Rock Gitarrensoli lügen nicht

Roger Waters überzeugt in der Olympiahalle immerhin musikalisch

Von Dirk Wagner

"Wenn du nicht wütend bist, bist du nicht aufmerksam", heißt es auf dem Schild der Demonstrantin, die auf einem der Bilder zu sehen ist, die das Roger-Waters-Konzert in der ausverkauften Olympiahalle visuell begleiten. Bilder, die Politiker zeigen, Militäreinsätze und Insignien des Reichtums. Und Obdachlose, Kriegsopfer und Kinder, die auf einer Müllkippe spielen.

Der Aussage der Demonstrantin folgend ist Waters besonders aufmerksam. Denn der 74 Jahre alte Mitbegründer von Pink Floyd präsentiert sich als besonders wütender Geist, der sich gegen alles Unrecht auflehnt. Begleitet von den besten Pink-Floyd-Stücken aus den Alben "Dark Side Of The Moon", "Meddle", "Animals", "Wish You Were Here" und "The Wall", die in bemerkenswerter Klangqualität geboten werden.

Nur vier Stücke aus dem neuen Solo-Album aktualisieren Waters Programm, das dieser als gigantisches Gesamtkunstwerk aufbereitet, das keinen Effekt scheut. Jugendliche aus München tanzen auch mal als Gefangene zu "Another Brick In The Wall" über die Bühne, bevor sie sich ihre an Guantanamo erinnernde Sträflingskleidung ausziehen, um nun mit deutlichen T-Shirt-Aufdrucken zu fordern: Widerstehe! In der nun folgenden Pause des in zwei Sets gespielten Konzerts wird auf einer Leinwand aufgelistet, wem alles zu widerstehen sei. Dem Neo-Faschismus zum Beispiel, als deren Vertreter unter anderem Kurz für Österreich, Trump für USA und Orban für Ungarn genannt werden.

Und dem Antisemitismus. Was darum auffällt, weil Waters wegen seiner Unterstützung der BDS (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen) in die Schlagzeilen geriet, der Unterstützung einer transnationalen politischen Kampagne also, die den Staat Israel kulturell und wirtschaftlich isolieren will. Genau das wird aber von Politikwissenschaftlern als antizionistisch, wenn nicht gar antisemitisch bewertet. Prompt erscheint eine Texttafel, die vor einem "israelischen Antisemitismus" warnt, was sprachlich kaum an Unsinnigkeit zu überbieten ist. Inhaltlich meint Waters damit, dass er Israels Rolle im Nahostkonflikt verurteilt. Was allerdings ein viel zu komplexes Thema ist, um sich dazu vorschnell ein Urteil zu erlauben. Zumal es auch ein Thema ist, über das nur allzu viele ihren Antisemitismus zu rechtfertigen versuchen.

Wegen seiner Unterstützung der BDS hätte Oberbürgermeister Dieter Reiter das Konzert am liebsten verhindert. Es sei nur ein kleiner Schritt vom Verbot unbequemer Rockkonzerte zur Verbrennung von Büchern, schimpft daraufhin Waters, bevor er mit dem letzten Stück "Comfortably Numb" die Zuschauer musikalisch wieder regelrecht verzaubert. Sobald er sich nämlich über seine einzigartige Musik artikuliert, glaubt man ihm auch den Kampf für eine bessere Welt. Schließlich können solche Gitarrensoli wohl kaum lügen. Und der wärmende Sound dieser einfühlsam gespielten Hammond B 3-Orgel kann gar nichts anderes wollen, als Menschen glücklich zu machen. Letztlich lohnt das Konzert aber schon wegen der beiden großartigen Sängerinnen der New Yorker Indie-Rock-Band Lucius, denen Waters hier galant die Bühne bereitet.

Nur, dass er den US-Präsidenten Donald Trump lächerlich machen will, indem er ihn auch mal geschminkt und gekleidet wie einen Homosexuellen oder eine Frau zeigt, hätte durchaus Anlass zu einer weiteren Diskussion gegeben. Derlei sexistische Themen blieben jedoch in der allgemeinen Aufregung unberücksichtigt. Dabei sollte doch eigentlich auch in diesem Fall gelten: Wer da nicht wütend ist, ist nicht aufmerksam.