Roman "Ladivine" Wer bist du?

Die französische Autorin Marie NDiaye 2009 in Paris.

(Foto: Martin Bureau/AFP)

Eine Frau, die von ihrer Vergangenheit eingeholt wird und eine Einsamkeit, der niemand entkommt - so lässt sich das neueste Werk der Französin Marie NDiaye beschreiben. "Ladivine"" ist ein literarisches Meisterwerk, phantastisch und todtraurig.

Von Ina Hartwig

Über Menschen mit afrikanischen Wurzeln, die in Frankreich leben, schreibt Marie NDiaye oft. Aber noch nie hat sie dieses Wort verwendet. Es kommt also einer kleinen Revolution gleich, wenn in ihrem neuen Roman "Ladivine" das Wort "Negerin" fällt, "négresse". Ein einziges Mal, auf Seite 53 der deutschen Ausgabe; es wird eine Explosion auslösen beim Leser, bei der Leserin.

Malinka, die inzwischen Clarisse heißt, bewegt sich wie eine Königin auf der Bühne eines bescheidenen Bistros in Bordeaux, wo sie als Kellnerin Anstellung gefunden hat. Auf diese Clarisse ist Verlass, sie tänzelt durch den Raum, erfüllt jeden Wunsch. Vor allem Männer kommen in der Mittagspause vorbei. Clarisse, die Rechnung! Clarisse, noch einen Café! Das neue Leben läuft wie am Schnürchen. Es ist das perfekte, geradezu grandiose Schauspiel ihrer neuen Identität als ganz normale Frau, mitten in Frankreich, das sie vor allem für sich selbst aufführt.

Doch dann taucht sie plötzlich auf, aus dem Norden ist sie angereist, und betritt das Bistro, als es sich schon geleert hat, gegen 14 Uhr: ihre Mutter Ladivine; die Mutter von Malinka, die inzwischen Clarisse heißt. Nach ihr ist der Roman benannt, "Ladivine" - die Göttliche. Und diese Göttliche ist, jawohl, die Negerin. Sie hat, als Putzfrau arbeitend, ihre geliebte Tochter in der Nähe von Paris ganz allein großgezogen und muss jetzt erkennen, dass Malinka nicht nur fortgegangen ist, sondern sich zudem einen neuen Namen zugelegt hat; so handelt es sich "weniger um ein Wiedersehen als um ein Kennenlernen".

Subtile Erzählkunst

Die ärmlich gekleidete Frau wird nicht rebellieren, so wie sie überhaupt alles im Leben hinzunehmen gelernt hat; den schwarzen Groll macht sie mit sich allein aus. Clarisse weiß, dass ihre Mutter sie nicht "Malinka" rufen wird, hier in diesem Lokal. Dennoch spürt sie den Blick der Chefin, "ohne Feindseligkeit, mit einer Art harter Betrübnis, als habe Clarisse sie getäuscht, was sie jedoch verstehen und dulden könne, dann schweifte ihr Blick noch über Clarisses lange Beine, ihre schmalen Hüften, ihr zartes Gesicht, diesmal wahrscheinlich nicht, um die Widerstandsfähigkeit dieses schlanken Körpers abzuschätzen, sondern um zu ermitteln, wie weit er dem anderen ähnelte, dem der Negerin, die sehr aufrecht am Fenster saß."

Man sieht, und es belegt zugleich Marie NDiayes subtile Erzählkunst: "Negerin" ist keine Abfälligkeit aus dem Mund eines Rassisten. Das Wort wird ja nicht einmal ausgesprochen. Eher ist es eine Maske im Sinne Jean Genets, dessen Stück "Die Neger" Marie NDiaye ohnehin inspiriert haben dürfte (und nebenbei, eine berühmte Romanfigur Genets heißt ausgerechnet "Divine", an Zufall mag man da nicht glauben). Clarisse/Malinka "sieht" das Wort im Blick der Chefin. Und dieser Blick, als ihre eigene Projektion, zieht sie zurück in jenes Leben, dem sie entfliehen wollte. Dieser Blick zerstört ihre Inszenierung, ihr schönes, erregendes Schauspiel. Klar, dass Clarisse, die eine helle Haut hat, vielleicht vom unbekannten Vater her, kündigen wird. Den Blick dieser Chefin wird sie nicht mehr ertragen können.