"Room 237" über "Shining" Im System permanenter Bedrohung

Stanley Kubricks "Shining" ist einer der stärksten Schreckensfilme der Kinogeschichte. Und steckt offensichtlich voller geheimnisvoller Anspielungen auf die Mondlandung, Genozid und Sagengestalten. "Room 237", ein Film über den Film, versucht die Rätsel nun zu lösen.

Von David Steinitz

Wie oft Jack Nicholson mit der Axt die Tür einschlagen musste, bis Stanley Kubrick die grausigste Grimasse der Filmgeschichte im Kasten hatte, ist nicht exakt überliefert, doch irgendwann ab der hundertsten Wiederholung allerdings könnte das legendäre diabolische Grinsen des Akteurs durchaus seinem Regisseur gegolten haben. Der Perfektionist Kubrick hatte sich vorgenommen, den unheimlichsten Film überhaupt zu drehen, und in Stephen Kings Roman "The Shining" die geeignete Schablone für seinen Mix aus intellektuellem Horror und sanft verrätselter Genreparodie gefunden.

Der Dokumentarfilm "Room 237", der nach diversen Festivalstationen 2012, unter anderem in Sundance, Cannes, Wien, in diesen Tagen in den USA im Kino und als Video on Demand gestartet ist (einen deutschen Verleih gibt es bislang nicht), hat sich nun zur Aufgabe gemacht, das überreiche Material zusammenzutragen, das die internationale Kombinier- und Deutungskunst dreier Jahrzehnte, seit der Schocker 1980 in die Kinos kam, erschlossen hat. In den letzten Jahren ist im Internet ein richtiger "Shining"-Hype ausgebrochen. Die Interpretationswut steht der zu den Filmen in nichts nach, die von den Kubrickianern bislang heftigst angegangen wurden, an der Spitze "2001 - Odyssee im Weltraum"! Besonders besessen sind viele Interpreten vom verfluchten Hotelzimmer 237, auf das der Titel der Doku anspielt.

Regisseur Rodney Asher versteht seinen Film allerdings weniger als letztgültige semiotische Lupe, sondern als leidenschaftlichen Liebesbeweis ans Kino und an die Macht seiner Bilder. Denn die verborgenen Bedeutungen in "Shining", denen Asher in Interviews mit Journalisten, Wissenschaftlern und Verschwörungsjägern nachgeht, sind - das reflektiert der Film mit einem großen Augenzwinkern - im postmodernen Interpretationsmodus natürlich allesamt gleichzeitig so falsch wie sie richtig sind. Anhand von Filmausschnitten erklären Ashers Interviewpartner ihre ausgetüftelten Theorien bis in die kleinsten Details - die meist erst durch ausgiebige Sezierung am Schneidetisch, durch Zeitlupen, Zooms und Wiederholungen, vorwärts wie rückwärts, sichtbar werden.

Alles sehen, was war und was sein wird

Das Lied vom bösen Wolf und den Schweinchen, das von Nicholsons Lippen klingt, wird so zum Verweis auf den Horror der KZs, mit dem sich Kubrick lange Zeit beschäftigt hat. Auch der Genozid an den Indianern Amerikas, so eine andere These, sei im Film thematisiert. Und die filmwissenschaftlich schon länger etablierte These, dass Kubrick mit "Shining" auf die Geschichtsvergessenheit der Menschen anspiele, die trotz der Genozide, die sich durch die Menschheitsgeschichte ziehen, immer wieder dieselben Fehler machten. Der Film strotzt vor Anspielungen auf Mythen und Märchen, in denen Sagengestalten sich mit Schuld beladen. Jack Nicholson alias Jack Torrance ist der selbstvergessene Wiederholungstäter, der in einer endlosen Schleife sein Unwesen im unheilvollen Overlook-Hotel treibt; sein Sohn Danny, der die Fähigkeit des Shining besitzt, mit dem man alles sehen kann, was war und was sein wird, zeigt einen Ausweg aus diesem endlosen Loop auf und kann schließlich sich und seine Mutter vor dem axtschwingenden Daddy retten. Ein Film über Vergangenheit ("past-ness") nennt ein Professor das in der Dokumentation.

Verschwörungstheoretischer gehen es die Internet-Geeks an, die glauben, in "Shining" einen Beweis für den alten Hollywood-Witz gefunden zu haben, das Manipulationsgenie Kubrick habe 1969 die Mondlandung inszeniert - da trägt doch tatsächlich Klein-Danny in einer Szene einen Apollo 11-Pulli! Ein vehementen Gegner all dieser Theorien ist Leon Vitali, der beim Dreh Kubricks persönlicher Assistent war und beim Start von "Room 237" in Amerika sich in der New York Times über die zahllosen Bemühungen lustig machte. Viel von dem, was hier als wohl intendiert dargestellt werde, sei am Set improvisiert worden. Und was den vieldiskutierten Minotaurus auf einem Gemälde an der Wand angeht . . . "Ich habe das Ding Wochen lang angeguckt, während wir drehten. Es ist ein Skifahrer. Kein Minotaurus."