Von Thomas Steinfeld

Philosophisches Werk und Schöpfungsgeschichte in einem - Ein erstaunlicher Roman, über die Unfähigkeit, sich selbst als Ich, den Nächsten als Du und die Gesellschaft als Versammlung in sich selbst einheitlicher und einheitlich bleibender Individuen wahrzunehmen.

Wolkendecke und Erde gehen ineinander über, ohne Bruch, unterschiedslos. Für jeden, der zum ersten Mal in dieses einheitliche Grau schaut, ist die Wirkung bestürzend: Es ist, als ob es die Welt nicht mehr gäbe, als wäre sie aufgehoben in diesem einen Raum, dessen Größe sich mangels Maßstab nicht ermessen lässt. Ob es sich bis zum Ende aller Dinge in zwanzig Schritten gehen lässt, oder ob man Jahre dorthin unterwegs ist, lässt sich in solcher Umgebung nicht einmal erahnen. Ob der Mensch groß oder klein ist, kann hier keiner wissen. Was er überhaupt zu sein vermag, ist ungewiss.

Der Mensch zerstört den Fluss, den die Kraniche zum Überleben brauchen. Schon gibt es fast keine Schreikraniche mehr. Schon werden die Kanadakraniche weniger. Aber auch der Mensch hat nichts von seinen Taten. (© Foto: dpa)

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Der graue Raum hat einen Namen: Kearney heißt das verlorene Städtchen im Süden des Bundesstaates Nebraska, in dem der amerikanische Schriftsteller Richard Powers seinen jüngsten Roman spielen lässt. Kearney ist, geographisch betrachtet, der Mittelpunkt der Vereinigten Staaten. Metaphysisch gesehen, ist dieser Ort das Sein im Nichts. Durch diese Leere braust in einer Februarnacht ein junger Mann in einem umgebauten Kleinlastwagen.

Auf der North Line Road, einer völlig geraden Landstraße, gerät er mit seinem Dodge Ram von der Fahrbahn ab und überschlägt sich. Zwei Tonnen Blech und Eisen bleiben auf dem Dach liegen, Mark Schluter hängt kopfüber in seiner Kabine, der Schalthebel, auf den er das Modell einer Pickelhaube montiert hatte, hat sich in seine Brust gebohrt. Als die Sanitäter ihn aus seinem Käfig befreien, ist er schon fast gestorben. Aber er überlebt. Nur ist er ein anderer. Und zwar nicht, weil er nicht mehr wüsste, wer er selber ist. Sondern weil er seine Nächsten nicht mehr erkennt. Weil er sich nicht mehr richtig erinnern kann.

Das Ich ist ein Wesen, das sich selbst herstellt

Dieses Buch ist ein Roman, der neunte im Werk von Richard Powers. Er erzählt davon, wie Karin, die Schwester und einzige noch lebende Verwandte, ihrem Bruder Mark zu Hilfe kommen will und zurückgestoßen wird, weil er sie für eine Schauspielerin hält, eine Agentin, die in die Haut seiner Schwester gefahren ist.

Er erzählt von Barbara, der viel zu klugen und viel zu beredten Pflegehelferin im Krankenhaus zum Barmherzigen Samariter, die ein böses Geheimnis birgt. Er erzählt von Gerald Weber, dem Neurologen von der Ostküste und Spezialisten für zerschlagene Ichs, der sich in einer Lebenskrise des Falles von Mark Schluter annimmt und dadurch noch tiefer in ein existentielles Nichts gezogen wird. Und er erzählt, langsam, sich detektivisch voranarbeitend, von der schlimmen Wahrheit, vom doppelten Verrat in jener Februarnacht.

Zugleich ist dieses Buch viel mehr als ein Roman. Es ist ein wissenschaftliches Werk über die Neurologie der Unfähigkeit, sich selbst als Ich, den Nächsten als Du und die Gesellschaft als Versammlung in sich selbst einheitlicher und einheitlich bleibender Individuen wahrzunehmen. Es ist eine exakte, überaus anschauliche Bestandsaufnahme des Segens und des Unglücks, die über den Menschen kamen, als er lernte, den Stoff zu erkennen, aus dem sein Selbst gemacht ist - und dieses Unglück ist ins Unermessliche gewachsen, seitdem er, in immer wieder überraschend hohem Maß, selbst entscheiden kann, was mit seinem Ich geschieht, auch in Gestalt von Operationen und Medikamenten.

Daher ist das Buch auch ein philosophisches Werk über die Grundfrage des modernen Menschen: darüber, was ihn seelisch überhaupt zusammenhält. Und das alles geschieht, erstaunlich genug, ohne Verlust an Spannung und literarischer Kraft.

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