Russischer Autor Sachar Prilepin Schreiben, kämpfen, schreiben

Sachar Prilepin hält nicht viel von der Postmoderne und noch weniger von Wladimir Putin, doch leider: "Die Liberalen haben die Revolution verkackt!". Was er schreibt, hat er selbst erlebt, so etwa den Tschetschenien-Krieg. Ein Besuch beim vielleicht wichtigsten russischen Schriftsteller seiner Generation.

Von Moritz Gathmann

Er hat es von Anfang an gewusst. "Die Liberalen haben die Revolution verkackt! Sie haben die Proteste einfach den Bach runtergehen lassen", schimpft Sachar Prilepin, während er seinen schwarzen Mitsubishi-Jeep über die Schlaglöcher jagt. Aus den Lautsprechern rappt 50Cent, Prilepins Wagen hüpft wie in einem amerikanischen Gangsta-Rap-Video auf und nieder. Draußen ziehen endlose Birkenwälder vorbei, die zwischen Nischnij Nowgorod und Prilepins Dorf Jarki liegen.

Es sind die Tage nach Putins Wiederwahl, und im einige hundert Kilometer entfernten Moskau weigern sich die Anführer der Proteste, die sich und den Demonstranten seit Dezember Hoffnung auf ein "Russland ohne Putin" gemacht hatten, das eigene Scheitern anzuerkennen. "Dabei war allen klar, dass er wiedergewählt würde", sagt der 36-jährige Prilepin. Das hat er schon im Dezember gesagt, als er die erste Demonstration organisierte. Aber was denn sonst? "Als auf dem Bolotnaja-Platz 100.000 standen, hätte man sagen sollen: Wir bleiben so lange hier, bis es neue Parlamentswahlen gibt. Zelte aufstellen, Feldküchen", sagt Prilepin. Klingt nach Revolution. Ist es auch. "Anders geht's nicht", sagt Prilepin. Der Mann hat Prinzipien.

Im Sommer erscheint in Deutschland Prilepins wichtigstes Buch "Sankja", und man kann es eigentlich kaum fassen, dass es so lange gedauert hat: In Dutzende Sprachen ist Prilepin übersetzt, in Frankreich verkauft sich eine Auflage nach der anderen. Doch vor allem ist Prilepin der vielleicht wichtigste Autor für jene junge russische Generation, die die Postmoderne satt hat und wieder nach Werten fragt.

Er sei es gewesen, sagt Prilepin ohne Bescheidenheit, der wieder Werte wie Familie, Ehre und Heimat in die russische Literatur gebracht habe. In Moskauer Buchläden füllen die Ausgaben seiner Romane, Essays und Kurzgeschichten ganze Regale. Er schreibt fesselnd, direkt. Aus seinen Büchern spricht ein unstillbarer Lebenshunger, der auch den Menschen Prilepin antreibt - und der ihm in der amerikanischen Newsweek den Vergleich eines "jungen russischen Hemingways" eingebracht hat. Aber es liegt auch an seiner Glaubwürdigkeit, oder wie es Prilepin ausdrückt: "Du musst für den Basar einstehen, den du veranstaltest." Was Prilepin schreibt, das hat er erlebt. Wozu er aufruft, das tut er selber. Das macht ihn überzeugend. Und ungemütlich.

Ein Kämpfer wird Schriftsteller

Sachar (eigentlich Jewgenij) Prilepin, geboren 1975, wächst in einer einfachen, aber gebildeten Familie im Gebiet Nischnij Nowgorod auf, der Vater Lehrer, die Mutter Krankenschwester. Mit 16 fängt er an zu arbeiten, als Türsteher, als Packer, nebenher studiert er Literatur. Dann heuert er bei der Omon an, einer Spezialeinheit der russischen Polizei, die besonders brutal gegen Demonstranten vorgeht. In den 90er Jahren wurden die Omon-Einheiten nach Tschetschenien geschickt. Prilepin kämpfte 1996 als Kommandeur in Grosny, dann im Zweiten Tschetschenienkrieg 1999.

Seine Erlebnisse beschrieb er in seinem ersten Buch "Pathologien" (2004). Es ist ein schwieriges Buch, weil es keine eindeutige Position einnimmt: Prilepin beschreibt, wie seine Einheit durch die Stadt streift und Zivilisten tötet. Seine Sprache ist hart, ohne ästhetische Filter: Blut spritzt, Körperteile liegen herum, Soldaten übergeben sich. Prilepin besingt die Kameradschaft der Männer, aber zwischen den brutalen Kriegskapiteln stehen gefühlvolle, sehnsüchtige aber auch eifersuchtsvergiftete Erinnerungen an seine Geliebte in der Heimat. Am Ende rächen sich die "Tschitschis", wie die Soldaten die Tschetschenen nennen: Sie stürmen den Posten der Russen, kaum einer überlebt. "Es ist alles wahr, was dort steht", sagt Prilepin.

Dass er kein Freund der Political Correctness ist, bekam vor einigen Jahren eine französische Radiojournalistin zu hören, die von ihm das übliche Lamento erwartete, wie schrecklich alles in Tschetschenien gewesen sei. "Wir Russen lieben es zu kämpfen", antwortete Prilepin, "und wir sind gerne bereit, unsere Fähigkeiten jederzeit in jedem europäischen Land unter Beweis zu stellen." Es sind Provokationen wie diese, die Prilepin problematisch machen. "Aber ich habe gemerkt, dass man mit russischen Schriftstellern anders umgeht. Man erwartet von uns, dass wir irgendwie durchgeknallt sind", sagt er.

Ein Buch, das Prilepin Feinde bringt

Mitte der 90er Jahre stößt Prilepin zu den "Nationalbolschewiken", einer radikalen Organisation mit einer kruden linksnationalistischen Ideologie, die der Schriftsteller Eduard Limonow um sich sammelt, um das Regime zu stürzen. In den Jahren des Putin-Regimes blühen die "Nazboly" auf: Sie stürmen das Empfangsgebäude der Präsidialverwaltung, übergießen den Obersten Wahlleiter mit Majonäse und verwüsten Moskauer Einkaufsmeilen. 2003 zählt die Organisation mehr als 10 000 Mitglieder. Der Staat reagiert mit äußerster Härte: Spezialeinsatzkräfte stürmen das Moskauer Hauptquartier, die Organisation wird verboten, einige Mitglieder erhalten mehrjährige Haftstrafen. Prilepin beginnt zu schreiben.