Von Christoph Bartmann

Orhan Pamuks aktuelle Essaysammlung "Der Blick aus meinem Fenster"

Wenn Orhan Pamuk aus dem Fenster schaut, fällt sein Blick auf die zwei Minarette der Cihangir-Moschee. Seit 1559 stehen sie da, auf der Kuppe eines Hügels auf einer kleinen Insel im Bosporus, doch wer sie für ein "Denkmal der Kontinuität" hält, der täuscht sich.

Orhan Pamuk: Der Blick aus meinem Fenster. Betrachtungen. Aus dem Türkischen von Cornelius Bischoff, Ingrid Iren, Gerhard Meier, Christoph K. Neumann und Wolfgang Riemann. Carl Hanser Verlag, München 2006. 260 Seiten, 21,50 Euro. (© Foto: Hanser)

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"Früher", schreibt Pamuk, "wäre ich nie auf den Gedanken gekommen, das Minarett, das genau meinem Schreibtisch gegenüber hoch aufragt, könnte eines Tages auf mich niederstürzen."

Früher, das war vor dem verheerenden Erdbeben des Jahres 1999, bei dem im Großraum Istanbul 30 000 Menschen ums Leben kamen. Mit seinem Nachbarn, einem Bauingenieur, steht Pamuk nach dem zweiten großen Beben auf seinem Balkon und unterhält sich über den zu erwartenden Fallwinkel des Minaretts. "Es kann nicht auf uns herabstürzen", sagt der Nachbar. "Höchstwahrscheinlich stürzen wir auf das Minarett!" Das ist Galgenhumor im Angesicht einer seismischen und baulichen Situation, die prekärer nicht sein könnte.

Zweimal schon, so ergeben Pamuks Nachforschungen, ist die Cihangir-Moschee infolge von Erdbeben und Bränden zerstört worden, überhaupt gibt es in Istanbul kaum ein Minarett, kaum eine Kuppel, die nicht schon einmal eingestürzt wären. Orhan Pamuk interessiert das alles sehr.

Erstens, weil er als gelernter Architekt ohnehin gern über Bauen und Bauten nachdenkt, zweitens, weil er verlässliche Erkenntnisse über die Sicherheit seines eigenen Wohnorts haben möchte.

"Was mich betraf", schreibt er, "so meinte ich, meinen inneren Frieden nur durch vermehrtes Wissen finden zu können."

Vom Beben, vom Leben auf einer tektonischen Verwerfung, die gleichsam quer durch Pamuks Wohnung verläuft, handeln manche dieser "Betrachtungen". Weil Pamuk an seinem Geburts- und Wohnort in einer vielfach exponierten Lage lebt - politisch, kulturell, seismisch - liegt es nahe, die Verwerfung zum Lebensthema zu erheben. Aber das wird Pamuk so wenig gerecht wie die gute Absicht, ihn zum hauptamtlichen "Vermittler" zwischen den Kulturen zu ernennen.

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