Reuters-Fotograf Thomas Peter Russische Rebellen

Der Fotograf Thomas Peter erklärt im Bilderblog anhand seines Lieblingsbildes, was russisches Rebellentum mit Schwangerschaft und ländlicher Idylle zu tun hat. Folge 2 des Fotografensteckbriefs der SZ-Bildredaktion

Oleg und Kozlenok, die Gründer der russischen Künstlergruppe Voina

(Foto: Tom Peter)

In der zweiten Folge unseres Fotografen-Steckbriefs stellen wir heute den Reuters-Fotografen Thomas Peter vor. In unserem standardisierten Fragebogen beantwortet er Fragen zu seinem persönlichem Lieblingsbild und gibt uns Einblicke in seine Beziehung zur Fotografie.

Erzählen Sie uns die Geschichte zu Ihrem Lieblingsbild, was macht die Aufnahme so besonders?

Oleg und Kozlenok, die Gründer der Künstlergruppe Voina hatten in dem Januar, als diese Aufnahme entstand, bereits zwei wilde Jahre im Untergrund hinter sich gebracht. Nie ließen sie eine Gelegenheit aus, mit ihren Kunstaktionen die Obrigkeit dort zu kneifen, wo es am meisten weh tat. Sie hatten öffentlichen Gruppensex zur "Unterstützung" des damaligen Präsidentschaftskandidaten Dmitrij Medwedjew, sie stahlen Wodka und Kaviar im Namen der orthodoxen Kirche aus einem Supermarkt für Reiche, sie verschweißten die Tür des Lieblingsklubs der Moskauer Politprominenz und tanzten auf den Tischen einer lokalen Polizeiwache. Im Internet, wo sie die Videos von ihren Stunts verbreiteten, waren sie längst die Helden einer Generation junger Russen geworden, die für das Treiben der Mächtigen in ihrem Land nur noch Hohn und Spott übrig hatten.

Die Reaktion der Polizei blieb natürlich nicht aus. Mit jedem Nadelstich, den Voina der Obrigkeit versetzte, schlug diese ein Stück energischer zurück. Oleg und Kozlenok spornte das nur an. Mutig und kompromisslos waren sie von Anbeginn, doch jede Aktion verlangte nach einer Steigerung, bis die Grenze, die politische Aktionskunst von Terrorismus trennt, greifbar nah schien. Die russischen Revolutionäre des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die mit Bomben und Attentaten in die Geschichte eingingen, standen Pate.

Doch die Geschichte von Voina verlief anders. Kozlenok wurde schwanger. Das Leben im Untergrund musste im Dienste des Projektes "Aktivistenvermehrung", wie sie den leidigen Prozess der Geburt nannten, für eine Weile in ruhige Bahnen gebracht werden. Die ersten Verhaftungen der Voina-Mitglieder standen noch aus, aber sie wurden bereits polizeilich gesucht und konnten sich an keinem Ort, der in Künstlerkreisen bekannt war, für länger als ein paar Tage aufhalten. Für die Geburt musste also ein sicheres Winterquartier her. Dieses fanden sie im Hausboot einer alternativen Schule, die keine Kontakte zu Voinas Welt unterhielt. Das schwimmende hellblaue Holzgebäude ist im Bildhintergrund zu sehen. Es war früher Teil eines Pionierlagers. Als ich Oleg und Koz dort zum ersten Mal besuchte, überwältigte mich eine häusliche Idylle, wie ich sie von diesen hitzköpfigen Ikonoklasten nicht kannte. Wir kochten, wanderten über die gefrorene Moskwa und schließlich bestand Oleg darauf, mir zu zeigen, wie er sich auf seine bevorstehende Vaterrolle vorbereitete. "Ein frischer Geist wohnt in einem gestählten Körper" - sagte er, als er mich an das großräumig ausgehackte Loch im Eis führte. Kozlenok machte es sich am Rand bequem und er sprang nackt bei minus fünf Grad Kälte ins Wasser und drehte ein paar Runden. Dieses Bild zeigt die Lebensfreude und den Willen zur Rebellion, den Spaß am Abweichlertum von Oleg und Kozlenok und schließlich den engen Bund zwischen beiden, der all die Entbehrungen des exzessiven Auslebens jener Dinge erst ertragbar macht. Der dritte Protagonist des Fotos ist die russische Hauptstadt mit ihren Gegensätzen und ihrer bizarren Schönheit.

Wann und wie sind Sie zur Fotografie gestoßen?

Als ich 15 war, fand ich eine Exa-1a-Spiegelreflexkamera im Schrank meines Vaters und war von diesem Apparat sofort begeistert. Fotografie hatte so etwas Ergiebiges. Das irre war, dass die Welt bei jedem Versuch sie abzubilden anders aussah. Das war die Zeit der selbstentwickelten Schwarzweißfotografie, da waren meine Abzüge anfangs entweder völlig schwarz oder völlig weiß. Mit der Zeit kamen Graustufen variierender Erkennbarkeit hinzu. Dann kam die digitale Fotografie, und die Technik rückte immer mehr in den Hintergrund. Fotografie musste nun mit anderen Erzählformen konkurrieren. Denn letztendlich ging es mir doch immer um die Geschichte. Ein gutes Bild ist wie ein eloquenter Satz. Es muss Spaß machen, ihn zu lesen.

Haben Sie Vorbilder?

Ich habe ein zu schlechtes Gedächtnis, um Namen zu nennen. Es hat viele Fotografen gegeben, deren Arbeiten mich in den letzten Jahren begeistert haben. Oft sind es jene, die nicht im Agenturgeschäft sind. Alec Soth zum Beispiel.

Canon oder Nikon?

Canon

Das ikonografische Bild (des Jahrhunderts)?

Ein beliebiges Bild von den einstürzenden Twin Towers. Die Tatsache, dass es so viele von diesem Ereignis gibt, sagt eine Menge über unser Jahrhundert der Bilder aus.

Zoom oder Festbrennweite?

Wenn ich allein vor Ort bin und mich bewegen kann, Festbrennweite. Das ist aber ein seltener Luxus.

Bei welchem Ereignis wären Sie als Fotograf gerne dabei gewesen?

Die Machtergreifung der Bolschewiki, auch Oktoberrevolution genannt. Ten Days that Shook the World (ein Roman des US-amerikanischen Journalisten und Sozialisten John Reed über die Oktoberrevolution von 1917; Anm. d. Red.) in Bildern, das wäre eine Geschichte!

Ihr Tipp für junge, zukünftige Fotojournalisten

Such dir ein Gebiet, auf dem dir keiner was vormachen kann und schieß eine Story, die eben daran keinen Zweifel lässt.