Roman "A wie B und C" von Alexandra Kleeman Essgestört und aufs Fernsehen fixiert

Kosmetik, Konsum und Körperpanik: Das gefeierte Debüt der 29-jährigen Amerikanerin Alexandra Kleeman ist eine Dystopie für ihre Generation.

Buchkritik von Meredith Haaf

Jeder, der schon mit einer gelebt hat, weiß, dass die meisten Frauen Aufmerksamkeitsmonster sind. Es ist unmöglich mit einer Frau zusammen zu wohnen und einen Kater, einen Liebeskummer oder eine Kosmetikroutine zu haben, ohne, dass sie Stellung dazu und Anteil daran nimmt. Man kann nicht einmal alleine menstruieren - aus der Anthropologie ist bekannt, dass sich bei Frauen, die sich eine Wohnung teilen, innerhalb weniger Monate der Zyklus anpasst. Nirgends gedeihen Störungen in Essverhalten und Körper-Selbstwahrnehmung so prächtig wie da, wo Frauen in ihren Zwanzigern zusammen leben, einander beobachten und sich naturgemäß irgendwann gegenseitig imitieren.

Völlig einleuchtend also, einen dystopischen Identitäts-Thriller in einer Frauen-WG beginnen zu lassen, wie es Alexandra Kleeman in ihrem Debütroman "A wie B und C" tut. Die Autorin ist 29 Jahre alt und lebt in New York City, ihre Texte erschienen bereits in prestigeträchtigen Magazinen wie Harpers, n+1 und dem New Yorker. Die amerikanischen Kritiker feierten "You too can have a body like mine", so der Originaltitel ihres Romans, was auf deutsch "Auch du kannst einen Körper wie meinen haben" heißt.

Umso rätselhafter die Entscheidung des Schweizer Verlags für den etwas schwachatmigen deutschen Alternativtitel. Denn Kleemans hochintelligenter Roman handelt vor allem von den Begehrlichkeiten, der Bedrängnis und der Not, die mit dem Körper in der modernen Welt einhergehen.

Drei Tage in der Woche verbringt A mit ihrem Freund schaut Haifisch-Dokus

Ich-Erzählerin A lebt mit ihrer Freundin B zusammen, die ihr auf unheimliche Weise ähnlich sieht: "Wenn man uns auf eine Liste von Adjektiven reduzieren würde, käme bei uns beiden wohl fast das Gleiche heraus." Die Frauen, beide blass, dünn, brünett, halten sich vor allem zu Hause und vor dem Fernseher auf. Während A wenigstens einem Job als Schlussredakteurin nachgeht und eine Beziehung zu einem Mann namens C pflegt, scheint Bs einziger Lebensinhalt darin zu bestehen, A möglichst nahe zu kommen.

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In der Wohnung folgt sie A überall hin, beobachtet sie beim Essen, schaltet in ihrem Zimmer dieselben Sendungen ein, die A gerade im Fernsehen guckt und beginnt, sich wie sie zu schminken. Kleeman beschreibt mit geradezu schmerzhafter Genauigkeit die gegenseitige Demütigung der Überidentifikation, die beide Frauen betreiben. "Je mehr wir uns sahen, desto mehr vermisste mich B. Unter ihrem Blick spürte ich ständig die Last meiner eigenen Gegenwart und wurde es langsam leid (. . .) und wartete deshalb jeden Tag ein wenig länger, bevor ich aus meinem Zimmer kam. Ich zögerte es hinaus, mein Lebenskonstrukt wieder zu betreten."

Drei Tage in der Woche verbringt A mit C, ihrem Freund. Mit ihm sitzt sie inmitten einer gewaltigen DVD-Sammlung auf einem großen Sofa und guckt im Fernsehen die Haifischdokus und Gameshows, die er so mag. C ruht in seiner männlichen Selbstsicherheit wie ein dicker Kater in der Sonne. Er ist "richtig gut im Fernsehen", er "passte zu seinem Leben und in seine Zeit."

"Sieh dich als Originalprodukt, und sie ist die Franchisenehmerin"

As Beunruhigung über Bs Versuche, ihr immer ähnlicher zu sehen, wiegelt er ab: "Sieh dich als Originalprodukt, und sie ist die Franchisenehmerin." Beim Sex lässt er Pornos laufen, was A sich in klassischer weiblicher Anpassungsakrobatik als philosophische Geste zurechtlegt: "Er verstärkte den Augenblick, indem er Fantasie auf Realität auf Fantasie auf Realität schichtete. Jedes Paar, das in der Gegenwart aufeinander fixiert war, war auf dem Weg zu einer totgelaufenen Beziehung. Er bevölkerte den Akt wieder, damit wir in ihm nicht so alleine waren."