Roman über Chile unter Salvador Allende Sancho Pansa und der Präsident

Salvador Allende in der Mikroperspektive, durch die Augen seines Kochs Rufino: So erzählt Schriftsteller Roberto Ampuero von den Monaten vor Pinochets Putsch - und kommt seinem historischen Helden in "Der letzte Tango des Salvador Allende" bedrohlich nahe.

Von Ralph Hammerthaler

Als Salvador Allende in seinem letzten Fernseh-Interview gefragt wird, wie er das Verhältnis Chiles zu den USA einschätze, macht er kurz ein gequältes Gesicht, als liege darin seine ganze Antwort. Konkret beklagt er dann den Einfluss der CIA, allein darauf gerichtet, ihn und seine Politik zu schwächen. "Droht in Chile ein Bürgerkrieg?", fragt der Interviewer. Und Allende sagt: "Ich bin der Einzige, der diesen Bürgerkrieg noch verhindern kann." Am 11. September 1973 putscht das Militär unter General Pinochet. Der Palast des Präsidenten, La Moneda, auch "Haus der Leiden" genannt, wo sich Allende und seine Getreuen verschanzt haben, wird beschossen und aus der Luft bombardiert; angesichts der Übermacht nimmt sich der Präsident das Leben.

In seinem neuen Roman "Der letzte Tango des Salvador Allende" erzählt Roberto Ampuero von den letzten Monaten vor dem Putsch. Und obwohl ihn der politische Allende nicht so sehr zu interessieren scheint wie der private, zeigt er eindrucksvoll, wie zerrüttet das Chile jener Tage gewesen ist. Das Land ist tief gespalten, lahmgelegt durch Streiks. Es fehlt am Nötigsten, selbst an Grundnahrungsmitteln. Kaum Lastwagen auf den Straßen, keine Busse. Die Rechten bekämpfen die Linken und umgekehrt. In den Fenstern und auf den Balkonen stehen Frauen und schlagen auf Kochtöpfe ein. Immer wieder wird die Hauptstadt Santiago durch Explosionen erschüttert.

Der extremen Linken ist der linke Präsident zu lasch, denn er glaubt an einen demokratischen Weg zum Sozialismus; die extreme Linke sucht die Lösung mit Waffengewalt. So gerät Allende mehr und mehr unter Druck. Die USA wollen ihn weghaben, und die UdSSR gewährt, um nicht ein zweites Kuba durchfüttern zu müssen, keinen Kredit. Es wird also eng, verdammt eng.

Tango mit dem Präsidenten

Bei Ampuero wird Allende in der Mikroperspektive beobachtet, durch die Augen seines Kochs Rufino. Rufino notiert, sich der historischen Momente bewusst, alles, was er erlebt, in ein Heft. Er besorgt in ausgewählten Geschäften und Botschaften, was er braucht, um den Präsidenten zu verköstigen. Er hört mit ihm Tango-Platten und bringt ihm das Tanzen bei. Er tadelt Allendes ewige Romanzen, noch dazu seine Blauäugigkeit, wenn er für ein Volk Politik machen will, dessen Lebensumstände er nicht im Entferntesten kennt.

Da wird der Roman teilweise so zutraulich, wie man ihn gar nicht haben will. Eines Abends fahren beide, der Präsident leicht verkleidet, nach Valparaíso, um ein Tango-Lokal aufzusuchen. Unterwegs werden sie von einer Militärpatrouille gestoppt, aber nur Rufino hat sich auszuweisen. Man muss es hier mit Hitchcock halten: "Das Wahrscheinliche ist das Einfachste von der Welt." Man muss es mit dem Unwahrscheinlichen halten.

Bauernschlauer Gefährte

In einem Gespräch mit Noticias 22, einem spanischsprachigen Sender in Los Angeles, verrät Ampuero, dass Rufino für ihn eine Art Sancho Pansa sei, der Gefährte von Don Quijote, ein dicker Bauer und darum auch bauernschlau, versehen mit praktischen Kenntnissen und gesundem Menschenverstand.

Da ist was dran. Und doch wird man seine Skrupel nie ganz los, wenn man eine historische Figur wie Allende in gleichsam Pansas Worten dargestellt bekommt. Bereits in "Der Fall Neruda", 2010 auf Deutsch erschienen, hat Roberto Ampuero diesen menschelnden Kunstgriff auf den chilenischen Literaturnobelpreisträger angewendet. Vielleicht maßt sich der allwissende Erzähler ein bisschen zu viel Allwissenheit an.