Roman Die Hoffnung auf das Visum, das es nicht geben wird

Die Autorin Olga Grjasnowa auf der Buchmesse in Leipzig.

(Foto: dpa)

Syrien, Istanbul, Berlin: Olga Grjasnowa spricht über die Arbeit an ihrem neuen Werk "Gott ist nicht schüchtern".

Interview von Frank Nienhuysen

Ein Café am Hermannplatz in Neukölln. Olga Grjasnowa hat den Ort vorgeschlagen. In der Sonnenallee treffen sich die beiden Hauptfiguren ihres neuen Romans "Gott ist nicht schüchtern" (Aufbau-Verlag) wieder, am Ende einer langen Flucht vor dem syrischen Bürgerkrieg. Grjasnowa, 32, 1996 mit ihrer Familie aus Aserbaidschan nach Deutschland eingewandert, ist mit dem syrischen Schauspieler Ayham Majid Agha verheiratet.

SZ: Ist Ihr Roman über die Flucht zweier Menschen nach Berlin ein Plädoyer für mehr Mitgefühl gegenüber Flüchtlingen?

Olga Grjasnowa: Ja, selbstverständlich. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war meine Großmutter 14, sie lebte in Gomel, Weißrussland. Es war eine sehr wohlhabende, große jüdische Familie. Als die Deutschen einmarschierten, sind fast alle umgekommen. Ihr Vater hat sie und ihren neunjährigen Bruder noch gezwungen, in den letzten Zug zu steigen. Ein Onkel in Baku nahm sie auf. Die Flucht hat dreieinhalb Jahre gedauert, ging über 2500 Kilometer. Es war sehr unwahrscheinlich, dass sie das überhaupt überlebte. Vom Rest der Familie haben sie nie wieder etwas gehört.

War das der eigentliche Impuls: die Biografien in Ihrer Familie aufzuarbeiten?

Die Fluchtgeschichte meiner Großmutter hat mich geprägt. Durch meinen syrischen Mann ist das Ganze wiedergekommen, ich fühle mich 70 Jahre zurückversetzt. Viele aus seiner Familie sind geflüchtet oder haben es versucht. Es war genau, wie ich das aus den Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg kannte, dass man nirgendwo hingehen kann, obwohl man es muss. Es ist der Klassiker der deutschen Exilliteratur, wie bei Anna Seghers oder Erich Maria Remarque: die Hoffnung auf ein Visum, das es sowieso nicht geben wird.

Ihr Mann ist allerdings nicht im klassischen Sinne geflüchtet.

Er ist in den Libanon gegangen, denn er gehörte der Opposition an. Dann war er auf einer Gastspielreise und ist in Deutschland hängen geblieben.

Während Sie den Roman schrieben, hat sich die Flüchtlingsdebatte verschärft. Hatte diese Veränderung Einfluss?

Eigentlich nicht. Das Grundgerüst hatte ich schon vor der Debatte fertig. Die wichtigste Veränderung für mich war, dass ich ein Kind bekam und eine größere Schreibpause hatte. Ich kenne die Flüchtlingsdebatte ja seit 20 Jahren aus eigener Erfahrung ganz gut. Anfang der Neunzigerjahre, als sehr viele Menschen aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion kamen, wurde die Debatte vielleicht nicht ganz so krass geführt wie jetzt. Aber sehr viele Motive der Flüchtlingsdebatte gab es schon damals. Etwa die Angst vor allein reisenden jungen Männern, die aus Moskau kamen. Eine Zeitlang dachten viele ja nur, da kommen lauter 20-jährige Männer. Bis ihre Familien nachkamen.

Sie haben selber Erfahrung als Migrantin. Sie kamen als 11-jähriges Kind aus Baku, Aserbaidschan, nach Deutschland.

Wir kamen ja als jüdische Kontingentflüchtlinge, es hatte nichts von einer dramatischen Flucht. Am ehesten sind wir klassische Wirtschaftsmigranten. Wir haben uns nach einem Rechtsstaat gesehnt. Auch wirtschaftlich ist es hier deutlich besser als in Aserbaidschan. Als wir in Deutschland ankamen, hatten wir sofort eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung, mit allen Vorteilen, die daraus entstehen.

Es war trotzdem eine Zäsur, fort von den Wurzeln.

Aber eine sehr privilegierte. Wir wussten sehr lange, dass wir eventuell gehen würden. Hatten Zeit, unsere Wohnung aufzulösen. Es war keine spontane Flucht. Es war nicht so, dass eine Bombe hochgegangen ist und plötzlich die halbe Familie tot war. Jeder, der konnte, ist damals gegangen. Überhaupt nicht wie im Buch oder bei meiner Großmutter, wo das eigene Leben bedroht war.

Sie haben Teile des Buches in Istanbul geschrieben. Hat Sie die Stadt inspiriert?

Olga Grjasnowa, 1984 in Baku geboren, debütierte vor fünf Jahren mit dem Roman "Der Russe ist einer, der Birken liebt". Sie lebt in Berlin.

