Von DIRK PEITZ

... ´´sssss ´war immer so, ´ssss war immer so: Tiefer im Osten - Zwei Tage im Londoner East End mit "Roll Deep", den Königen des bald schon massentauglichen Grime.

Die Mile End Road ist da, wo die High Street nicht ist.

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Nacheinander verschwinden alle acht MCs in einem besenkammergroßen Gesangsaufnahmekabuff und rappen je acht Takte pro Track voll. Sie machen das mit der lässigen Effizienz von Jungs, die noch was anderes vorhaben mit ihrem Abend. (© )

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Die endlose Ausfallstraße durchzieht das Viertel Bow, eines der trostloseren des Ostlondoner Stadtbezirks Tower Hamlets. Sozialbauten, sechsstöckig zumeist, braun geklinkert, bestimmen das Straßenbild. Dabei ist die andere, die glitzernde Stadt gar nicht so weit weg, mit der Tube sind es nur acht Stationen bis Oxford Circus, bis ins Kaufrauschland des West End. Man muss nicht mal umsteigen. Drei Häuser vom U-Bahnhof Mile End weg, in einem gedrungenen Altbau, in dessen Erdgeschoss ein Club namens "Purple E3" residiert, treffen an diesem späten Nachmittag unterm Dach nach und nach die Mitglieder von Roll Deep ein.

Dreizehn sind es insgesamt, drei Produzenten, zwei DJs, acht MCs. Gegen acht Uhr werden fast alle da sein und sich in einen winzigen Raum drängen. Roll Deep nehmen hier, in diesem Ministudio namens G's, die Vocals für zwei neue Tracks auf. Nacheinander verschwinden alle acht MCs in einem besenkammergroßen Gesangsaufnahmekabuff und rappen je acht Takte pro Track voll. Sie machen das mit der lässigen Effizienz von Jungs, die noch was anderes vorhaben mit ihrem Abend.

Breeze und Brazen zum Beispiel, die wie Zwillinge aussehen in ihren Trainingsanzügen, sind nach zehn Minuten und je zwei messerscharfen Achttakt-Flows wieder unten auf der Straße. Arbeitstag zu Ende. Nur Scratchy, der einzige weiße MC, verhaspelt sich ständig. Flow Dan, der Älteste, der MC-Doyen, schaut irgendwann halb genervt, halb belustigt von seiner Partie Computerfußball auf einer der nagelneuen Playstation Portables hoch, mit denen sich die Jungs ihre Wartezeit vertreiben, wenn sie nicht gerade auf ihren Designerhandys telefonieren oder den immer nächsten Joint bauen. Als Scratchy schließlich fertig ist und etwas von schlechter Tagesform erzählt, grinst ihn Flow Dan breit an: "Wirst du eigentlich nach verhauenen Takes bezahlt?"

Das, was da die ganze Zeit schwer aus den Boxen rumpelt, heißt Grime und ist der britische Musikhype der Stunde, obwohl es den Begriff schon zwei Jahre gibt und die Musik dazu auch. Doch jetzt erst gibt es auch genug Veröffentlichungen, damit aus dem Gerücht eine Welle werden kann. Grime, das ist die dunklere Seite von UK Garage, noch so einem der vielen Hype-Begriffe, die die britische Pop-Öffentlichkeit in bedrohlichem Tempo verbraucht, meist ohne dass der ersten Aufregung entsprechende Plattenverkäufe nachfolgen: Jungle, Drum'n'Bass, UK Garage, 2Step. Doch etwas ist anders an Grime. Zum ersten Mal verbinden sich in ihm die Produktionsästhetik britischer Dance-Music mit der des amerikanischen Hip-Hop und R&B zu etwas Neuem, das als Massenmusik tauglich scheint.

