Shows, Soaps und Sensationen: Das Privatfernsehen zeigt alles - nur keine Verantwortung für sein Programm und die Gesellschaft.
Die Geschichte des Privatfernsehens in Deutschland ist eine Geschichte der Tabubrüche. Am Anfang, 1984, stand die Nacktheit, später waren Krawallshows ein Thema, dann wurden verhaltensauffällige junge Männer und Frauen in einen Container gesperrt und observiert. Heute ziehen Prominente in ein Dschungelcamp und setzen sich kulinarischen Tierversuchen aus.
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"Erwachsen auf Probe": Die neue RTL-Show löste eine Grundsatzdebatte über Jugendschutz und Menschenwürde aus. (© Foto: RTL)
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Weibliche Teenager lassen sich von einer in Amerika lebenden Deutschen erniedrigen und zu Foto-Models dressieren. Und wer als Halbwüchsiger Sänger werden möchte, muss die Häme und den Spott einer Boulevardfigur wie Dieter Bohlen ertragen. Solche Geschmacklosigkeiten haben bislang keine Grundsatzdebatte über die Grenzen des Anstandes und die Verantwortung des Privatfernsehens für Zuschauer und Gesellschaft ausgelöst.
In Deutschland gibt es das duale TV-System, das Nebeneinander von gebührenfinanzierten, öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten und privatwirtschaftlichen Kanälen. Traditionell sollen sich die einen um Information und Kultur kümmern. Die anderen, die Kommerziellen, pflegen eine andere Kultur: die Unterhaltungskultur, denn mit Shows, Soaps und Sensationen macht man Masse. Zum Stand der Unterhaltungskultur hat jetzt eine neue Debatte begonnen, weil RTL eine Sendung im Programm hat, die "Erwachsen auf Probe" heißt.
Gezeigt wird mit den stilistischen Mitteln der Doku-Soap, wie Teenager mit Säuglingen die Elternrolle einüben - ein Experiment am lebenden Subjekt also. RTL hält "Erwachsen auf Probe" für einen sozialrelevanten Beitrag. Es gehe darum, Familienkompetenz zu erlernen. So redet man sich sein Programm schön in der Krise, in der es kompromissloser als bisher darauf ankommt, gut abzuschneiden. Das heißt für RTL: überdurchschnittliche Quoten zu erzielen und damit attraktiv zu bleiben für Werbekunden.
Bis zur Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen hat sich die Entrüstung über den kalkulierten Einsatz von Babys im Fernsehen nun hochgearbeitet. 60 Verbände und Organisationen haben RTL eine Erklärung überreicht und gegen die Ausstrahlung protestiert. Eine Klage mit dem Ziel, "Erwachsen auf Probe" verbieten zu lassen, hat das Verwaltungsgericht Köln abgewiesen. Begründung: Das Jugendamt der Stadt Köln - dort hat RTL seinen Sitz - sei nicht berufen, in eigener Zuständigkeit eine Fernsehausstrahlung zu untersagen.
Zuständig für die Kontrolle der Privatsender sind die Landesmedienanstalten. Sie müssen prüfen, ob der Jugendschutz und die Menschenwürde berührt werden. Es ist unverständlich, dass bei "Erwachsen auf Probe" nichts beanstandet wurde. Diese Gefälligkeit oder Ignoranz müsste eigentlich eine Diskussion über die Qualität der Landesmedienanstalten und ihre Kontrollen in Gang bringen.
Fernsehen genießt in der Bundesrepublik einen hohen Schutz. Die im Grundgesetz verankerte Meinungsfreiheit ist ein Privileg für die Medien, sie genießen damit eine Sonderstellung. Mit dieser Sonderstellung müssen sie allerdings sorgsam umgehen. Auch das Privatfernsehen darf nicht nur auf Kommerz setzen, es hat eine gesellschaftlichen Verantwortung, die sich in den Programmen ausdrücken muss.
"Erwachsen auf Probe" wird dem nicht gerecht. Weder sollte RTL Kinder, die den gesellschaftlichen Schutz so dringend brauchen wie niemand sonst, öffentlich so ausstellen und fürs Entertainment instrumentalisieren, noch sollten Eltern ihre Babys ans Fernsehen verkaufen. Wer Familienkompetenz unter Beweis stellen möchte, sollte es auf journalistische Weise versuchen. Auch die Industrie ist gefordert. Eine Sendung wie "Erwachsen auf Probe" könnte einfach nicht beworben werden. Wirtschaftlicher Druck ist das einzige Mittel, private Sender wieder ein wenig zur Vernunft zu bringen. Oder die Zuschauer selbst sorgen dafür - mit der Fernbedienung.
