"Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" arbeitet an der Resozialisierung einer Boulevard-Paria, die in ihrer Heimat keiner mehr sehen will. Die synthetische Robinsonade funktioniert als Recycling-Maschine für die ganz Runtergekommenen. Eine kritische TV-Würdigung von Holger Liebs
"Die hohe Vegetationsmauer, eine gewaltige und in sich verstrickte Masse aus bewegungslos im Mondlicht glänzenden Stämmen, Ästen, Blättern, Zweigen, Lianen, wirkte wie eine machtvolle Invasion geräuschlosen Lebens, eine heranrollende Pflanzenwelle, die riesenhoch über uns stand, drauf und dran, auf die Bucht niederzubrechen, jeden von uns kleinen Menschen aus dem Dasein zu fegen. Und sie bewegte sich nicht. Ein dumpfes, mächtiges Planschen drang von fern an unsere Ohren, als habe ein Ichthyosaurus ein Bad im Geglitzer des großen Flusses genommen." (Joseph Conrad, "Herz der Finsternis")
What a difference a few days make: Susan Stahnke sind die Strapazen des TV-Events im Busch am deutlichsten anzusehen. (© Fotos: RTL)
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"Ich liebe den Dschungel und seine hohen, mächtigen Bäume". Sagt Lisa Fitz, Ex-Prominente, in der Wildnis bei Brisbane. Das heißt, wild ist hier eigentlich gar nichts. Vor Jahren wurde ein Privatgelände im gut erschlossenen Dschungel Australiens gekauft und über Jahre abenteuerurlaubsgerecht umgebaut zu einer von Soldaten bewachten TV-Station für willige Versuchskaninchen aus dem Boulevard-Personal. Jetzt ist es eine Art Container mit Lianen. Lisa Fitz liebt den Dschungel - und ihr Honorar.
Wer hat sich nicht alles über die Sendung "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" aufgeregt. "Folter-TV" (Bild), "perfide" (Europäisches Medieninstitut), "abstoßend" (Katholische Elternschaft Deutschlands), "Tier-Missbrauch" (Die Grünen), "Verletzung der Menschenrechte" (Niedersächsische Landesmedienanstalt) - Amnesty International, übernehmen Sie? Das in Zynismus und Mobbing-Runden tatsächlich unterirdische Niveau der Sendung und selbst die ritualisierten Mutproben wie das Kakerlakenbad zwecks Essensbeschaffung, die Cordalis, Küblböck, Beil und die anderen Have-Beens über sich ergehen lassen, machen nicht die Brisanz der neuesten "Reality"-Show von RTL aus - schließlich sind weder Sendeformat noch die vermeintlichen Folter-Methoden Fernseh-Neuland.
In Conrads Roman "Herz der Finsternis ist der Dschungel noch eine Allegorie des Bösen, Unfasslichen und der Reise des Menschen an die Abgründe seiner Urängste. Im TV-Camp gibt es kein Monstrum wie "Herrn Kurtz" - schließlich vermögen nur Genies wirklich die Grenze der Zivilisation zum Irrsinn zu überschreiten. Der RTL-Dschungel ist im Gegenteil ein unter fast klinischen Bedingungen hochgezüchtetes Labor - "36 Grad Celsius, 85 Prozent Luftfeuchtigkeit, Dauerregen", wie Chefmeteorologe Dirk Bach weiß - und der "gutgelaunteste Dschungel der Welt". Wenigstens der kleine dicke Mann mit Tropenhelm und seine dauergrimassierende Co-Moderatorin haben was zu lachen - etwa wenn der korpulente Werner Böhm mit seinen "Hängetitten" (Bach) beim Nacktbad im Fluss, nach einer davonfließenden Seifenschale greifend, selbst abzutreiben droht. Und das Grauen bei Kurtz? Ist zu einem hysterischen "Haut ab, ihr Arschgeigen!" geworden, wenn Caroline Beil panische Strauße zu verjagen versucht. Keine abgehackten Köpfe mehr, nur noch stolz vorgezeigte blaue Flecken, von Bach als "Knutschfleckchen" verniedlicht.