Der eigentliche qualitative Sprung passiert auf der Textebene, und es ist ein denkbar simpler: Statt inhaltlich weiter mit dem US-Gangsta-Rap konkurrieren zu wollen, schildern die Grime-MCs ihre eigene Lebenswelt, in einer längst zum Soziolekt der jungen Erfolglosen Britanniens herangereiften Sprache, einer wilden, atemlosen, scharfen Mischung aus Restbeständen von Working-Class-Slang und Hip-Hop-Metaphorik. Der Erste, der dafür eine Form fand, war der weiße Laptop-Produzent Mike Skinner alias The Streets. Seine beiden Alben sind Erzählungen aus einem monotonen Leben, dessen Tage vor der Playstation und dem Fernsehen zäh vergehen, und dessen zugedröhnte Nächte in Clubs spielen, deren Versprechungen von echtem Excitement unerfüllt bleiben. Wenn die Polizei sie nicht ohnehin vorzeitig beendet. Doch deren Vorgehen gegen Garage-Clubabende, bei denen es tatsächlich häufiger gewalttätig zugeht, sei die entscheidende Wende für die Musik gewesen, schreibt Skinner im Vorwort zum Grime-Fotoband "Open Mic" von Ewen Spencer: Damit sei der Schritt von der bloßen Dance- zur echten Street-Music mitten hinein in die Lebensrealität der Leute geradezu erzwungen worden.

Dealen, sagt der weiße Danny Weed, das ist ungefähr der einzige geregelte Beruf, dem man hier nachgehen kann. Es ist der nächste Mittag. Ein paar hundert Meter südlich der Mile End Road, an der Canton Street, liegt "The Estate". So nennen Danny und die anderen von Roll Deep den Sozialbaukomplex, in dem sie alle aufgewachsen sind, und der einer der Geburtsorte von Grime ist. Denn Roll Deep sind eine der Urzellen von Grime. Dizzie Rascal, der mit seinem Album "Showtime" zum ersten kommerziell erfolgreichen Solokünstler des Genres wurde, gehörte früher zur Crew. Wylie, der zweite Solostar des Grime, ist noch immer Mitglied. Doch er fehlt an diesem Mittag, wo die Hälfte der Jungs von Roll Deep gerade auf der Straße vor den Garagen des Estate herumstehen, um die verbeulten Autos von Target und Manager David Laub herum. Es sind Altmodelle, Audi A3, Golf 3. Da klafft ein Loch in der Tür, dort hängt ein Außenspiegel herunter, hier eine Zierleiste.

Kein US-Rapper würde in solchen Schrottkisten herumfahren. Die Jungs von Roll Deep aber haben gar keine Wahl, auch wenn sich ihr Debütalbum "In At The Deep End", das nun auch in Deutschland veröffentlicht wurde, in Großbritannien gut verkauft hat. 60000 Stück, Gold-Status. Dass die Platte ein Erfolg ist, liegt auch daran, dass Roll Deep das junge Genre weit geöffnet haben, auf ihren Tracks gibt es überdrehte Samples etwa des Achtzigerjahre-Hits "Heartache Avenue" oder von "Mambo Craze" und ganz weiche R&B-Frauenstimmen. Aber finanziell ist die Platte für die Jungs nur ein Anfang. Durch dreizehn geteilt, bleibt von den Tantiemen für jeden Einzelnen fast nichts.

Danny, der einzige, der mit Designerklamotten von Prada Sport herumläuft, und sein Produzentenkollege Target geben eine Stadtführung durch den Estate. Ein verwirrender Komplex aus Höfen, Durchgängen, Kleinstplätzen, nur vierstöckig hoch gebaut, natürlich braun geklinkert. Wenn da nicht überall die Schilder "No Ball Games" wären, wenn da wenigstens ein bisschen Grün wäre, und wenn das hier nicht das East End wäre, sondern irgendein Provinzkaff, man würde sagen: eine anonyme, aber doch eine Kleinbürgeridylle. Auffällig ist nur, dass keine Mädchen oder Frauen zu sehen sind. Die arbeiten, sagt Danny. Bestenfalls in den schicken Läden des West End. Schlimmstenfalls um die Ecke an der Supermarktkasse.