(Foto: Imago)

Syrien ist dort nah, in Istanbul ist der Krieg ganz anders erfahrbar als hier. Wenn die Menschen in Deutschland ankommen, sind sie erleichtert, schauen nach vorn. In Istanbul stecken sie noch mittendrin. Jedes Mal im Stau, und in Istanbul steht man fast immer im Stau, kommen syrische Kinder ans Auto und betteln. Sie machen das, weil sie keine andere Wahl haben. Manche von ihnen konnten sich monatelang nicht duschen. Viele haben Hunger. Und die Mütter stehen in der Ecke mit Todesangst, weil die Kinder auf der Straße sind. Alles, was mein Kind von diesen unterscheidet, ist der deutsche Pass.

Sie haben in Istanbul den Putschversuch erlebt: Ihre Wohnung lag direkt neben der Residenz von Präsident Erdoğan. War das für Sie ein Muster, das Sie aus Baku kannten: Panzer, Gewalt, Form der Unfreiheit?

Ja, aber ganz anders diesmal. Mein Mann, mein iranischer Nachbar und ich - wir haben alle vollkommen unterschiedlich auf den Putsch reagiert. Ich habe erst mal angefangen, meine Tasche zu packen, wie ich das aus Aserbaidschan kannte: frische Windeln, Babynahrung, Bücher, Dokumente. Aber weil der Strom nicht abgeschaltet wurde, das Wasser noch lief und die Klimaanlage, dachte ich, so schlimm könne es nicht sein. Unsere iranischen Nachbarn dagegen haben gleich angefangen, die Fenster zu verdunkeln, weil sie das aus dem irakisch-iranischen Krieg noch kannten. Und mein Mann suchte das ganze Gelände nach dem Geheimdienst ab.

Im Roman fällt das Ankommen der Flüchtlinge in Berlin ziemlich trist aus. Warum?

Das Ankommen in Deutschland wird den Menschen nicht leicht gemacht. Mein Lieblingsbeispiel ist die Ausländerbehörde im Berliner Wedding, viele Prozeduren dort basieren auf dem Prinzip der Demütigung. Es fängt bei der Wartezeit an, nicht selten muss man sich um fünf Uhr morgens anstellen, um überhaupt dranzukommen, gerne auch gegen sechs Uhr abends. Die Beamten sprechen kein Englisch - als wahrscheinlich die einzigen Beamten in ganz Berlin. Sie sind oft grob und nicht unbedingt kompetent, was ich leider zur Genüge am eigenem Leib erfahren habe. Die Toilette ist ein Hock-Klo, eine sehr missverständliche Geste. Und eine Wickelmöglichkeit, bei einem Raum voller Babys und Kleinkinder, ist so wahrscheinlich wie Frieden in Syrien. Die Neuangekommenen erhalten schon in der ersten Woche Behördenbriefe auf Deutsch, die nicht mal ich ohne Hilfe eines Anwalts verstehe. Das ganze System ist darauf ausgelegt, den Menschen nahezulegen, dass sie unwillkommen sind. Dass es auch anders geht, zeigt übrigens die Elterngeldstelle in Neukölln, unglaublich freundliche Beamte, die jedes Problem in wenigen Minuten lösen.

Auch vor Ihrer Hochzeit mit Ihrem syrischen Mann gab es Probleme.

Wir wollten in Berlin heiraten. Mein Mann brauchte ein Ehefähigkeitszeugnis, eine Urkunde von seiner Heimatbehörde. Aber die war gerade vom "Islamischen Staat" besetzt. Der Standesbeamte verlangte, dass er sich eine Urkunde vom IS-Chef Bagdadi unterschreiben lässt und diese nach Damaskus zum Assad-Territorium schickt. Dann hätte man das Ganze durch Hisbollah-Gebiet zur deutschen Botschaft im Libanon bringen müssen und von dort zum Amtsgericht Wedding. Wir sind deshalb zum Heiraten auf eine dänische Insel gereist. Es war eine Frage von drei Tagen.

Eine dänische Insel als kleine Flucht?

Als große Flucht. Vor der Bürokratie.

Die deutsche Gesellschaft hat radikalere Züge angenommen, Hass, Misstrauen. Auf was stellen Sie sich persönlich ein?

Auf gar nichts. Vielleicht ist das naiv. Ich setze mich damit auseinander, wenn es so weit ist.

Glauben Sie, dass das Land "es schafft"?

Wir haben es ja längst geschafft. Wir haben doch kein Problem mit der Integration. Die Integration läuft lediglich im rechten Spektrum der Gesellschaft falsch, wo die gesellschaftlichen Werte zugrunde gehen. Mir wurde damals in der Schule auch vorgeworfen, dass mein Deutsch nicht gut genug sei, dass ich keine Bestnote haben könne, weil ich mit einem Akzent spreche. Aber dann war 20 Jahre Ruhe. Allerdings bin ich weiß.