Richard Sennetts "Zusammenarbeit" Es wäre besser, wenn es besser wäre

Richard Sennett, ein US-amerikanischer Soziologe und Kulturhistoriker, wird bald 70.

(Foto: dpa)

Am kommenden Neujahrstag wird der Soziologe Richard Sennett siebzig Jahre alt. Bevor die verdienten Glückwünsche verschickt werden, sei hier noch schnell sein jüngstes Buch vorgestellt. Es ist ein katastrophal schlechtes Buch. Mit dem denkbar besten Anliegen.

Von Johan Schloemann

Der Amerikaner Richard Sennett, in London und New York tätig, ist einer der sympathischsten, freundlichsten und bekanntesten Wissenschaftler überhaupt. Er gehört zu den Intellektuellen, die Amerika dringend braucht, wo "liberal" inzwischen so viel wie "linksradikal" bedeutet. Sennett vertritt das Fach der Soziologie als eine Gesellschaftskunde, die bei aller analytischen Empirie ihren normativen Antrieb nicht verhehlt. Er hat in Büchern wie "Der flexible Mensch" aus genauen Beobachtungen eine aktuelle Kritik der Entfremdung und Vereinzelung formuliert - und damit Probleme benannt, die, so unvermeidlich sie in einer komplexen, modernen, kapitalistischen Gesellschaft auch sein mögen, trotzdem gesehen und ausgeglichen sein wollen: Das gilt für das staatsfeindliche Milieu der USA und Großbritanniens ebenso wie für den umfassenden Sozialstaat, dessen befriedende Wirkung sich, wenn es ums Gemeinwohl geht, als trügerisch erweisen kann.

Am kommenden Neujahrstag wird Richard Sennett siebzig Jahre alt. Bevor die verdienten Glückwünsche verschickt werden, stellt der Abstract Service der SZ hier noch schnell sein jüngstes Buch vor. Es ist ein katastrophal schlechtes Buch. Mit dem denkbar besten Anliegen. Und insofern ein interessanter, exemplarischer Fall: Wer das Gute will - hier: mehr Zusammenarbeit -, der hat von vornherein ein rhetorisches Problem. Denn erstens droht quälende Langeweile, wenn man wiederholt gesagt bekommt, dass das Zusammenleben der Menschen besser wäre, wenn es besser wäre. Zweitens neigt bei solcher Überzeugungsabsicht der Autor dazu, die moralisch appellierenden und die beschreibenden Teile des Textes zum Ärger des Lesers zu verquirlen. Und drittens lehnt kein Verleger oder Lektor ein Manuskript als komplett überarbeitungsbedürftig ab, wenn der Autor weltberühmt ist. Keiner dieser Gefahren ist Richard Sennett mit seinem jüngsten Buch entgangen.

Ein Strom von Assoziationen, Lektüren und kleinen Beobachtungen

Damit könnte die Rezension zu Ende sein, wäre es nicht so schade um den guten Stoff, der in diesem Buch verstreut liegt. Die Frage, ob der Mensch von der Natur zur Kooperation oder zu aggressivem Egoismus bestimmt ist (vermutlich zu beidem) und was diese biologische Disposition für die heutige Organisation der Gesellschaft bedeutet (vermutlich wenig), ist seit einigen Jahren ein heiß debattiertes Thema zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. Da käme Richard Sennett eigentlich gerade recht mit seiner Ansicht, dass die menschliche Kooperation weder bloß aus einem inneren ethischen Impuls noch aus evolutionsbiologischer Notwendigkeit erwächst, sondern immer auch aus praktischer Übung, wie sie beispielsweise in kleinen Werkstätten oder im Handwerk der Diplomatie erlangt wird. Hier schließt Sennett an sein voriges Buch "Handwerk" an, den ersten Teil einer Trilogie über "Fertigkeiten, die Menschen benötigen, um das alltägliche Leben zu bewältigen". Sennett nennt dieses Alterswerk sein "Homo-Faber-Projekt" - der dritte Teil wird vom Leben in Städten handeln, was auch ein Thema seiner Ehefrau Saskia Sassen ist.