Risikoforscher Ulrich Beck "Ein strategisch inszenierter Irrtum"

Wenige Wochen vor der Tschernobyl-Katastrophe veröffentlichte der Soziologe Ulrich Beck sein Buch "Risikogesellschaft": ein Gespräch über den größten anzunehmenden Unfall, die Gefahr und die Verantwortungslosigkeit.

Interview: Andreas Zielcke

SZ: Vor 25 Jahren explodierte Tschernobyl, zum selben Zeitpunkt kam Ihre "Risikogesellschaft" heraus. Jetzt haben wir eine vergleichbare Katastrophe in Japan. Haben wir seither nichts gelernt?

In seinem Buch "Risikogesellschaft" arbeitete Ulrich Beck heraus, dass "die gesellschaftliche Produktion von Reichtum systematisch einhergeht mit der gesellschaftlichen Produktion von Risiken": Bis 2009 lehrte er an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, heute lehrt er an der London School of Economics und in Harvard.

(Foto: Robert Haas)

Ulrich Beck: In der Tat, die großen Krisen schienen seitdem weitgehend dem Drehbuch der "Risikogesellschaft" zu folgen. Die herausragenden Beispiele sind der Tsunami in Indonesien, die Katrina-Überflutung von New Orleans, aber auch der Rinderwahnsinn, die Schweinegrippe; selbst die Finanzkrise von 2008 gehört dazu. Allen Krisen war gemeinsam, dass sie vorher als kaum vorstellbar galten. Jedes Mal war darum der bisherige institutionelle und kognitive Erwartungsrahmen überholt. Das Makabre der jetzigen Katastrophe ist, dass sie sich in einem grusligen Wettbewerb der Großrisiken ereignet. Viele glaubten ja, dass sich das Risiko des Klimawandels durch vermehrten Einsatz von umweltfreundlicher Kernenergie ersetzen lässt.

SZ: Welchen soziologischen Begriff muss man sich von einem Super-GAU machen?

Beck: Ein GAU bewegt sich noch im Rahmen der vorhandenen Ressourcen und Gefahrenszenarien der Nuklearenergietechnik. Der Super-GAU stellt genau diese Voraussetzungen in Frage.

SZ: Inwiefern unterscheiden sich diese Voraussetzungen von Fukushima und Tschernobyl?

Beck: Es war damals die geradezu geniale Antwort von Franz Josef Strauß, Tschernobyl als "kommunistische" Katastrophe auszugrenzen - mit der Unterstellung, dass der hochentwickelte kapitalistische Westen über sichere Kernkraftwerke verfüge. Nun ist aber die jetzige Havarie in Japan passiert, das als das bestmöglich ausgestattete und auf Sicherheit hin organisierte Hightech-Land der Welt gilt. Die Fiktion, dass man sich im Westen in Sicherheit wiegen kann, ist hin.

SZ: Ist nicht im Vergleich zu Tschernobyl zwischen natürlicher und technischer Katastrophe zu unterscheiden?

Beck: Die Kategorie Naturkatastrophe signalisiert, dass sie nicht von Menschen verursacht und daher auch nicht von Menschen zu verantworten ist. Das ist aber die Sicht eines vergangenen Jahrhunderts. Der Begriff ist schon deshalb falsch, weil die Natur keine Katastrophen kennt, allenfalls dramatische Veränderungsprozesse. Solche Veränderungen wie ein Tsunami oder ein Erdbeben werden erst im Bezugshorizont menschlicher Zivilisation zur Katastrophe. Der aktuelle japanische Fall macht augenscheinlich, wie das, was wir der Natur zurechnen, und das, was wir der Technik und menschlichem Können zurechnen, direkt miteinander verwoben ist. Das Beispiel, wie hier Erdbeben und Flutwellen erst aufgrund der (mangelnden) Sicherheitstechnik der Kernkraftwerke die Katastrophe bewirkt haben, zeigt, dass natürliche und zivilisatorische Sphären nicht als getrennt zu sehen sind.

SZ: Was bedeutet das für die Frage der Verantwortung?

Beck: Schon das historische Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755 hat die gesamte intellektuelle Welt alarmiert, weil man es auch damals nicht mehr als natürliche Katastrophe ansah. Man setzte Gott auf die Anklagebank, dessen Vorsehung die Katastrophe zugelassen hat. Heute werden Katastrophen weder Gott noch dem Weltgeist angelastet, stattdessen rechnet man sie schwer zu durchschauenden politischen, unternehmerischen und technischen Institutionen und Entscheidungen zu.