Roman "Amon" von Jennifer Teege Mein Opa, der Massenmörder

Nur durch Zufall erfuhr Jennifer Teege, dass ihr Großvater der grausame Nazi-Verbrecher Amon Göth aus dem Film "Schindlers Liste" war. In "Amon: Mein Großvater hätte mich erschossen" hat sie versucht, diesen Schock zu verarbeiten.

Von Alex Rühle

Zufälle. Immer wieder. Eines Tages steht Jennifer Teege in der Hamburger Zentralbücherei, sie sucht etwas ganz anderes, als ihr ein Name ins Auge sticht. Ein roter Einband, darauf als Titel eine Frage: "Ich muss doch meinen Vater lieben, oder?" Sie zieht das Buch heraus, weil sie irritiert ist vom Untertitel: "Die Lebensgeschichte von Monika Göth, Tochter des KZ-Kommandanten aus Schindlers Liste". Monika Göth. Kann doch nicht wahr sein.

"Wie wenig du gelesen hast, wie wenig du kennst - aber vom Zufall des Gelesenen hängt es ab, was du bist", schrieb Elias Canetti mal. Ihm ging es bei dem Satz um die intellektuelle Biografie eines Menschen. Aber bei Jennifer Teege trifft der Satz auch wörtlich zu. Bis zu diesem Moment ist sie einfach die Tochter eines Nigerianers und einer Deutschen, die sie kurz nach der Geburt aus ihr unbekannten Gründen in ein Kinderheim gegeben hat; ist als Adoptivkind in München-Waldtrudering aufgewachsen; hat ein paar Jahre in Israel verbracht und lebt mit Mann und Kindern als Werbetexterin in Hamburg.

Jetzt blättert sie durch dieses Buch, erkennt auf Fotos ihre Mutter und ihre geliebte Großmutter wieder, der Boden tut sich unter ihren Füßen auf, und sie versteht, dass sie die Enkelin von Amon Göth ist. "Warum hat meine Mutter mir nie etwas gesagt?", fragt Teege, "bin ich ihr so wenig wert, immer noch? Wer ist dieser Amon Göth? Was hat er genau gemacht?"

Das Ende des Holocaust

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Amon Göth tötete liebend gern nach dem Prinzip Zufall, morgens trat der KZ-Kommandant während des Frühstücks oft raus auf den Balkon seines Hauses, das direkt an das Lager von Plaszow grenzte, und schoss auf einen oder auch mehrere Häftlinge, die er dann von seiner Dogge und seinem Schäferhund zerfleischen ließ. Nach dem Frühstück ließ er sich die Karteikarten der ermordeten Häftlinge bringen und veranlasste die Ermordung aller Verwandten, weil er keine "unzufriedenen Menschen" im Lager haben wollte. Wenn er zum Foltern oder Töten ging, zog Göth sich am liebsten weiße Handschuhe an, dazu einen Tirolerhut. Als er Kinder auf einen Lastwagen trieb, um sie in die Gaskammern von Auschwitz zu deportieren, ließ er Walzer spielen.

Es ist sinnlos, ein Ranking der grausamsten Holocaustverbrecher aufzustellen, aber als Göth nach dem Krieg mit Rudolf Höß, dem Kommandanten von Auschwitz, nach Polen ausgeliefert wurde, stürzte sich die wartende Menge am Bahnhof von Krakau auf ihn, den "Schlächter von Plaszow", und nicht auf den Mann, der von Himmler mit der "Endlösung der Judenfrage" beauftragt worden war. Göth wurde 1946 hingerichtet.

Zusammenbruch nach der Entdeckung

Jennifer Teege brach nach der Entdeckung ihrer Herkunft zusammen. Schwere Depressionen. Apathische Monate. Therapie. Dann begab sie sich auf Spurensuche und schrieb zusammen mit der Journalistin Nikola Sellmair ihre Biografie: "Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen".

Nun gibt es ja einige solcher Erzählungen aus der dritten Generation, von Enkeln, die oftmals erst spät darauf stießen, dass sie von einem Massenmörder abstammen. Auch die Forschung widmet sich seit etwa 15 Jahren dem Erinnern oder besser gesagt den verschiedenen Strategien des Verdrängens und Verschweigens, erwähnt seien Harald Welzers "Opa war kein Nazi" oder die Untersuchungen der Soziologin Gabriele Rosenthal, die mit Nachkommen aus Täter- und Opferfamilien sprach und resümierend schreibt: "Die Generation der Täter-Kinder sitzt im Kühlschrank." Dass Mitglieder der eigenen Familie beim Massenmord mitmachten, werde erst den Enkeln richtig bewusst. Manchen Enkeln.