Die Dreistigkeit, mit der sich Bohlen und Bushido ihrer sozialen Intelligenz entledigen, sichert ihnen Applaus. Der Rapper Bushido trifft mit seiner Biographie einen Nerv.
In den vergangenen Wochen hat der Berliner Rapper Bushido 70.000 Exemplare seiner Autobiographie verkauft. Damit ist er auf Platz eins in die deutsche Bestsellerliste eingestiegen. Der Erfolg war so groß und plötzlich, dass er seine Konzerttournee vorläufig abgesagt hat, weil er sich sofort um die Verfilmung des Buches kümmern will.
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Kompromisslos: Bushido. (© Foto: dpa)
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Ganz so groß hätte die Überraschung indessen nicht sein müssen. Wer viel im Fernsehen auftritt, der verkauft auch viele Bücher, das haben schon Hape Kerkeling, Charlotte Roche und Dieter Bohlen erfahren. Auch Bushido gehört trotz seines Gangster-Images längst zum deutlich begrenzten Promi-Reservoir, mit dem die deutschen Fernsehsender ihre Quiz-, Talk- und Gameshows bestücken. Ganz reicht das allerdings noch nicht, um dauerhaft viele Bücher zu verkaufen. Dazu gehört schon noch, einen Nerv zu treffen, den man früher Zeitgeist nannte.
Tiefer
Auch das haben seine Bestsellerkollegen vorgemacht. Hape Kerkeling bediente mit seinem Buch jenen religiösen Eskapismus, der mit Pilgerfahrten, gelegentlichen Kirchgängen und Ben Beckers Bibellesungen versucht, das wohlige Weihnachtsgefühl aufs ganze Jahr auszudehnen. Charlotte Roche befreite den deutschen Voyeurismus vom antiseptischen Blick der Erotikbranche. Bushido aber schlägt in die gleiche Kerbe wie Dieter Bohlen, und die geht tiefer als die Versuche, spirituell oder körperlich der Leere des Alltags zu entfliehen.
Die Begeisterung, dass Bushido nun vielleicht mehr Jugendliche dazu bringt, ein Buch zu lesen, sollte sich dabei in Grenzen halten. So liest sich die Biographie keineswegs wie die packende Lebensgeschichte eines Kleingangsters tunesischer Abstammung, der sich aus den sozialen Brennpunkten Berlins bis in die Spitzen der Hitparaden hochgearbeitet hat.
Viel larmoyantes Gepolter und Geprahle ist dabei. So manch redundantes Kapitel dient nur dazu, ehemalige Mitschüler und Kollegen zu diffamieren, die ihm irgendwann einmal übel mitgespielt haben. Zwischen dem Geprahle und den billigen Abrechnungen aber findet sich jener Subtext, der auch Dieter Bohlen schon zum Comeback als Übervater des deutschen Pop verholfen hat.
Mit allen Mitteln
Das Verführerische an Bushido ist sein kompromissloser Wille, jede Form von liberalem Konsens für eine Haltung über Bord zu werfen, die das Zerrbild eines archaischen Wertesystems darstellt. Was zählt, sind die Familie, die Freunde, der Erfolg und das Geld. Dafür setzt man sich mit allen Mitteln ein. Das Leben belohnt dann die Stärkeren. Ähnlich funktionieren auch die Gangster- und Kung-Fu-Filme, die dem Hip Hop immer wieder als Vorbild dienen.
So funktioniert aber auch Dieter Bohlens "Deutschland sucht den Superstar". Die offensive Dreistigkeit, mit der sich Bohlen und Bushido vor den Augen der Nation ihrer sozialen Intelligenz entledigen, sichert ihnen den Applaus. Den Versagern sagen, dass sie Versager sind und ihnen dann höhnisch vorzuführen, was man selbst so alles erreicht hat. Das klingt bei Bushido schon im zweiten Absatz wie jene Ironisierung des neureichen Geltungsbedürfnisses, mit dem die Fernsehwerbung einer deutschen Bank kokettierte: "Meine Villa, meine Autos, die Frauen, meine Klamotten, mein Bankkonto, mein Schmuck, der Ruhm."
Arbeit, Risiko, Kampf, Ellbogen
Doch die Nummer funktioniert. Wenn Bohlen oder Bushido auftreten, dann hauen sie dem sozialliberalen Zeitgeist mal so richtig in die Fresse. In einer Medienwelt, die den sozialen Abstieg der unteren Mittelschichten entweder mit der weltfremden Besserwisserei der Talkrunden oder mit dem zynischen Sozialvoyeurismus der Realityserien begleitet, ist das ein erfrischendes Kontrastprogramm.
Bohlen strickt sich daraus gerade eine ganze Philosophie. So druckte die Bild am Sonntag Auszüge aus seinem neuen Buch "Der Bohlenweg". Darin reduziert er sein Erfolgsrezept auf so schlüssige Begriffe wie Arbeit, Risiko, Kampf und Ellbogen. Das ist letztlich auch die Essenz aus Bushidos Biographie. Beide bedienen damit eine tiefgreifende Demokratiemüdigkeit, die sich nach einer Art frühkapitalistischer Vormoderne sehnt. Visionär ist das nicht. Aber der Erfolg, der sich einstellt, wenn man solche Gefühle bedient, ist nicht mehr zu leugnen.
(SZ vom 30.9.2008/rus)
Abholzungen im Amazonas-Gebiet
Eigentlich hatte ich nie viel mit Bushido zu tun. Gut manchmal habe ich über die schwulenfeindlichen Äußerungen von ihm gehört oder das Texte nicht ganz jugendfrei waren oder habe ihn, so kontrovers das auch ist, bei der Echo Verleihung im Fernsehen gesehen.