Künstlich angelegte Schlammpfützen, ingenieurtechnische Meisterleistungen wie die stählernen Hängebrücken für die Moderatoren, 120 Techniker, Strommasten, allerlei Glasaquarien und -kästen für Mutproben unter ärztlicher Bewachung, militärische Präsenz: "Holt mich hier raus!" ist eine Kolonialphantasie unter Laborbedingungen, zivilisatorisch aufgerüstet bis zum Elektrolyt-Futter für schwächelnde Probanden - ein Sträflingslager als mediale Versuchsanordnung für die möglichst actionreiche Resozialisierung einer Boulevard-Paria, die in ihrer Heimat keiner mehr sehen will. In dieser Hinsicht dient die Robinsonade auch als Recycling-Maschine für die ganz Runtergekommenen, vom Ghostwriter-Tagebuch bei Bild bis zum Playboy-Vertrag. Die Bikinis jedenfalls sitzen perfekt. Und reisen aller Voraussicht nach unversehrt mit nach Hause, zur medialen Projektionsfläche für die ersehnten neuen Schlagzeilen. Warum ist eigentlich Naddel nicht dabei?
Der Dschungel, Conrads "machtvolle Invasion", ist hier jedenfalls nur mehr ein Überflug-Fernsehbild, das an die experimentellen Schöpfungsphantasien seit Daniel Defoe oder Rousseau erinnern soll: Die tropische Wäschekammer-Inszenierung soll die Suggestion des Bedrohlichen produzieren, ein Gefahrenpotenzial, das seit jeher die Neugründungen idealer Gemeinschaften an entlegenen Orten der Welt begleitet hat. Schlag' nach bei Golding: In "Herr der Fliegen" und anderen Horror-Szenarien des 19. Jahrhunderts verwandeln sich die kolonialen Utopien wahrhaft befreiten, antizivilisatorischen oder in extremer Topografie gestrandeten Lebens alsbald in grauenvolle Gemetzel und eine Tyrannei der Intimität. Und so gibt es auch im Camp die immergleichen Machtstrukturen und Unterordungsszenarien: Es gibt ein Alphatier, eine Intrigantin, einen Sündenbock, die üblichen sich wegduckenden Mitmacher und den ewigen Fatalisten. Und Susan Stahnke ist wie immer noch nicht wirklich bereit für die ganz harte "Reality" und hockt still weinend auf ihrem Feldbett.
Weil aber wie bei allen "Big Brother"- Formaten die Gefahr des Unbekannten fehlt und bei der bisweilen stark ausbaufähigen geistigen Verfassung der Teilnehmer schnell Langeweile im Dschungel-Labor droht (man braucht nur mal zu TV.M in Rainer Langhans' Zicken-Kommune umzuschalten), hat man George Orwells Überwachungs-Terrordrom endlich einmal zu Ende gedacht und auch eine Folterkammer integriert. Und die Folterknechte, das sind wir alle. Orwell selbst arbeitete im Krieg für die BBC -sein Aufnahmestudio war das Zimmer 101 des britischen Senders. Im Roman "1984" wurde eine Metapher für Staatsterror durch Rundumüberwachung und psychische Introspektion daraus, besagter "Raum 101" - eine bittere mediale Pointe, die bei RTL als voyeuristisches High-Tech-Spektakel mit Telefon-Voting und Kameraeinsatz rund um die Uhr wiederkehrt.
Orwells zynische Erkenntnis, dass alle Medienräume panoptische Folterkammern im Experimentalstadium sind, haben wir längst verinnerlicht - sie ist die akzeptierte Grundlage aller "Big Brother"-Formate. Während sich aber die wirklichen Folterungen und Menschenrechtsverletzungen abseits medialer Öffentlichkeit vollziehen, experimentiert man in den Fernseh-Containern der Gegenwart schon mal mit Formen zukünftiger Bekenntnisrituale und vermeintlich "weicher" Introspektion herum - mit dem falschen Versprechen auf erneute gesellschaftliche Akzeptanz.
Da kommt ganz schön was zusammen im Show-Terrordrom. Es ruft einen aparten Cocktail von Gesellschaftstheorien wach, von René Girards Theorie des Sündenbocks, den man sich in Zeiten sozialer und gesellschaftlicher Krisen sucht, über Wolfgang Sofskys Beschreibung der rationalen Strukturen von Laboratorien der Gewalt bis zu Giorgio Agambens Figur des "homo sacer", des Opfers, demgegenüber alle anderen als Souveräne handeln. Eines bleibt allerdings festzuhalten: Dies ist nicht Guantanamo. Es ist die spielerische Annäherung an das virtuelle TV-Lager der Zukunft, dem wir alle angehören. Wer beim Telefon-Voting mitmacht, sollte das wissen.
Partyzone Flußufer