Roman: Die Anatomie des Erwachens Schützen und erregen

Mitten in die Debatte um Pädophilie und pädagogischen Eros platzt Eleanor Cattons Debüt-Roman über sexuelle Annäherungen zwischen einer Schülerin und ihrem Lehrer.

Von Cara Wuchold

"Das Saxophon ist das Kokain in der Familie der Holzbläser." Aufregend, sexy und gefährlich sein Spiel. Eleanor Catton hat das Saxophon in ihrem Debütroman "Die Anatomie des Erwachens" als Leitmotiv gewählt. In einer ersten Szene streichelt ihre Protagonistin Isolde zart den Instrumentenkörper - während sie von den sexuellen Annäherungen zwischen ihrer 17-jährigen Schwester und dem Leiter der Jazzband erzählt.

Schon ist der Leser mittendrin im Stoff. Zumal die Übersetzung von "Rehearsal", so der Titel im Original, zeitlich mit der breiten gesellschaftlichen Debatte um Pädophilie und pädagogischen Eros zusammen fällt. Die momentanen Enthüllungen und Diskussionen lassen sich in diesem Roman nicht spiegeln: Die Hauptfiguren sind keine Kinder mehr, sondern stehen am Anfang oder sind mitten in der Pubertät.

Und doch geht es auch hier um die Beziehung zwischen Schülern und Lehrern, deren Verlockungen und Gefahren Catton auslotet. "Wie kann ich diese Mädchen schützen und sie zugleich erregen?", diese Frage taucht auf im Buch, auch wenn sie kein Lehrer tatsächlich stellt und sie nur Teil eines Theatertextes ist.

Missbrauch oder Affäre? Im Falle Victorias und ihres Musiklehrers Mr Saladin deutet alles auf Letzteres hin. Die verbotene Liaison selbst, an einer High School namens Abbey Grange, wird gar nicht erzählt. Es geht vielmehr um die Wellen, die sie schlägt. Das Verhältnis löst tiefe Unsicherheiten vor allem bei den heranwachsenden Mädchen aus. Gleichermaßen durchströmt sie die Furcht vor ihrer Unzulänglichkeit und davor, die Abenteuer in der Welt da draußen nicht zu bestehen. Da ist ihnen Victoria mit ihren Erfahrungen und ihrem sexuellen Geheimnis, das sie nur mit ihrem Lehrer teilt, plötzlich meilenweit voraus.

Die Neuseeländerin Eleanor Catton hat den Coming of Age-Roman, er ist bereits in elf Sprachen übersetzt, mit 22 Jahren geschrieben, selbst noch mittendrin im Prozess des Erwachsenwerdens. Spielchen wie die "Fick-mich-Armbänder" der Mädchen - wenn ein Junge es zerreißt, "wissen beide, dass die Sache jetzt bis zum bitteren Ende durchgezogen werden muss" - klingen, als hätte Catton sich auf dem Schulhof umgeschaut und mitgeschrieben.

Provozieren und manipulieren

Neben Isolde, die ihre Schwester um die Opferrolle beneidet, stellt die Autorin zwei weitere Schülerinnen ins Zentrum: Julia, unangepasst, von den anderen als lesbisch abgestempelt und gemieden. Und Bridget, der das Etikett farblos und durchschnittlich anhaftet, gerade weil sie sich so sehr um das Gegenteil bemüht. Sie alle besuchen den Musikunterricht ein und derselben Lehrerin, die Eleanor Catton schlicht Saxophonlehrerin nennt.

Sie ist eine von vielen Figuren im Buch, die keinen individuellen Namen tragen. Im Vordergrund steht ihre Rolle, nicht die Person. Die Leser spüren der Geschichte durch die Gespräche zwischen ihr und den Mädchen nach. Sie provoziert und manipuliert ihre Schülerinnen, bestärkt Julia darin, sich Isolde anzunähern - die beiden scheinen sie an eine eigene verschüttete Liebesgeschichte zu erinnern.

So überlappen sich Gegenwart und Vergangenheit, fiktive Realität und Imagination. Für den Mut der jungen Autorin spricht, dass sie gar nicht versucht, die Vorherrschaft über die Handlung zu bekommen. Es ist, als teste sie die Grenzen ihrer Erzählung aus, indem sie diese in verschiedene Richtungen laufen lässt. Ihr Talent zeigt sich darin, dass die Geschichte auch so sehr gut funktioniert.

Eleanor Catton verwischt die Grenzen zusätzlich, indem sie aus verschiedenen Perspektiven und mehrere Versionen von Vorkommnissen erzählt. Die Versatzstücke ergeben zusammen genommen den so oder auch anders möglichen Plot - wie die Selbstvergewisserungen der Mädchen die Puzzelstücke ihrer Identität.

Doppelte Verstrickung

Darüber hinaus verwebt Catton die High-School-Geschichte mit Geschehnissen an einem Schauspielinstitut. Im Mittelpunkt dieses Erzählstrangs steht der Student Stanley, dessen Jahrgang die Affäre zwischen Mr Saladin und Victoria auf die Bühne bringt - und der sich zudem in Isolde verliebt. Eine doppelte Verstrickung. "Institut des Erwachens" nennt Catton die Schule einmal. Sie spürt auch hier den Untiefen der Schüler-Lehrer-Beziehung nach und spielt mit den Unsicherheiten, die die Suche nach Orientierung begleiten.

Stanleys Vater, mit dem sein Sohn sich einmal jährlich zum Dinner trifft, ist da keine große Hilfe. Ebenso wenig die Mütter, die regelmäßig die Saxophonlehrerin aufsuchen und nach dem immer gleichem Muster die eigene Anerkennung und die ihrer Töchter erheischen. Die Lehrerin sieht in ihnen einen Typus: eine "Frau, die alle Frauen spielt."

Die Erwachsenen haben sich in der Rolle ihres Lebens eingerichtet, zu denen eine idealisierte Vergangenheit oder ihr eigener Widerschein in der heutigen Jugend gehört. Im Prinzip teilen sie die Sehnsucht der Jugend nach Bedeutung und Größe, nur nicht vorausschauend, sondern rückwärts gewandt. Insofern strahlt die Zeit des Erwachens weit über die Pubertät hinaus. Erfahrungen legen sich über die Verunsicherungen, aber die Selbstvergewisserung hört auch dann nicht auf.

ELEANOR CATTON: Die Anatomie des Erwachens. Roman. Aus dem Englischen von Barbara Schaden. Arche Verlag, Zürich 2010, 400 Seiten, 19,90 Euro