Ein europäisches Ereignis: Herta Müllers Roman "Atemschaukel" über die Deportation der Rumäniendeutschen in die Sowjetunion nach 1945.
Von seltsamen Dingen, erschreckenden Erscheinungen hören wir in diesem Roman, vom "Hungerengel" und vom "Blechkuss", von "Kartoffelmenschen" und der "Atemschaukel". Der Hungerengel sitzt immer mit am Tisch, wenn die Insassen des Lagers die karge Ration Brot verzehren, die ihnen die "Brotoffizierin" zugeteilt hat, quälend langsam essen die einen, verzweifelt schlingen die anderen; der Hungerengel wacht über ihren Schlaf, er geht durch ihre Träume, begleitet sie in die Fabrik und auf das Feld hinaus, wo sie schuften, bis sie umfallen und in die Grube gekippt werden oder sich irgendwie aufrecht halten, um dann bis zum nächsten Tag in ihre Baracken zurückzukehren.
Die Atemschaukel - ein kühnes Sprachkunstwerk, das seinesgleichen sucht in der europäischen Literatur unserer Zeit. (© Foto: dpa)
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Sie sind Sträflinge, ohne je verurteilt worden zu sein, und wissen anfangs nicht einmal, in welcher Weite der russischen Steppe sie sich befinden und was ihr Strafmaß ist. Erst nach fünf Jahren, 1950, ist die Haft für die, die nicht in die "Mörtelgrube" sprangen, nicht erschossen wurden, nicht verhungerten, zu Ende. Dann kehren sie heim und werden niemandem erzählen können, was ihnen widerfahren ist. Selbst wenn sie es schaffen, die Scham zu überwinden, und über die Jahre der Demütigung und Qual berichten wollen, finden sie keinen, der ihnen zuhören möchte. Denn über die Vergangenheit ist in ganz Rumänien, das im Zweiten Weltkrieg an der Seite Nazideutschlands stand und sich jetzt der großen kommunistischen Brudermacht ergeben hat, das Schweigen verhängt.
Mutig und sprachschöpferisch
Im Winter 1945 wurden Abertausende Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben in die Sowjetunion deportiert. Die Rote Armee requirierte sie als menschliches Material, das im Wiederaufbau der durch den Krieg zerstörten Sowjetunion Verwendung finden sollte. In bestimmten Regionen waren es buchstäblich alle Frauen und Männer zwischen 17 und 45 Jahren, die verschleppt wurden und in Bergwerken, Kolchosen, Kombinaten als Zwangsarbeiter ums Überleben arbeiten mussten. Zahllose von ihnen sind verreckt und in namenlosen Gräbern verscharrt worden.
Doch ihr Schicksal blieb auch dann noch tabu, als sich das kommunistische Rumänien eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber der Sowjetunion errang. Denn wer an die Verbrechen, die an den Rumäniendeutschen nach 1945 von der Sowjetmacht verübt wurden, erinnern wollte, hätte auch daran erinnern müssen, dass Rumänien zuvor, im Zweiten Weltkrieg, ein faschistischer Staat gewesen ist. Und das passte nicht in das nationalkommunistische Projekt, das sich schon bald aller möglichen reaktionären Geister und Gespenster der Geschichte zu bemächtigen begann.
Herta Müller, die mit ihren rumäniendeutschen Landsleuten oft hart ins Gericht ging und nicht verhehlte, dass auch viele Sachsen und Schwaben unheilvoll in den Nationalsozialismus verstrickt waren, hat es nun auf sich genommen, denen eine Stimme zu geben, über deren Schicksal so lange und so gründlich geschwiegen wurde. Ihr neuer Roman erzählt von dem großen, kaum je benannten Unrecht, das den rumäniendeutschen Deportierten angetan wurde, von ihrer Entwürdigung im Lager, in der der einzelne seiner Individualität beraubt und zum Überlebens-Tier degradiert wurde, von dem Hunger, den sie alle litten und an dem viele starben. Es ist ein erschütternder Roman, das beste Buch, das Herta Müller, die schon für so viele Prosa- und Essaybände zu rühmen war, geschrieben hat, ein verstörendes Meisterwerk, mutig und sprachschöpferisch, ein Versuch, aus dem Inneren der Hölle zu sprechen, in einer ganz eigenen, bildstarken Sprache, die dort Worte finden muss, wo die herkömmlichen versagen, das Grauen nicht zu fassen vermögen.
64 kurze Abschnitte
Der Roman ist aus 64 kurzen Abschnitten gebaut, ein jeder von ihnen schreitet ein Revier des Lagers, eine Höllenstunde des Lageralltags, ein Gefühl, eine Verlorenheit, einen Schmerz der Inhaftierten aus. Herta Müller hat für die "Atemschaukel" mit den Deportierten ihres Dorfes gesprochen, vor allem aber hat sie sich von Oskar Pastior, der als Jugendlicher in die Sowjetunion verschleppt wurde, immer wieder vom Leben und Sterben im Lager erzählen lassen. So sollte ein gemeinsames Buch beider entstehen, doch nach dem überraschenden Tod des Dichters im Herbst 2006 musste Herta Müller mit ihren Notizen, Aufzeichnungen, Plänen alleine zurande kommen und ihr eigenes Buch verfassen, das zwar auch die Lagergeschichte von Oskar Pastior erzählt, aber dennoch nicht als Schlüsselroman gelesen werden sollte.
Der Roman setzt ein in der Nacht zum 15. Januar 1945. In der "Festhalle der Sachsen" hat sich gemäß sowjetischer Listen eine große Anzahl von Deutschen eingefunden. Ein junger Mann, Leopold Auberg, der Ich-Erzähler des Romans, verlässt die Familie und das heimatliche Hermannstadt gar nicht ungern, ist er doch im Stadtpark nächtens mit verschiedenen Männern intim geworden, ein Vergehen, das ihm weder der Staat noch seine Familie nachsehen würden. Am Bahnhof werden sie in Viehwaggons gesteckt, die Fahrt dauert zwölf Tage, ohne dass der Zug länger stehen bliebe; dafür steht er dann irgendwo tagelang, ohne dass es seiner menschlichen Fracht erlaubt wäre, kurz auszusteigen.
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Brasiliens Präsidentin Roussef