Selbst in Lebensgefahr dachte Rudi Carrell nur an die Kamera. Ein sehr privater Film erinnert an den großen Unterhalter.
Zu seiner Hochzeit am 7. Juli 2006 hatte Günther Jauch auch Rudi Carrell eingeladen. Doch kurz vor dem Fest erreichte Jauch eine E-Mail. Er könne nicht kommen, er sehe scheiße aus, schrieb Carrell in seiner gewohnt schnoddrigen Art. Am Tag der Hochzeit starb der vielleicht größte Showmaster, den Deutschland je hatte.
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Einer wie er kommt so schnell nicht wieder: Rudi Carrell wäre am Samstag 75 Jahre alt geworden. (© Foto: dpa)
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Jauch erzählt von diesem Zusammentreffen der Ereignisse am Ende eines 45-minütigen Films, und seine Sätze hallen nach. Man ist nach dem, was man vorher gesehen hat, glatt versucht, Carrell ein bisschen Absicht zu unterstellen, ihm anzudichten, dass er vielleicht versucht haben könnte, Jauch auf den letzten Metern die Schau zu stehlen. Das hatte er früher bei seinem Vater André schon getan, der in Holland ein großer Bühnenkünstler war. Wenn für den telefonische Auftrittsanfragen kamen, sagte der junge Rudi, der Vater habe keine Zeit, aber er könne ja einspringen. So war er.
An diesem Samstag wäre Rudi Carrell 75 Jahre alt geworden, und die ARD schenkt ihm einen Film, den seine Tochter Annemieke und sein Schwiegersohn zusammengestellt haben. Es reden Schwestern, Kinder, Enkelkinder und Kollegen. Sie erzählen viel vom Rudi, wie er war, wenn er nicht öffentlich war. So viel, dass die Indiskretion manchmal fast übertrieben wirkt. Man muss sich dann daran erinnern, was für eine öffentliche Person Carrell mit Leib und Seele war. Als er bei Filmaufnahmen einmal fast in einem Teich ertrunken wäre und nur durch beherzten Einsatz der Umstehenden gerettet werden konnte, gingen seine ersten Worte ans Kamerateam: "Habt ihr's?" Sie hatten es.
Selbst als er schwer krebskrank in seinen letzten Wochen auf einen Rollwagen angewiesen war, hat er sich filmen lassen. Man sieht einen gelassenen alten Mann, der die Anwesenheit der Kamera genießt. Man sieht ihn auch, wie er ein Baby im Arm hält. So zart hält er es, wie man es von dem einst auch für derbe Ausfälle bekannten Carrell lange nicht gewohnt war. Dass er oft ein übler Bursche im Umgang mit Kollegen war, spart der Film nicht aus. Auch nicht die Art, wie er Frauen behandelte. "Er denkt, er sei James Bond", sagt sein Sohn.
Wenn in der Familie etwas Lustiges geschah, nutzte Carrell das später oft in seiner Sendung. Seine Welt war eine Show. Den letzten großen Auftritt hatte er im Februar 2006 bei der Verleihung der Goldenen Kamera. "Es war eine Ehre, in diesem Land und vor diesem Publikum Fernsehen machen zu dürfen", sagte er da und brachte manchen zum Weinen, weil es ein wenig klang wie seine eigene Grabrede. Ihn hat die Wirkung, die der Auftritt hatte, sichtlich gefreut. Wieder einmal hatte er gezeigt, wie man es macht und wann es richtig ist. Auch am Ende sah es aus wie eine Inszenierung, die es natürlich nicht war. Rudi Carrell starb fünf Monate später. So einer kommt so schnell nicht wieder.
Unser Bruder, Vater, Opa Rudi genannt Carrell, Sonntag, ARD, 15.45 Uhr.
(SZ vom 19.12.2009/rus)
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