- Kinderpsychologe über RTL-Sendung "Die Kinder sind uns egal" 03.06.2009
- RTL-Serie "Erwachsen auf Probe" Gebündelte Entrüstung 29.05.2009
- Die deutsche Fernsehlandschaft Die Wahl der Qual 29.05.2009
- TV-Konsum Sei kein Schaf 29.05.2009
(SZ vom 04.06.2009/bey)
Wettmanipulation im Fußball
Es geschieht viel zu selten, dass ein privates Printmedium sich so deutlich kritisch mit der privaten TV-Unkultur auseinandersetzt und wirklich einmal klar Stellung bezieht. Darum muss an dieser Stelle dem Autor und auch der SZ ein großes Lob gezollt werden, dass ohne Rücksicht auf Geschäfts- und Netzwerkinteressen offengelegt wurde, mit welcher Rücksichtslosigkeit und bar jeder Verantwortung bei RTL (aber nicht nur dort) Sendungen gemacht werden, die in Wahrheit allein auf die Quote und den damit erreichbaren Werbekuchen abzielen. Um das zu ändern, braucht es viel mehr Standhaftigkeit und Aufklärung in den seriösen Medien, um auch das Fernsehpublikum mitzunehmen, diesem Tun ganz einfach durch Abschalten der Glotze ein Ende zu bereiten. Nochmals vielen Dank und weiter so!
Welches Verantwortungsgefühl haben eigentlich die Eltern der echten Kinder??
Ich kenne viele die sich schon sehr schwer damit tun ihr Kind für 2-3 Stunden von einem Babysitter betreuen zu lassen (wir haben es genau aus dem Grund, dass wir unser Kind nun eben keiner /m14-17 Jährigen mit eher mäßiger Erfahrung in der Kleinkindbetreuung überlassen wollen auch noch nie gemacht).
Und die geben ihr Kind so einem Teenie-Pärchen??
Nee, das ganze ist von allen Seiten betrachtet geschmacklos.
Die Kinder werden benutzt und kommerzialisiert, die Teenies werden vorgeführt (alle werten ihre Qualitäten oder deren angebliches Fehlen, als ob unser einer noch nie einen Fehler in der Behandlung, Erziehung, Aufsicht und Pflege seiner Kinder gemacht hat) und das ganze hat in meinen Augen überhaupt keinen Nutzen oder Wert!
Ich werde mir diesen Quatsch jedenfalls nicht anschauen und ich hoffe ganz viele andere mündige Zuschauer werden sich auch nicht vor diesen Karren spannen lassen. In Anbetracht der Entwicklung des Fernsehprogramms in den letzten Jahren fürchte ich diese Hoffnung ist jedoch vergebens... - Schade für uns alle!
Jaja, das Niveau des deutschen Fernsehens (insbesondere des privaten) befindet sich seit geraumer Zeit im freien Fall. Manche Sender wie z.B. RTL 2 kann man sich schon gar nicht mehr ansehen. Die Landesmedienanstalten sollten wirklich mal wieder etwas strenger prüfen. Meinungs-/Pressefreiheit bedeutet nicht, dass man die Öffentlichkeit mit jedem möglichen Unsinn verdummen darf!
"Und würde man heute eine öffentliche Steinigung ins Kurprogramm Baden-Badens integrieren, fände auch das genug Zuschauer."
"Wenn allerdings plötzlich die ganze Welt berichtet wie schlecht die Ware ist und wie schlimm das ist, dass so etwas angeboten würde, interessieren sich vielleicht doch Leute dafür."
Genau deswegen ist RTL eigentlich sehr froh über den ganzen Wirbel, der um die Sendung gemacht wird.
Ich für meinen Teil werde mir das nicht ansehen, habe aber eine ganz genaue Vorstellung davon, wie diese Sendung abläuft. Wohl ganz ähnlich den anderen Voyeur-Shows, die dieser Sender schon in den Äther bläst. Hauptsache man hat den "Zum Glück sind wir nicht so!" - Effekt auch bei den übelsten Asis in Neukölln...
Gestern habe ich es tatsächlich geschafft, fast eine Stunde diese Sendung zu sehen - bis ich an meinen Stromzähler denken musste und die "Kiste" ausgemacht habe. D.h. also, dass ich den Teil mit den echten Kindern verpasst habe.
Nun - im Grunde genommen kann ich den Vorrednern zustimmen, dass wir hier wieder einmal einen Tiefpunkt im TV erreicht haben.
Darüber hinaus habe ich mir die Frage gestellt, ob das nur ein "Tiefpunkt" ist, oder ob man hier schon von Verspottung des Zuschauers reden muss. Dazu mal angenommen: beim Casting der "betreuenden" Jugendlichen hat man sich derart dumme Jugendliche herausgesucht, wie es sie hoffentlich nur in der gezeigten Anzahl überhaupt gibt. Dabei drängt sich auf, dass die gecasteten Teilnehmer nur Restschauspieler waren, die es in GZSZ und anderen Kürzeln nicht geschafft haben. So verkam die Sendung auch noch zu einer Realsatire - eine zweifelhaft Ehre.
Dabei stelle ich mir immer die Stimmung der unfassbar kreativen und intellektuellen in der Redaktion bei RTL vor, die sich während der Produktion, ob ihrer maßlosen Überlegenheit gegenüber dem Zuschauerpräkariat, vor Lachen die in ihrem Hirn inhärenten Verdauungsendprodukte auf direktem Weg in deren Hose befördert haben. Da mächte man doch als Zuschauer dem Gedankengang von Roger Willemsen Folgen und diesen Leuten "die sechs Sorten Sch.... herausprügeln" - falls da noch etwas vorhanden ist.
Leider nutzt abschalten nichts - da die meisten Zuschauer nicht an das System der GfK angeschlossen sind. Aber man kann sich ja auch anders beschäftigen oder aber etwas anderes einschalten. Das hat dann wie gesagt keinen Einfluss, aber man regt sich weniger auf.
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