedenfalls der Sozialdemokratie. Unbeschwert von den komplexen Verhältnissen in den bayrischen Truppenteilen, jedoch weiterhin an der Hand von Hofmiller und Co., eilt Weber von Erkenntnis zu Erkenntnis, die freilich nur ihm alleine neu sind. Oder nicht belegt. Oder falsch. Oder alles zusammen. Das betrifft seine wenig überraschende Beobachtung, dass der Versailler Vertrag einschneidend für Hitler gewesen sei, nicht weniger als seine Annahme, Hitler sei auf ganz besondere Art zum Antisemiten geworden - nämlich aus antikapitalistischen Reflexen. Ein Blick in die antisemitische Literatur hätte Weber den merkwürdigen Vergleich mit dem Antisemitismus Kardinal Faulhabers erspart und gezeigt, wie sehr sich Hitler hier in den traditionellen Bahnen seiner Gesinnungsgenossen bewegte. Bei Detailfragen zu Hitlers weiterer Entwicklung und Karriere entzieht sich Weber dem Gestrüpp der militärischen und politischen Verhältnisse Münchens durch naive Vereinfachungen, im Kapitel "Genie" bietet er zudem sämtliche Klischees auf, die über den Redner Hitler zu haben sind. Und warum er sich in den letzten Kapiteln auch noch mit der Zeit von 1921 - 1926 beschäftigen muss, zu der sämtliche in den letzten Jahren erschienenen Hitler-Biografien mehr zu sagen haben, bleibt ohnehin ein Rätsel. Einzelne aufschlussreiche Ergebnisse wie etwa die durchaus hohe Zahl an jüdischen Freikorps-Mitgliedern sind hingegen leider Ausnahmen.

Welchen Zwängen und Absichten Webers Buch letztlich auch entsprungen sein mag - wissenschaftliche können es nicht gewesen sein. Es wirft zwar viele Fragen auf. Mit Hitler haben sie allerdings nicht viel zu tun.

Der Historiker Othmar Plöckinger gehört zu den Herausgebern der kritischen Edition von "Mein Kampf". 2015 veröffentlichte er Quellen und Dokumente zur Geschichte dieses Buches.