"Mein Ziel war es nun, das Genre Sitcom noch einmal auf ein anderes Niveau zu bringen, dramatischer, realitätsnäher", sagt Ruff. Es entsteht das Format Der Lehrer. Der darin enthaltene Realismus, die Verbindung von sozialer Härte und Humor veranlassten die RTL-Programmentscheider, die Ausstrahlung stetig hinauszuzögern. Erst jetzt, im August 2009, gibt es die Serie in strategisch ungünstigen Doppelfolgen zu sehen. Ruff zeigte sich darüber tief enttäuscht. "Für mich ist der Lehrer ein absolutes Premiumprodukt. Nach dem Dreh habe ich damals auf dem Abschlussfest gesagt, wenn das Ding nicht funktioniert, höre ich auf."

Anzeige

Gesagt, getan.

Zusätzlich genervt vom Serienflop Herzog mit TV-Ekel Niels Ruf zieht die bis dato mächtige Produzentin im Herbst 2008 die Reißleine und kündigt für den darauffolgenden Sommer ihren Ausstieg aus dem TV-Geschäft an. Es fehlten ihr der Spaß und die Energie, weiter für ein Medium zu entwickeln, welches mehr und mehr von Controllern dominiert wird.

Ruff: "Klar fiel mir der Schritt nicht leicht. Mein Team war meine Familie, und ich kam mir ein bisschen vor wie die Rabenmutti. Trotzdem bereue ich die Entscheidung keine Sekunde."

Auch das Angebot des japanischen Mutterkonzerns, das komplette kreative Europa-Geschäft zu übernehmen, kann die toughe Ruhrpottlerin nicht mehr locken: "Da hätte ich dauernd nur traurig in irgendwelchen Hotelzimmern gesessen und mich auf die nächste Konferenz vorbereitet."

Jetzt, im August 2009, wirkt Ruff entspannter denn je. Sentimentalität ist nicht ihre Sache: "So was habe ich als Kind des Kohlenpotts gar ich nicht in den Genen." Zudem findet man bei ihr keine Spur von Kulturpessimismus, zugleich jedoch einen klaren Blick auf die derzeitige Situation des fiktionalen Fernsehens: "Die Darstellung von Realität mittels sogenannter Reality-Formate hat überhandgenommen. Da hebelt eine Semi-Wirklichkeit die Fiktion völlig aus. Es herrscht darum allgemeine Ratlosigkeit, was man fiktional erzählen muss, um den Zuschauer noch an eine Serie binden zu können. Überhaupt ist generell vieles abgegrast, und man fragt sich, was noch Innovatives passieren kann."

Überzeugter Dauersingle

Nicht nur ihr ehemaliger Haussender RTL verabschiedet sich dieser Tage darum auch aus ökonomischen Gründen mehr und mehr vom klassischen Geschichtenerzählen. "Kein Wunder", meint Ruff, "fiktionales Fernsehen ist teuer, und Nonfiction kannst du natürlich günstig und in Masse herstellen, und damit mehr Zuschauerbindung generieren als mit einer aufwendig produzierten Serie, von der nur einmal im Jahr acht Folgen laufen."

Sie gibt darüber hinaus unumwunden zu, mit ihren 49 Jahren in Zukunft nicht mehr der "werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen" anzugehören. Ruff nüchtern: "Es wächst eine neue Generation von Zuschauern heran, die über eine andere TV-Sozialisation verfügt. Da gehöre ich einfach definitiv nicht mehr dazu."

Auch in Amerika, seit jeher Format-Einkaufsladen für deutsche Sender, sieht Ruff zur Zeit eine gewisse Ratlosigkeit. Die wenigen Ausnahmeproduktionen sind fast allesamt bei kleinen Kanälen, allen voran HBO, zu finden: "Wenn es ein deutsches HBO gäbe, könnte ich mir durchaus noch einmal vorstellen, zurückzukommen." Gibt es aber nicht. Leider.

Ihr Abschied wurde in der Branche mit viel Respekt und Bewunderung aufgenommen. Ruff zeigt Verständnis, für die, die weitermachen müssen: "Klar sind da draußen einige, die es gerne genauso machen würden, es sich aber nicht leisten können, weil eine Familie zu Hause wartet oder das Ferienhaus in Spanien noch tief in den roten Zahlen steckt."

Der überzeugte Dauersingle Ruff indes genießt ab sofort die Zeit für sich, jettet mal kurz zur ästhetischen Bewusstseinserweiterung nach Japan und plant den nächsten Coup - im sozialen Bereich: "Früher habe ich meine Energien oft unnütz verschleudert. Das passiert automatisch, wenn du jung bist. Jetzt möchte ich gezielt etwas Neues aufbauen. Jungen Leuten im sozialen Härtegebiet helfen, fände ich spannend, da schaue ich gerade, was geht." Man kann sicher sein, dort wo "Mutti Ruff" sich engagiert, geht einiges. Ruff über ihre Arbeitsphilosophie: "Ich habe einen Hang, um mich herum Ersatzfamilien aufzubauen. Ich bin gespannt, wer diesmal an meiner Seite sein wird!"

So ganz verloren geht Christiane Ruff der Unterhaltung zum Glück nicht. Als freie Produzentin realisiert sie gerade eine Tommy-Jaud-Verfilmung für die Leinwand. Wobei ihrer Meinung nach im Kino noch mehr egomanischer Wahnsinn regiert, weil es um noch mehr Geld geht.

Und was wünscht sie dem deutschen Fernsehen und seinen Machern? Christiane Ruff denkt nach: "Dass es niemals den Versuch aufgibt, sich zu erneuern. Dass es mehr Wagemut zeigt und vor allem niemals seine Zuschauer unterschätzt."

Schade, dass das Fernsehen in Zukunft nicht mehr auf Christiane Ruff setzen kann.

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. Spaß an der Backe
  2. Sie lesen jetzt Kind des Kohlenpotts
Leser empfehlen 

(SZ vom 08.08.2009/hai)