Russlanddeutsche Doppelte Fremdheit

"Und wie bist du hierhergekommen?"

Foto: Fanghong, Russian-Matroshka2, Montage von SZ.de, CC BY-SA 3.0

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In den Neunzigern kamen Hunderttausende Spätaussiedler nach Deutschland, in die Heimat ihrer Ahnen. Vielen wurde erst dann klar: Sie sind auch Russen. Eine Geschichte über Menschen, die Heimat neu deuten müssen.

Von Ekaterina Kel

Partys, die auf der Webseite rusound.de angekündigt werden, haben meist zwei Dinge gemeinsam. Erstens: Man spricht dort Russisch. Zweitens: Man wird dort eine Frage besonders oft zu hören bekommen: "Und wie bist du hierhergekommen?" Diese Frage ist keine Nebensächlichkeit, die sich angetrunkene Menschen zuraunen, um ein bisschen Smalltalk zu machen. Sie ist ganz und gar nicht trivial, denn sie meint: Aus welchem Land bist du nach Deutschland gekommen? Wie alt warst du? Und wie ist es dir seit der Übersiedlung ergangen? Die Gäste auf diesen Partys teilen dasselbe Schicksal: Sie sind nicht aus Deutschland, leben aber dauerhaft hier und sprechen am liebsten Russisch.

So auch in München, in einer kalten Freitagnacht, an einem Ort namens Mint Club. Die Frau an der Kasse will "pjat' Jewro"- fünf Euro Eintritt. Auf der Tanzfläche rasselt die typische Techno-Begleitung eines russischen Popsongs, Popsa heißt das hier, mit Betonung auf dem A. Igor ist ein Mann Mitte vierzig, der eine Club-Version von Wladimir Putin sein könnte - schwarzes eng anliegendes Polyester-T-Shirt, übergroße Silberkette, Beinahe-Glatze, zusammengezogene Augenbrauen. Er erzählt, natürlich auf einwandfreiem Russisch, dass er mit 19 nach Deutschland kam. Als junger Ukrainer habe er damals noch in der Sowjetarmee gedient. "Egal ob Russen, Ukrainer, Kasachen - wir sind alle Sowjets", sagt er. Mit denen verstehe er sich am besten, "wir haben gemeinsame Themen". Mit Deutschen sei er dagegen nie richtig warm geworden. Was macht er dann noch hier? "Ich bin doch Deutscher", lautet seine Antwort.

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Igor ist einer von denen, die Migrationsforscher als Generation 1,5 bezeichnen. Viele von ihnen kamen in den Neunzigerjahren als Spätaussiedler aus Russland und den anderen ehemaligen Sowjetrepubliken nach Deutschland. Sie waren Teenager - zu jung, um sie der ersten Einwanderergeneration zuordnen zu können und zu alt, um zur zweiten Generation der normalerweise hier Geborenen zu zählen. Zwischen 13 und 19 Jahren steckten sie nicht nur in einer der kompliziertesten Lebensphasen, sondern auch zwischen den migrierenden Generationen, deshalb die 1,5.

"Nationalität: Deutsch" stand in ihren sowjetischen Pässen

Diese Menschen kamen hierher, für immer. Denn sie sind Deutsche: Paragraf 6 des Bundesvertriebenengesetzes erkannte ihre Eltern, und somit auch die Jugendlichen selbst, als Angehörige des deutschen Volkes an. Nachdem Gorbatschow 1987 mit seiner Glasnost-Politik die Ausreiseregelungen aus der Sowjetunion gelockert hatte, beantragten immer mehr Spätaussiedler einen Aufnahmebescheid für die Bundesrepublik. Zum Vergleich: Innerhalb von 19 Jahren, von 1970 bis 1989, kamen rund 233 000 Aussiedler aus der UdSSR nach Deutschland. Und allein im Jahr 1994 waren es 214 000.

Zwischen 1990 bis 1999 entschieden sich mehr als 1,5 Millionen Menschen für ein Leben "als Deutsche unter Deutschen". Sie bekamen die deutsche Staatsangehörigkeit - schließlich kehrten sie in ihre Heimat zurück, auf deutschen Boden, wenn man so will. Und das nach mehr als 200 Jahren des Quasi-Exils im russischen Zarenreich und in der Sowjetunion. Ihre Geschichte ist die der Rückkehrer.

1763 holte Zarin Katharina die Große, eine Deutsche, die das Russische Reich regierte, viele ihrer Landsleute nach Russland. Die Zarin versprach ihnen Land, Steuer- und Religionsfreiheit. Jahrhundertelang lebten sie und ihre Nachfahren größtenteils ungestört in deutschsprachigen dörflichen Enklaven entlang der Wolga. Dann kam der Zweite Weltkrieg und mit ihm die Nazis.

Die Russen sahen die in ihrem Land lebenden Deutschen als potenzielle Spione und Volksfeinde und deportierten sie nach Sibirien und Zentralasien. Viele mussten in Zwangslagern arbeiten. Die meisten lernten erst dort Russisch. Nach dem Krieg verstreuten sich die Russlanddeutschen überall in der Sowjetunion, manche blieben in Sibirien, andere gingen nach Kasachstan. Sie wurden als Faschisten beschimpft, als Deutsche gehasst. Aber ihre Kinder gingen auf russische Schulen und Universitäten. Der Vermerk "Nationalität: Deutsch" stand in ihren sowjetischen Pässen.

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Bis heute kommen Spätaussiedler in Deutschland an, die Zahlen liegen wieder unter 10 000 pro Jahr. 2,4 Millionen leben hier schon. Aber diese Zahl ist mit Vorsicht zu betrachten. Das sagt Jannis Panagiotidis, Juniorprofessor für russlanddeutsche Migration und Integration von der Universität Osnabrück. Denn die in Deutschland geborenen Kinder gehen in die Statistiken des Bundesverwaltungsamts nicht mehr ein. Die sogenannte zweite Generation der Russlanddeutschen ist also kaum zu erfassen. Doch die kulturelle Differenz, das Gefühl, zwischen den Stühlen zu sitzen, kann auch bei den Nachgeborenen noch sehr stark sein.

"Mein Sohn sagt, er ist Russe", erzählt zum Beispiel Swetlana Jungkind aus Neu-Ulm, die mit 15 im Jahr 1992 nach Deutschland gekommen ist und ihren Sohn hier geboren hat. "Und ich sage ihm: Quatsch, was bist du denn für ein Russe? Du bist doch eine deutsche Kartoffel!" Ihre zwei jüngeren Kinder verstehen Russisch zwar, sprechen es aber kaum noch selbst. Swetlana Jungkind wurde in eine Heimat gebracht, von der sie gar nichts wusste, außer, dass sie angeblich dort hingehörte. Sie wuchs in Russland mit dem Wissen auf, dass sie eigentlich Deutsche ist. Sie war trotzdem zu jung, um für sich selbst zu entscheiden, wo sie hingehörte. So erging es vielen Russlanddeutschen dieser Generation. Auch Igor aus der Russendisco, dessen melancholischer Blick Bände über das Gefühl erzählt, zwei Heimaten zu haben, die beide nicht so ganz Heimat sind. Zwei Nichtheimaten, das trifft es vielleicht besser.