Der Estate ist jedenfalls kein Trabantensilo, keine Vorstadthölle, kein britisches Banlieue. Bloß: Die Perspektiven für die Jungen sind hier auch nicht wesentlich besser als in den französischen Cités. Danny sagt, er kenne keinen einzigen Typen hier, der länger als bis 16 auf einer Schule gewesen wäre, und einen Job mit echten Aufstiegschancen habe auch keiner. Dafür gibt es gleich hinter dem Estate einen Jobcenter und eine Sozialstation. Zum Jobcenter aber gehen die Jungs aus dem Estate bloß alle zwei Wochen, um sich die 80 Pfund Stütze abzuholen, sagt Danny, und in die Sozialstation setzt er keinen Fuß. "Der Laden ist derart heruntergekommen, das ist bestimmt Absicht, damit man erst gar nicht reingeht." Danny riecht zehn Meter gegen den Wind nach Eau de Toilette. Es ist von Gucci, es heißt "Envy", Neid.

Andererseits: Es tut sich was, die Gentrification hat längst begonnen. Immobilienentwickler haben die ersten Neubauten für die arbeitende Mittelschicht hinstellen lassen, manch Altbestand ist von abenteuerlustigen Hipstern übernommen worden. Für Danny und Target sind das eher Schreckensnachrichten. Jetzt frisst sich der Geist des West End sogar bis zu ihnen vor. Als hätte ihnen die Hochhaussilhouette der Docklands nicht schon gereicht, die sie im Estate seit ein paar Jahren direkt vor Augen haben. Denn der Anblick der Bankentürme von Barclay's, Citigroup und HSBC war für Danny und Target nie ein Versprechen auf eine bessere Zukunft, sondern nur eine weitere Bestätigung dafür, dass es ein Leben jenseits des Estate gibt, zu dem sie keinen Zugang haben, weil ihnen dafür die Bildungsnachweise fehlen. Diese Gewissheit aber hat sie zu smarten Vermarktern ihrer selbst gemacht. Ihre Aufstiegsoption heißt Musik und ihr Brancheneinstieg Roll Deep, das eben keine Band von Seelenverwandten im alten rockmythischen Sinne ist, sondern ein vom britischen Sozialbauwesen zusammengeführtes Freundeskollektiv musikalischer Ich-AGs.

Um drei Uhr beginnt Targets wöchentliche Radioshow bei Rinse FM. Das Studio liegt in einem heruntergekommenen Industriegebäude irgendwo im East End. Ein heillos zugemüllter Raum, auf dem verrotteten Teppichboden steht ein laut vor sich hin plärrendes Radio, ein BBC-Kanal ist eingestellt. Das ist zur Ablenkung, sagt Target. Wer draußen vorbei geht, soll denken: Hinter der Tür haust irgendein Durchgeknallter, der rund um die Uhr öffentlichrechtliches Radio hört. Was keiner wissen darf: Hinter einer zweiten Tür liegt das illegale Sendestudio von Rinse FM, dem besten Piratensender Londons, ein fensterloser, schallgedämmter, vielleicht vier Quadratmeter großer Raum.

Target zelebriert seine Zweistundensendung wie einen hyperaktiven Gottesdienst. Kein Song läuft länger als eine Minute am Stück, immer wieder zieht Target die Musik raus und das Mikrofon auf, er sendet seine shouts an die Grime-Fans da draußen, die ihm ohne Unterlass aufs Senderhandy SMS-Grüße schicken. Name für Name, Crew für Crew, Viertel für Viertel wird aus Targets Zurück-Grüßen die Selbstvergewisserung einer Szene, die ganz selbstverständlich die Deutungshoheit über das Hier und Jetzt des jungen, erfolglosen Britanniens für sich reklamiert. Hergestellt wird sie mit den Mitteln moderner Telekommunikation und versendet über das uralte Medium Radio. Target verwandelt diese wie immer im Pop zunächst nur behauptete ästhetische Herrschaft über die Gegenwart in eine Performance, in reine nervöse Kunst. Er ist jetzt ganz drin im Beat, lost in music, alles wird zu einer schnellen, fließenden Bewegung, Musik runter, Mikro an, "This goes out to all the crews out there...", Musik hoch, schnell die nächste CD rein. Für zwei Stunden ist die Welt draußen weg.

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(<i>SZ v. 29.11.2005</i>)