Von Willi Winkler

"Es war der knallharte Versuch, die Publikation zu unterbinden": Wie die Firma Krupp versuchte, Rolf Hochhuths Buch "Der Stellvertreter" zu verhindern.

Je näher man sich die Vergangenheit anschaut, desto ferner schaut sie zurück. Die Geschichte der Familie Krupp, der Weg ihrer Waffenfabrik zum kriegsentscheidenden Konzern mit nachfolgendem Niedergang, ist so bildschön, dass sich endlich auch das geschichtsversessene Fernsehen dieser Saga angenommen und sie jetzt in vielen Nah- und Naturaufnahmen nacherzählt hat. In dem ZDF-Dreiteiler "Die Krupps", den gut sechs Millionen sahen, wird nicht verschwiegen, dass sich die allzeit für Arbeit sorgende deutsche Firma Krupp ihren Weltruf durch Rüstung erwarb, und deshalb ist es in der Firmenchronik auch nur ein kleiner Schritt vom Kaiser Wilhelm zu Adolf Hitler. Die Hauptsache war immer das Geschäft, oder wie es im Film heißt: "Es geht doch um die Kruppianer."

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Rolf Hochhuth schreibt in "Der Stellvertreter" über die Zwangsarbeit bei Krupp. (© Foto: ap)

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Man mag von Rolf Hochhuth als Schriftsteller halten, was man will, es gehört zu seinen bleibenden Verdiensten, dass er im "Stellvertreter" (1963) nicht bloß die Trägheit des Herzens von Papst Pius XII. anprangerte, sondern in diesem "christlichen Trauerspiel" zum ersten Mal von Zwangsarbeitern und deshalb auch von der Rolle der Firma Krupp gesprochen hat. "Da wird halt d'r General von Schulenburg selb'r nach Essen kommen müass'n, damit er si dös beim Herrn von Bohlen verbitt', dass, dass die Gefangenen beim Krupp Prügel, ja - Prügel statt'n Erdäpfel krieg'n", heißt es da anlässlich eines fröhlichen Kegelabends unter SS-Leuten und Nazi-Ministerialen.

"Arbeit macht frei" stand über dem Lagereingang nicht nur in Auschwitz, und Krupp war mit dieser Form der Beschäftigungspolitik keineswegs allein. Zwar befreite die Arbeit die Häftlinge nicht aus dem Konzentrationslager, aber wenigstens machte sie die Besitzer der großen Industriefirmen reich und begründete den Wiederaufstieg der nämlichen Firmen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Alfried Krupp von Bohlen und Halbach wurde 1948 unter anderem wegen "Sklavenarbeit" zu zwölf Jahren Haft verurteilt, aber bereits Anfang 1951 war er wieder frei, da man ihn doch fürs Wirtschaftswunder brauchte. Den 25.000 Zwangsarbeitern der Firma Krupp erging es nicht so gut, aber wenigstens verständigen sich in der ZDF-Version Alfried Krupp und sein Generalbevollmächtigter Berthold Beitz darauf, dass sie entschädigt werden müssten. Das mag so gewesen sein, und niemand wird Beitz' persönlichen Mut bezweifeln, der im "Dritten Reich" (und fernab von Krupp) vielen Arbeitern das Leben gerettet hat.

Keine fragende Intervention

Es war aber derselbe Beitz, der 1962 beim Rowohlt-Verlag anrief und sich recht dringlich nach Hochhuths "Stellvertreter" erkundigte. Das Stück war noch gar nicht uraufgeführt worden, das Buch noch nicht erschienen, aber Beitz hatte sich die Druckfahnen beschaffen können. (Wie es heißt, war ihm dabei der ehemalige "Kriegsberichter" Henri Nannen behilflich, der es zum Chefredakteur des Stern gebracht hatte.) Daher wusste Beitz, dass Hochhuth die Firma Krupp wegen der Beschäftigung von Zwangsarbeitern anklagte, und das wollte der Generalbevollmächtigte nicht. "Es war keine fragende Intervention", erklärt der damalige stellvertretende Verlagsleiter Fritz J. Raddatz, der das Gespräch mitanhörte, "es war der knallharte Versuch, die Publikation zu unterbinden."

Krupp war schließlich eine deutsche Firma von Weltruf. Deshalb sollte die Welt auch nicht lesen, dass es für einen Teil der "Kruppianer" nichts zu essen, aber dafür Prügel gab. Der Verleger Rowohlt hat sich übrigens vom Krupp-Chef nicht erpressen lassen. Der "Stellvertreter" erschien mit den unfreundlichen Sätzen über die Zwangsarbeit bei Krupp. Aber je weiter die Vergangenheit zurückliegt, desto freundlicher schaut sie zurück.

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(SZ vom 27.03.2009/irup)