Roman von Roberto Saviano Die Mafia ist kein Krake, die Mafia sind wir

Roberto Saviano zu Gast in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz.

(Foto: picture alliance)

Der Journalist Roberto Saviano hat einen Roman über den immer brutaler vorgehenden Nachwuchs der Mafia geschrieben. Ein hochaktuelles und sehr reales Problem. Es bleibt die Frage: Weshalb die Fiktion?

Von Thomas Steinfeld

Im vergangenen Jahr erschien in Italien ein Buch über das organisierte Verbrechen. Unter dem einprägsamen Titel "La mafia siamo noi" ("Die Mafia sind wir") widerspricht darin Sandro de Riccardi, ein römischer Journalist, der beliebten Vorstellung, die Mafia sei ein Krake, der eine eigentlich gute Gesellschaft umschlingt und auszehrt. Die Mafia beginne vielmehr in alltäglichen Verhältnissen, bei den kleinen Gefälligkeiten und Rücksichtnahmen, den "Netzwerken" des Geschäftswesens, und von dort aus wachse sie bis sie in die Spitzen des Gemeinwesens hinein, vom Staat gleichermaßen bekämpft wie geduldet. Dabei nehme sie den Charakter einer geheimen Organisation an - die allerdings, eben weil sie in der Mitte der Gesellschaft lebe, nie so gefestigt sei, dass sie nicht der permanenten Bestätigung bedürfe. Deswegen schauten Mafiosi gerne Spielfilme über die Mafia, nicht nur aus dem einschlägigen Verbrecherkino, sondern auch die aktuellen Fernsehproduktionen, die unter der Rubrik "Anti-Mafia" ausgestrahlt werden.

Begründer dieses Genres, in Buchform, ist der neapolitanische Journalist Roberto Saviano, dessen Werk "Gomorrha" (2006), eine mit literarischen Mitteln arbeitende Reportage, eine neuartige und sehr erfolgreiche Auseinandersetzung mit der Mafia einleitete. Ihr aufklärender Charakter soll vor allem darin bestehen, dass sie einerseits das Wirken des organisierten Verbrechens in seinem ganzen Breite sichtbar macht, andererseits die Gewalt veranschaulicht, die, oft bis in Extreme von Sadismus und Blutrünstigkeit getrieben, die Geschäfte der Mafia begleitet. Die schlichte Erkenntnis, dass es diese Mafia gibt - gleichgültig, ob neapolitanisch, kalabrisch oder sizilianisch -, und eine Vorstellung davon, mit welcher Reichweite und Intensität sie auch nicht-mediterrane Gesellschaften durchdringt, zählen dabei zu den Erträgen der Lektüre. Ebenso die Einsicht, dass die Mafia zwar in ihrer Konkurrenz der Gewalt gegen den Staat Züge einer terroristischen Vereinigung, zugleich aber selber wie ein Staat funktioniert, mit festen Hierarchien, Gerichtsbarkeit, Bürokratie und Steuerwesen. Im Übermaß der Anschauung droht allerdings bei Saviano die Frage verloren zu gehen, warum es diese Einrichtung überhaupt gibt und ob man ihr mit Anschauung allein auf die Schliche kommen kann.

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Die Frage erscheint als um so dringender, als nun Savianos erster Roman erschienen ist. "Der Clan der Kinder" teilt den Gegenstand mit den Sachbüchern des Autors, handelt also vom organisierten Verbrechen in Neapel, aber nun übernimmt eine erdachte Handlung die Regie über das Material, die Geschichte von Aufstieg und Fall einer jugendlichen Bande. Tatsächlich rückt derzeit in den Zentren des organisierten Verbrechens, wo die traditionelle Mafia - vom Staat konsequenter verfolgt - zunehmend geschwächt ist, eine weniger streng verfasste, an keinen Ehrenkodex mehr gebundene und um so brutaler vorgehende Jugend nach - eine Jugend, für die es angesichts extrem hoher Arbeitslosigkeit nie einen Platz im bürgerlichen Leben gegeben hat. Die Frage aber bleibt: Weshalb die Fiktion?

