Roman "Angst" von Dirk Kurbjuweit Wenn sich das Leben in ein Krisengebiet verwandelt

Dirk Kurbjuweit veröffentlicht seinen neuen Roman "Angst".

(Foto: dpa)

Darf man töten, weil das eigene Leben durch Stalking zerstört wird? Nach seinem Afghanistan-Buch "Kriegsbraut" entdeckt Dirk Kurbjuweit das bürgerliche Berlin als Krisengebiet. Sein Stalking-Roman "Angst" stellt die Frage nach der Selbstjustiz - und verfängt sich in einem literarischen Dilemma.

Von Lothar Müller

An dem Erfahrungskern, aus dem dieser Roman herausgewachsen ist, hat sein Autor, kaum war das Buch erschienen, in Interviews und Talkshows keinen Zweifel gelassen. Er selbst, sagt der Spiegel-Reporter Dirk Kurbjuweit, sei einmal von einem Stalker heimgesucht worden, einem nicht abschüttelbaren Quälgeist, der ihm und seiner Familie das Leben zur Hölle gemacht - und in seinem Kopf schließlich die unabweisbare Wunschvorstellung hervorgerufen habe, den Quälgeist zu erschießen.

Wenn der Roman beginnt, ist die Schwelle vom Gedanken zur Tat schon überschritten. Nur auf den ersten paar Seiten könnte man meinen, der Erzähler besuche seinen Vater in einer Heilanstalt oder dergleichen, aber dann wird rasch klar, dass der Vater im Gefängnis sitzt, weil er einen gewissen Herrn Tiberius durch einen Nahschuss in den Kopf getötet hat. Klar wird auch, dass dieser Tiberius Mieter im Souterrain der Wohnung des Sohnes war. Und vor allem wird klar, dass der Sohn mit dieser Tat einverstanden war: "Ich hoffte nicht wirklich auf einen Unfall, ich wollte diesen Mord, ich hatte lange genug darüber nachgedacht, er musste nun geschehen."

Das Kisengebiet im bürgerlichen Berlin

Im Frühjahr 2011 hat Dirk Kurbjuweit den Roman "Kriegsbraut" veröffentlicht, eine mit literarischen Mitteln unternommene Reise in ein aktuelles Krisengebiet. Er schrieb darin die Erkundung eines moralischen Dilemmas fort, die er ein halbes Jahr zuvor in einem Spiegel-Essay über den Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan begonnen hatte. Nun, in dem Roman "Angst", liegt das Krisengebiet im bürgerliche Berlin, in einem schönen Altbau mit Garten in Lichterfelde. Dort sitzt der gut situierte Architekt Randolph Tiefenthaler, verheiratet, Vater von zwei kleinen Kindern, am Schreibtisch und rekapituliert, wie es zur Tat des Vaters kam.

Dafür hat ihm der Autor zwei Erzählstränge in die Hand gegeben. Der eine, weit zurückgreifende, handelt davon, wie die Angst bei den Tiefenthalers zum Familienmitglied wurde. Und der andere handelt vom Quälgeist, vom Mieter Tiberius im Souterrain. 1962, im Jahr der Kubakrise, ist Randolph Tiefenthaler geboren, im frisch eingemauerten West-Berlin, von einer Mutter, in der eine tief sitzende Kriegsangst rumort, als Sohn eines Waffennarren, der bei einem Autohändler arbeitet und mit seinen Schießübungen erfolglos irgendeinen Dämon in seinem Inneren bekämpft. In einem bündigen Satz fasst der Architekt das Gesetz seiner Kindheit zusammen: "Für mich war zu Hause ein Ort, an dem man erschossen werden konnte."

Dass die Bedrohung nicht von außen kommt, sondern aus dem Inneren des eigenen Hauses, diesen Grundakkord vieler Horrorromane schlägt Kurbjuweit in der West-Berliner Kindheit seines Helden an, um den Boden für die Bedrohung von außen zu bereiten, die in Gestalt von Herrn Tiberius im gegenwärtigen Berlin über die Familie Tiefenthaler hereinbricht.

Herr Tiberius ist, was man einen Stalker nennt. Aber er begnügt sich nicht damit, anzügliche Bemerkungen zu machen, wenn Rebekka, die schöne Frau des Architekten, ihre Slips zum Trocknen aufhängt. Und auch dass er ihr aufdringliche Liebesbriefe schreibt und nächstens ins Schlafzimmer des Ehepaars Tiefenthaler späht, ist nur der Anfang. Zielsicher steuert er auf die höchste Eskalationsstufe zu, in der er die Tiefenthalers beschuldigt, ihre Kinder sexuell zu missbrauchen - und damit einen Verdacht in die Welt setzt, dem die Polizei nachgehen muss.

Wenn sich das Leben in ein Krisengebiet verwandelt

Während Randolph Tiefenthaler davon erzählt, wie sich sein Leben in ein Krisengebiet verwandelte, führt ihm sein Autor, der Reporter und Verfasser zeitdiagnostischer Essays gelegentlich ein wenig die Feder. Denn er hat den Architekten nicht von ungefähr zu einem Pazifisten und Rechtsstaatsfanatiker gemacht, den die Angst vor dem waffenstarrenden Vater zu einem leidenschaftlichen Lobredner des staatlichen Gewaltmonopols werden ließ.

Und so spukt bald durch den Roman ein Essay über die Frage, ob man sich eigentlich im Milieu der Berliner "neuen Bürgerlichkeit" auf die zur Schau gestellte Liberalität und Kultiviertheit verlassen kann. Beim Durchfahren der DDR, so notiert der Essay einmal en passant, verhielten sich die Westdeutschen der Elterngeneration wie die kuschenden Untertanen, als die sie nach der Wende die ehemaligen DDR-Bürger verspotteten. Und nun dekliniert Randolph Tiefenthaler in seinem Altenbau in Lichterfeld die Charakteristika des neubürgerlichen Milieus, in das er aufgestiegen ist, im Panikmodus durch.