Retrospektive zu Roy Lichtenstein Spöttisch und vergnüglich

"Ein Bild, wie es in einer Sitcom über dem Sofa hängt": Eine große Retrospektive in der Londoner Tate Modern feiert den Pop-Art-Künstler Roy Lichtenstein und seine lebenslange Auseinandersetzung mit Moderne, Comics und dem Abstrakten Expressionismus. Ein nahezu ungetrübtes Vergnügen.

Von Alexander Menden, London

Zwischen 1978 und 1989 arbeitete Roy Lichtenstein an einer Serie, der er den Titel "Perfect/Imperfect" gab. Es ist nicht seine bekannteste Gemäldereihe, aber eine seiner aufschlussreichsten. Wer die Arbeiten aus "Perfect/Imperfect" in einem Raum der Londoner Tate Modern versammelt sieht, lernt aus ihnen mehr über Lichtensteins überraschend vielschichtigen Zugang zur Kunst als aus berühmteren und spektakuläreren Bildern wie dem explodierenden Flugzeug in "Whaam!" oder dem weinenden "Drowning Girl": über das Bild, das auf einem anderen Bild basiert, über das Schöpfen aus "Hoch-" und "Trivialkunst" ohne wertende Unterscheidung.

"Perfect/Imperfect" ist Lichtensteins konsequenteste Auseinandersetzung mit Abstraktion. Einander überschneidende schwarze Linien teilen die Leinwand in Zickzackmuster auf; die so entstehenden Flächen sind farbig gefüllt mit soliden Gold-, Gelb- und Rottönen, oder den vertrauten Lichtenstein-Punkten und -Schraffuren. Roy Lichtenstein selbst beschrieb die Serie so: "In den Unvollkommenen Bildern geht die Linie über das Rechteck des Gemäldes hinaus, als ob ich den Rand irgendwie übersehen hätte. In den Vollkommenen Bildern endet die Linie am Rand. Die Grundidee ist, dass man irgendwo auf der Linie ansetzen kann, ihr folgt, und wieder beim Ausgangspunkt ankommt."

Die erste Assoziation sind die deutlich strengeren Primärfarben-Planspiele Piet Mondrians, dessen Arbeiten Lichtenstein studiert hatte. Ein weiterer Einfluss war offenbar ein Panel aus dem DC-Comic "The Flash". In der Geschichte von 1963 produziert der Superheld ein Kraftfeld, das der Zeichner Carmine Infantino mittels einander überschneidender Farbflächen darstellt.

Für Lichtenstein war "Perfect/Imperfect" ein Kommentar auf die Entwicklung der zeitgenössischen Kunst und deren Wahrnehmung. Er halte diese Art von Bild für die "bedeutungsloseste Form der Abstraktion", sagte er, ein "namenloses, generisches Bild, das man in einer Sitcom im Hintergrund über dem Sofa hängen sieht." Dieses Potenzial zum Fernsehrequisit sah Lichtenstein immer in der Modernen Kunst angelegt, deren bedeutendste Vertreter, allen voran Picasso, er zugleich bewunderte und parodierte.

Die Lichtenstein-Ausstellung der Tate Modern wird mit 125 Arbeiten als die bisher umfangreichste Retrospektive des Künstlers beworben. Doch es ist nicht allein - und auch nicht in erster Linie - die Masse, die diese zu einer besonderen Schau macht. Natürlich ist es angenehm, dass man Lichtensteins Kunst auch in einer Riesendosis nicht überdrüssig wird. Der Gang durch die 13 Säle ist ein nahezu ungetrübtes Vergnügen - was man beispielsweise von der Francis-Bacon-Schau der Tate Britain vor fünf Jahren nicht behaupten konnte, obwohl dort nur halb so viele Gemälde gezeigt wurden. Aber Verdaulichkeit sagt nichts über die Qualität eines Künstlers aus. Lichtenstein spielte auf seine Art in derselben Liga wie Bacon.