Abscheu und Faszination liegen hier eng beieinander

Savianos Roman trägt unübersehbar Züge des "Giallo", der italienischen Variante des Kriminalromans, wie des Verbrecherkinos. Zum "Giallo" gehören die verworrene Handlung, die Neigung zur Brutalität und zu allerhand Unappetitlichem wie auch die Dominanz von Ambiente und Atmosphäre über Schlüssigkeit und Szenenfolge. Manche Passagen sind dem Genre der "exploitation", der Darstellung von Gewalt um der schieren Schaulust willen, nicht fern, und der Übergang wäre vielleicht sogar vollzogen, wenn der Autor besser schriebe. Angesichts von spritzender Hirnmasse, explodierenden Katzen und ejakulierenden jungen Männern könnte man auf "Voyeurismus" befinden und das Problem damit auf moralische Weise aus der Welt schaffen. Jedoch ist der Fall komplizierter: Abscheu und Faszination liegen hier eng beieinander, Albtraum und Wunschtraum sind innig miteinander verflochten, obwohl Roberto Savianos Gegnerschaft zur Mafia gewiss aufrichtig ist.

Für diese Dialektik gibt es Gründe, die in der Mafia angelegt sind und ihre Verhältnisse zugleich übersteigen. Die Mafia ist erstens eine deutliche Erinnerung daran, dass aller Kapitalismus, wie zivilisiert und vermittelt auch immer, auf Raub und Ausbeutung zurückgeht. Sie lässt zweitens sichtbar werden, dass der Schutz des Einzelnen vor physischer Gewalt nicht selbstverständlich ist, sondern durch ein staatliches Gewaltmonopol gewährleistet wird. Und drittens lebt in der Mafia, obwohl sie sich längst auch in den Zentren des Reichtums durchgesetzt hat, immer noch eine Geschichte der Armut fort, ein Wissen darum, dass man sich in der Not leichter behauptet, wenn man sich zu einer Bande zusammenschließt. Die Mafia ist ein Angriff auf die öffentliche Ordnung, in dem ein Wissen um das Prekäre dieser Ordnung enthalten ist - und der sich eben deshalb selbst als Ordnung gestaltet.

Wenn Federico Varese, Soziologe und Professor für Kriminologie an der Universität Oxford, sein Buch "Mafia-Leben" mit Überlegungen zum Verhältnis von Mafia und Staat enden lässt, hat er dafür also gute Gründe. Denn die Geschäfte der Mafia setzen ihre Duldung, ja Förderung durch die Politik voraus, so wie umgekehrt die Mafia in nicht wenigen Fällen für das Gelingen von politischen Karrieren sorgt. Selbstverständlich bedeutet dieses Ineinander auch, dass der Staat unter gewissen Bedingungen auf prinzipielle Durchsetzung seines Gewaltmonopols verzichten kann, wie es in Italien bis in die Neunziger der Fall war. Damals diente die Mafia nicht zuletzt der Finanzierung der bürgerlichen Parteien, weil eine nach demokratischen, öffentlichen Kriterien vollzogene Finanzierung den Kommunisten (also vor allem: dem PCI) zugutegekommen wäre. Auch deswegen ist die Mafia "eine Herrschaftsform, die es vorzieht, ihre Macht im Rahmen eines bestehenden Staatsgebildes auszuüben", wobei ihr demokratische Staaten eher entgegenkommen als totalitäre, der Mobilität des Personals wegen.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch "Der Clan der Kinder" stellt der Carl Hanser Verlag auf seiner Internetseite zur Verfügung.

Einen Auszug aus dem Buch "Mafia-Leben. Liebe, Geld und Tod im Herzen des orgsanisierten Verbrechens" gibt es auf der Internetseite des C. H. Beck Verlags.

