Roman: "Die Liebe der Väter" Papalapapp

Thomas Hettches Buch über die Not lediger Väter ist bei Erscheinen bereits Makulatur - doch nicht wegen der veränderten Gesetzeslage, sondern weil es ein schlechter Roman ist.

Von Christopher Schmidt

Und dann zerreißt eine schallende Ohrfeige die Luft im Trend-Restaurant "Sansibar", und Annika läuft mit blutender Nase hinaus in die eisige Silvesternacht. Die väterliche Ohrfeige, sie ist die unerhörte Begebenheit in Thomas Hettches novellistischem Roman "Die Liebe der Väter", der an diesem Montag erscheint und von einem Verlagsvertreter erzählt, der zwischen den Jahren ein paar Ferientage mit seiner Tochter auf Sylt verbringt. Annika lebt bei ihrer Mutter in Hamburg, Peter in Köln.

Seine Tochter sieht er nur alle paar Wochen, wenn Ines es zulässt, die das gemeinsame Kind als Geisel benutzt, um ihren Ex zu gängeln, zu erpressen und zu strafen. Gezielt versucht sie, ihn von Annika fernzuhalten und dadurch seinem Kind zu entfremden, und verweigert jede Mitsprache in Erziehungsfragen. Ja, selbst als Annika mit einer schweren Medikamentenvergiftung im Krankenhaus landet, weil Ines das Kind mal wieder sich selbst überließ, erfährt es Peter als Letzter.

Ein Erwartungsdruck von mindestens 10 atü lastet auf den mühsam erkämpften und darum so kostbaren gemeinsamen Urlaubstagen von Vater und Tochter, und so ist es eigentlich keine Überraschung, dass sich dieser Druck in einer gewaltsamen Übersprungshandlung entlädt und die unschuldige Tochter die Ohrfeige abbekommt, die eigentlich ihre Mutter verdient hätte. Deren sadistische Machtspiele haben in Peter den Wunsch "so brennend, so groß, so unaufschiebbar" werden lassen, "Ines zusammenzuschlagen", sich von ihrer Tyrannei zu befreien, "indem ich ihr das Maul stopfe".

Der Tropfen aber, der das Papafass zum Überlaufen bringt, ist Annikas lapidare Mitteilung beim Nachtisch, dass sie zum Halbjahr die Schule wechseln werde, vom humanistischen Gymnasium zu einer Privatschule ohne Klassen und Noten. "Drei Jahre Latein umsonst", seufzt der bildungsbeflissene Peter, denn auch bei dieser Entscheidung wurde er mal wieder übergangen.

Zur ohnmächtigen Wut kommt noch der Hohn, dass Annika sich weniger für das Gespräch über ihre Zukunft interessiert als für den jungen Schnösel an der Bar, zu dem sie ständig hinüberlinst. Annika ist dreizehn und also an der Schwelle zum Erwachsenwerden, und dass sie sich der nie wirklich gelebten Vaterliebe zu entziehen beginnt, empfindet Peter als weitere Schmach. "Nie mehr wird dir ein solcher Körper so nahe kommen", schreibt Hettche über das "zwiespältige Gefühl, eine schöne Tochter zu haben".

Ein Stück von dieser fremden Frau

Schmerzlich wird Hettches Ich-Erzähler bewusst, dass er mit seinen Vatergefühlen zu spät kommt, und daran ist eben nicht nur Annikas Mutter schuld, sondern auch der Gesetzgeber, der das Sorgerecht nichtehelicher Kinder allein der Mutter zuspricht. "Damit aber", so Hettche, "wird ein Machtverhältnis zwischen den Eltern geschaffen" und "die Macht, die die Mutter deines Kindes über dich hat, verhindert jedes Einvernehmen". So sät der Staat Zwietracht, indem er in die Familie hineinregiert, und, so spitzt es der Roman zu, provoziert die benachteiligten Väter zur Notwehr, da sie ihr Kind als verlängerten Arm der zu Unrecht privilegierten Mütter empfinden müssen, als "ein Stück von dieser fremden Frau", das immer in seinem Leben steckt. Wenn ich könnte, würde ich es mir herausoperieren lassen."

Zu spät kommt aber nicht nur der Vater im Buch, zu spät kommt auch das Buch selbst. Der Fluch des schlechten Timings hat dafür gesorgt, dass der Gesetzgeber gerade den Missstand beseitigt hat, den Hettche beklagt und mit größtem motivischen Aufwand suggestiv zu machen sucht. Auf Druck der EU hat das Bundesverfassungsgericht die Asymmetrie unverheirateter Eltern bereinigt und die Recht lediger Väter gestärkt. Ist Hettches Roman damit Makulatur? Kann überhaupt ein Werk der Literatur durch eine neue Rechtslage entwertet werden?

In diesem Fall schon - aber nicht, weil die Wirklichkeit die Fiktion überholt hätte, sondern weil diese Fiktion ihr von Anfang an hinterhinkte. Es ist die Einseitigkeit von Hettches Darstellung, seine Parteilichkeit, die er mit raunender Naturphilosophie, geschmerzter Gefühligkeit und einem wachsweichen, larmoyanten und also scheinbar harmlosen Erzähler zu verbrämen sucht, die sein Buch obsolet macht. Nicht, dass Hettche sein Anliegen in einen Roman verpackt, sondern dass dieser Roman ein schlechter Roman ist, mehr Klageschrift nämlich als Gutachten, mehr Plädoyer als Zeugenaussage, macht ihn überflüssig.