Jedenfalls, bin ich über all diese Umwege dazu gekommen ein bisschen zu recherchieren und mich mit Bushido auseinander zu setzen und habe dadurch diesen Artikel gefunden.
Der Artikel vermutet ja, dass Bushido oder andere, ähnlich umstrittene "Promis" aus der aktuellen high society, sich mit ihrem Verhalten der sozialen Intelligenz entledigen.
Ich denke eher, dass die Aussagen von Bushido oder Dieter Bohlen viel genauer die eigentliche schöne Liberalität und Toleranz der Deutschen zeigt als sie sich selber zugestehen möchten. Alle reden davon wie tolerant, emanzipiert oder homo- sowie ausländerfreundlich sie sind.
Ich denke im tiefsten Inneren geht es vielen anders, nicht nur Bushido oder Dieter Bohlen.
So soll Bushido mal zu dem Vorwurf, er sei frauenverachtend, weil er diese in seinen Liedern oft als Nutte bezeichne, gemeint haben, das er ja nicht Frauen im Allgemeinen meine sondern nur die, so wörtlich: "richtigen Schlampen", was die für Ihn ausmachen wissen wir aber nicht. Weiterhin habe er einst Sido nach einem Konzert mit einem anderen Rapper hinter der Bühne rumknutschen gesehen.. Er habe nichts gegen Schwule, würde sich jetzt aber vor Sido ekeln... Also was denn nun?
Ich denke genau diese Aussagen machen Bushido und Co. so populär, da sie einerseits bestreiten nicht intolerant oder homophob zu seien, letztlich aber doch genau das sagen, sagen was sich alle anderen in Zeiten der "Last der Toleranz und Liberalität" in unserer Gesellschaft mit freier Meinungsäußerung nicht trauen. Und wahrscheinlich diese Agitation außerdem für das Pflegen von Rapper-Feindschaften nutzt.
Wie hohl ist die deutsche Toleranz eigentlich?
Es ist schade, dass ich das Gefühl habe das man lieber mit Ignoranz darauf reagiert und all die Anfeindungen auf Kosten anderer scheinbar hin nimmt und nicht den Mut hat sich dem zu stellen. Bloß niemanden reizen. Das machen ja Bushido und Co schon.
Vielleicht sollten das andere auch mal machen, könnte man ja mal drüber nachdenken.
Wie so oft ein Artikel mit nachdenkenswerter Perspektive auf gesellschaftliches Leben. Was macht die klare "Haudrauf-Mentalität" eines Bushido oder Bohlen scheinbar so sympathisch für weite Kreise der Bevölkerung ? Unlust an Demokratie ? Angst vor Verlust an materieller Sicherheit und Status, verbunden mit der Notwendigkeit, Schwächere zu finden, über die man sich erheben kann ?
Intellektuell und soziologisch interessante Thesen, aber ich befürchte, es ist viel einfacher: Meiner Meinung nach klappte es schon immer bei vielen Menschen gut, wenn sich ein bekanntes Gesicht öffentlich hinstellt, und der Mehrheit ein einfach gezeichnetes Spiegelbild ihrer "gefühlten Wahrheit" präsentiert. Das ist leicht zu verstehen und "fühlt sich gut an". So werden letztlich auch Wahlen entschieden. An Inhalten orientierte Entscheidungen treffen die wenigsten Menschen, und selbst die Schlauen und/oder Gebildeten sind letztlich auf die Zustimmung ihrer eigenen Emotionen bei Entscheidungen und Sympathien angewiesen.
So gesehen ist dieser Erfolg des Rappers keine Überraschung.
Wichtig erscheint mir nur eine genaue Beobachtung der Gesamtstimmung in der Bevölkerung. Noch ist der Wille zum Separieren in "Gewinner und Verlierer" begrenzt, aber wenn das extremer und härter wird, nähern wir uns unschön altbekannten Verhältnissen aus der ersten Hälfte des 20sten Jahrhunderts. Ein Blick auf die Wahl in Österreich erscheint mir aufschlussreich, auch wenn dieser Vergleich sicher nur teilweise statthaft ist.
Nein, will ich nicht. Ich habe nur der gefühlten Zensur Rechnung getragen mit dem Avatar.
Und warum mein Kommentar gelöscht worden ist, das kann ich nicht im Entferntesten eruieren. Ich habe aber nichts dagegen, wenn der Verantwortliche dazu mal Stellung nimmt. Ich hatte weder etwas Beleidigendes noch etwas Se xu elles noch sonst etwas Ehrenrühriges geschrieben.
Wenn hier nur genehme Diskussion gewünscht ist, dann ist mir meine Zeit zu schade, die ich hier investiere.
Wie ich Dir aber auch auf Deiner Profilseite geschrieben habe, habe ich Deine Entschuldigung begrüßt. Mein Avatar im übrigen war "Humor, den wir hier auf sueddeutsche.de für nicht angemessen erachten".
Wenn mir jetzt noch jemand erklären kann, was an daran inadäquat ist, sich mit vielfach diskriminierten Gruppen solidarisch zu erklären, dann wär ich schlauer.
Waren das schon alle Argumente ? Danke sage ich ein herzliches "Danke schön" :-)
Ist mir unverständlich weshalb der Kommentar von Rhinelander gelöscht wurde, ich habe ihn vorher gelesen und konnte keinen Verstoss gegen die Netiquette und AGB`s feststellen.
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