Obwohl Federico Varese Wissenschaftler ist, hat auch ihn die Dialektik von Abscheu und Faszination ergriffen, die das Schreiben über die Mafia offenbar ins Erzählen treibt. Als Autor tritt er in einer Doppelrolle auf, als Kriminologe und Journalist. Der Kriminologe bietet eine Art innerbetrieblicher Analyse des organisierten Verbrechens, wobei er insbesondere die Sozialstrukturen, die Entscheidungsprozesse und die Techniken des täglichen Überlebens im Blick hat. Der Journalist aber ist die eindrücklichere Figur, denn er verfügt über die Anschauung und arbeitet mit den Mitteln der literarischen Reportage.

Fünf Fallgeschichten erzählt Varese, je eine aus der sizilianischen, der russischen, der britischen, der chinesischen und der japanischen Mafia, und in jeder dieser Geschichten, die - nacheinander - den einzelnen Momenten im Leben eines Mafioso gewidmet sind, von der Geburt über die Arbeit, das Geld und die Liebe bis zum Tod, geht er in die plastischen Details. Ein Toter, so lernt der Leser, lasse sich am besten mit Säure entsorgen: "Die Leiche löst sich langsam auf, und am Ende bleiben nur die Zähne übrig, während alles andere, auch der Schädel, sich verformt."

Es scheint sich hier eine Staatszersetzung in Permanenz zu vollziehen

. Als in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern das alte Italien unterging, der Staat, in dem die Christdemokraten herrschten und die Kommunisten die Opposition stellten, bildeten Staatsanwälte und Ermittlungsbeamte die Vorhut im Kampf gegen die Mafia, und sie taten es mit Erfolg und unter großen Opfern. Jetzt aber sind es die Journalisten, die diesen Konflikt zu führen scheinen, und zwar weniger mit den Mitteln der Investigation als mit denen der Reportage und der Erzählung. Ihnen folgen, mit noch mehr Anschauung, die Filmemacher.

Wenn sich die organisierten Verbrecher Siziliens nun gern Filme über die Mafia anschauen, handelt es sich deswegen nicht nur um Zeitvertreib, sondern auch um lebenspraktische Orientierung. Federico Varese berichtet, in welchem Maße Mario Puzos Film "Der Pate" (1972) die real existierende Mafia mit Phrasen, Figuren und Verhaltensmustern versorgt hat. In Roberto Savianos Roman sind die filmischen Vorbilder allgegenwärtig. Für die Heranwachsenden in der Welt des organisierten Verbrechens gibt es hier weder Lehrer noch Paten. Alles, was sie über Raub, Erpressung und Mord wissen, wurde ihnen im Fernsehen und auf dem Computer vorgespielt. Sie dürften dabei auch auf Verfilmungen von Werken Savianos gestoßen sein.

So drehen sich die Dinge im Kreis, und alle Anschauung ist Bestätigung des Vorhandenen. Denn auch wenn die italienische Polizei alle paar Wochen Dutzende von Verdächtigen verhaftet, wachsen offenbar mindestens ebenso viele Mafiosi nach. Einerseits bedeutet diese Gegenwart, dass Italien nach wie vor weniger konkurrenzfähiges Kapital hervorbringt, als man zu produzieren imstande wäre. Andererseits scheint sich hier eine Staatszersetzung in Permanenz zu vollziehen, in deren Konsequenz die Mafia eine weitaus konkretere Realität darstellt als rechtlich geordnete Verhältnisse.

Roberto Saviano: Der Clan der Kinder. Roman. Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki. Carl Hanser Verlag, München 2018. 414 Seiten, 24 Euro. E-Book 17,99 Euro. Federico Varese: Mafia-Leben. Liebe, Geld und Tod im Herzen des organisierten Verbrechens. Aus dem Englischen von Ruth Keen und Erhard Stölting. Verlag C. H. Beck, München 2018. 336 Seiten, 24,95 Euro. E-Book 19,99 Euro.

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