Zweimal im Jahr, zu Beginn des Frühjahrs und am Ende des Herbstes, sammeln sich am Platte River, nicht weit von Kearney, die amerikanischen Kraniche auf ihren Zügen von Mexiko oder Texas nach Saskatchewan oder Alaska und zurück. Hunderttausende dieser großen Vögel stehen dann im seichten Wasser dieses breiten Flusses, schlafen auf einem Bein, schütteln ihre weiten Flügel, führen ihre Tänze auf.

Richard Powers, Das Echo der Erinnerung, Roman. Aus dem Amerikanischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2006. 534 Seiten, 19,90 Euro. (© Foto: S. Fischer)

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,,Etwas erhebt sich, und es ist nicht immer der Tod''

Richard Powers schildert ihre Bewegungen in schmerzlicher Schönheit. Seit Millionen von Jahren, Generation nach Generation, ziehen die prähistorischen Tiere in schwebenden Ketten über ihren ,,central flyway'', dessen Verlauf sie nie erlernt haben und an den sie sich doch mit absoluter Sicherheit erinnern. Flüchtig, konfus, haltlos ist dagegen der Mensch, aber seine boshafte Verwirrtheit hilft den Tieren nicht.

Im Gegenteil: der Mensch zerstört den Fluss, den die Kraniche zum Überleben brauchen. Schon gibt es fast keine Schreikraniche mehr. Schon werden die Kanadakraniche weniger. Aber auch der Mensch hat nichts von seinen Taten. Einmal greift er daneben, einmal bleibt er am falschen Ort stehen, um den Kranichen zuzusehen, einmal zerbricht etwas in ihm, und aus dem relativen Unglück, aus einem nur irgendwie verfehlten Leben im Irgendwo der winterlichen Prärie ist ein totales Unglück geworden, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt.

Richard Powers hat eine Sprache dafür: ,,Etwas erhebt sich, und es ist nicht immer der Tod'', heißt es über Mark Schluter, als dieser das Bewusstsein seiner selbst wiederzuerlangen sucht. ,,Laute zerfließen wie verschüttetes Öl.'' Der junge Mann liebte seinen Dodge. ,,Er sammelt sich wie Salz, wenn Meerwasser verdunstet. Kristallisiert und zerfällt dann wieder.'' Die enorme Spannung, die von diesem Roman ausgeht, zieht ihre Kraft aus der Frage: Was ist ein Ich?

Richard Powers beantwortet sie, in unzähligen kleinen Schritten, in denen er eine langsame und bis zum Schluss fragliche Heilung schildert: Ein Ich ist auseinandergebrochen und mit ihm die Welt. Dann fügt es sich wieder zusammen, indem sich jedes Fragment ein anderes sucht, zu dem es passt, indem eine Lebensgeschichte, eine Erinnerung, Eltern, Freunde, eine Schwester rekonstruiert werden, Irrtümer, falsche Kombinationen, neue Abstoßungen eingeschlossen.

,,Nichts ist, wie es je war. War wahrscheinlich nicht mal so, als es noch war, wie es war.'' Das Ich ist eine synthetische Leistung, eine Bewegung, die den Menschen in sich selbst zusammenzieht, ein Wesen, das sich selbst herstellt, indem es sich unablässig aus seinen Teilen neu schafft. Richard Powers erzählt, wie sich diese Konzentration vollzieht, mit einer Wahrhaftigkeit, einer Liebe zum Detail und einer Lebendigkeit, die den Leser binnen Stunden nicht nur zu einem intimen Kenner von Kearney werden, sondern auch über das eigene Ich und dessen Fragilität erschrecken lässt.

Wie Salz, wenn Meerwasser verdunstet

Für Gerald Weber, den Neurologen, gibt es im wirklichen Leben ein Vorbild: den Neurologen Oliver Sacks, der im Jahr 1985 das Buch von der ,,Frau, die ihren Mann mit einem Hut verwechselte'' veröffentlichte. Zwanzig Geschichten, nein, besser: Novellen von auseinandergebrochenen Ich-Welten enthält dieses Buch, das nicht deshalb zum Bestseller wurde, weil es neurologische Probleme trivialisiert, sondern weil es in der literarischen Form eine dem zerbrochenen Ich angemessene Gestalt findet.

Nur erzählend kann man sich ihm nähern, man muss mit den Betroffenen zumindest in der Vorstellung leben, um ein Bild von ihrem Schaden zu gewinnen. Richard Powers aber kommt nicht aus der Wissenschaft, sondern aus der Literatur. Wenn er beschreibt, wie aus dem Nichts ein Einzelner hervorgeht und umgekehrt, wie ein Mensch sich mit einem Schlag in ein Nichts verwandelt, dann schildert er keinen Fall, sondern zieht, mit größter Anschaulichkeit, ein in diesen Moment von schauerlicher, unbegreiflicher Leichtigkeit, in der ein Mensch zu einem Ich wird und ihm die Umwelt als das Andere entgegentritt.

Das Ich ist ein Dichter, alle Selbstfindung ist poetisch, und Richard Powers ist der Schriftsteller, der eine Sprache findet für diesen feinen und geheimnisvollen Äther, in dem sich eine Individuation vollzieht - in Kearney, in Gestalt von Mark, dem Rabauken, Karin, seiner ebenso opferbereiten wie hilflos durchs Leben schlingernden Schwester, am Ufer des großen flachen Flusses, in dem sich die Kraniche sammeln.

Das unterschiedslose Grau, die Welt ohne Horizont, in der die Figuren dieses Romans stehen, ist eine metaphysische Kraft: Denn nimmt man diesen Gestalten die Perspektive, so werden sie absolut. Ein jede von ihnen ist eine einsame Größe, ein Universum in sich selbst. Und zu Recht. Richard Powers hat eine Schöpfungsgeschichte geschrieben. Staunend steht man davor.

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  1. Das Sein im Nichts des Staates Nebraska
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(SZ-Beilage vom 04.10.2006)