Und darum sind wir schließlich hier. Auftritt Paul Weller. Seine Musiker sind Weltklasse, und sogar der Roadie spielt beim Soundcheck besser Bass als mancher, der hier flamboyant die Bühne beansprucht. Paul Weller (Jahrgang 1958) hat einen Vokuhila, graue Haare und spielt im Grunde stinknormalen Bluesrock - und trotzdem wirkt er moderner als etwa das US-Mädchen-Trio The Like oder das deutsche Jungs-Quintett Tomte. Auf dem kleinen Union Jack, den Weller als Requisite dabei hat, steht ¸¸Fire & Skill". Womit die Qualität der Band genau umrissen ist. Musik ohne Firlefanz, mit Feuer und handwerklichem Können dargeboten. Bei ¸¸Up in Suze"s Room" und ¸¸Town Called Malice" sieht man viele beseelte junge Gesichter. Wieso das? Hat die Jugend von heute keine eigenen Helden? Die Headliner an allen drei Tagen sind Künstler, die schon vor zehn, wenn nicht 15 Jahren den Abend hätten beschließen können: Jamiroquai, Metallica, Depeche Mode. Und natürlich Guns´N´Roses.

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Was hatte man sich nicht alles erwartet von diesem ersten deutschen Auftritt nach über zehnjähriger Kunst- und Erschöpfungspause, nach Totalrückzug, Verfettung, Drogenfinsternis. Und dann so was. Axl Rose (Jahrgang 1962) hechtet über die Bühne wie ein wildgewordener Terence Trent D"Arby, und seine neue Band agiert so unkoordiniert wie die deutsche Abwehr im WM-Testspiel gegen Italien (1:4). So, als wären alle auf Droge - aber jeder auf einer anderen. Es klingt gleichzeitig überdreht, stumpf, hektisch und lahm. Kaputtsein allein ist noch nicht abendfüllend.

Ein Schatten seiner selbst ist auch Pete Doherty (Jahrgang 1979), obwohl er erst am Anfang seiner Karriere steht. Der Auftritt seiner Babyshambles, für Freitag 16.05 Uhr angekündigt, findet mit zirka elfstündiger Verspätung statt - tags zuvor ist der Sänger noch wegen eines Drogendeliktes in Barcelona verhaftet worden. So weit, so erwartbar. Mitten in der Nacht stolpert Doherty also auf die Bühne, begleitet von drei peinlich berührt wirkenden Mitmusikern. Was dann folgt, müsste man eigentlich mit pathologischen Begriffen beschreiben. Reflexhaft versucht Doherty das Publikum zum Mitklatschen zu animieren - was so lustlos linkisch aussieht, dass es fast schon wieder komisch ist. Der Mann ist voll druff. Verwirrt. Ausgelaugt. Am Ende. Dutzende Doherty-Doppelgänger mit Filzhut jubeln wie auf Befehl.

Die Songs sind kaum wiederzuerkennen. Doherty spielt einfach irgendwas auf der Gitarre. Mit viel Phantasie lassen sich Melodiefragmente erkennen. Zwischendrin versucht er sich - ach so, da ist ja Publikum! - an der deutschen Nationalhymne. Und scheitert kläglich. Zweimal verlässt sein Gitarrist konsterniert die Bühne, einmal schubst Doherty einen fürsorglichen Bühnenhelfer weg. Immer wieder springt er auf die Monitore am Bühnenrand, verliert die Balance, tut Dinge, die man gnädig als Übersprungs-handlungen interpretieren kann oder aber als Verzweiflungsgesten eines Menschen, der gefangen ist in seinem eigenen Rock"n"Roll-Albtraum. ¸¸Mann, ist der fertig!", sagt eine 14-Jährige, ¸¸in zwei Jahren ist der bestimmt tot." Es klingt wenig beunruhigt. So ist er eben, der Rock"n"Roll. Komplett vorhersehbar. Und das ist vielleicht das Erschreckendste, Trostloseste an diesem Auftritt. Die ewige Wiederkehr des Immergleichen. So, als fordere jede Generation aufs Neue ihren eigenen Drogentoten. Der 27-jährige Doherty hat, wenn man diesen Abend zugrunde legt, bestimmt nicht die Kraft dagegenzuhalten. Was für eine Verschwendung von Talent! Zum Schluss schmettert er das Mikrofon zu Boden und taumelt von der Bühne. Es ist die pure Verzweiflung, aber das Publikum denkt, es sei Rock"n"Roll. Und johlt.

Axl Rose und Pete Doherty führen zwei Arten des Scheiterns vor, zwei sehr männliche Arten, sich zum Affen zu machen. Wie man Herr seines Schicksals bleibt, zeigt dagegen der eher androgyne Morrissey. Der hatte mit Rock"n"Roll nie viel im Sinn, lehnte Sex genauso ab wie Drogen, wollte in Ruhe seine Kunst machen und hat deshalb jetzt auch nicht die Probleme von alternden (Rose) oder manisch-pubertären (Doherty) Rockstars. Um den Tod geht es in Morrisseys Texten zwar mindestens genauso oft wie bei Doherty, doch es ist klar, dass hier ein selbstbestimmtes Subjekt spricht, das immer die Inszenierungshoheit behält. Seine Show ist bis ins kleinste Detail durchchoreografiert, jeder Gitarrenzupfer, jeder Trompetenstoß, jeder Lichteffekt sitzt. Im schwarzen Smoking begrüßt Steven Patrick Morrissey (Jahrgang 1959) sein Publikum. ¸¸We are Morrissey", sagt er, verbeugt sich und zeigt huldvoll auf seine Musiker, die wie er in Schwarz gekleidet sind und sich offensichtlich freuen, auch Morrissey sein zu dürfen. Im Hintergrund ein überdimensionaler Gong, auf den der Schlagwerker im Showverlauf zweimal theatralisch den Schlegel senkt. Zum Las Vegas-Gefühl fehlen eigentlich nur Löwen, die durch brennende Reifen springen. Eine vollendete Performance: Exaltiertheit und Understatement in perfekter Balance.

Auch David Gahan (Jahrgang 1962) und Martin Gore (Jahrgang 1961) von Depeche Mode sind eher unmännliche Männer - und trotzdem sind sie echte Rampensäue. Sie kommen langsam, aber gewaltig. Dann ist das Fest vorbei. 85 000 Menschen sind glücklich und gehen nach Hause.

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(Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr.128, Dienstag, den 06. Juni 2006)