Von Ein Kommentar von Johan Schloemann

Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen wie eine Uhr. Griechenland fordert von London die Rückgabe von Parthenon-Skulpturen, doch nationalistischem Herkunftsdenken sollte nicht nachgegeben werden.

Auf den Plätzen der ewigen Stadt Rom ragen Obeliske in den Himmel. Diese heiligen spitzen Pfeiler voller Hieroglyphen haben die Römer vor 2000 Jahren als Besatzer aus Ägypten weggeschafft. Seitdem stehen sie, einst Symbole der Weltherrschaft, in Rom. Sollte man dieses Raubgut nicht an Ägypten zurückgeben?

Der Parthenon-Tempel auf der Akropolis. (© Foto: afp)

Anzeige

Natürlich nicht. Die Folge wäre eine groteske Aufrechnerei und Herumschieberei der Kunstschätze auf der ganzen Welt. Die Monumente des Altertums, die früher von Land zu Land gingen, sind am neuen Ort selbst Teil der Geschichte geworden. Dasselbe gilt auch für die berühmten Skulpturen vom Parthenon-Tempel der Akropolis in Athen, die seit 1816 im British Museum in London zu sehen sind.

Griechenland fordert sie immer wieder von den Briten zurück - in dem neu errichteten Museum am Fuße der Akropolis wurde nun sogar ein großer Raum mit Leerstellen gebaut: als Mahnmal, als gedachtes Zuhause für die klassischen Werke aus der Zeit des Perikles, heute in Londoner Besitz. Das Land, das sich als Nachfolger des antiken Griechenlands konstruiert, macht damit einen Museumsneubau zum außenpolitischen Akt.

Diesem nationalistischen Herkunftsdenken sollte jedoch nicht nachgegeben werden. Gewiss: Dass ein englischer Lord einen Großteil der Parthenon-Kunstwerke aus Athen mitnahm, war damals unter osmanischer Herrschaft wohl formal rechtmäßig, aber dennoch eine Barbarei. Eine Barbarei, die heute illegal wäre, denn jedes Land hütet mit Recht seine archäologischen Schätze. Die Geschichte jedoch lässt sich deswegen nicht zurückdrehen wie eine Uhr: Dann müssten auch alle anderen Museen leergeräumt werden, in denen die Kunst der Menschheit verteilt ist.

Leser empfehlen 

(SZ vom 15.10.2007)