Retrokolumne Prophet Funk

Columbia legt Miles Davis' Newport-Aufnahmen neu auf; Bob Dorough ist wieder zu entdecken; und bei Richard Marks fängt alles erst an, wenn es schon zu spät ist.

Von Karl Bruckmaier

Funk ist der Prophet, der quasi in Gleichnissen von den Wundern des Jazz kündet und diese afroamerikanische Kulturleistung Nummer 1 so allgemeinverständlich verpackt, dass selbst der konservativste Stoffel und der stumpfeste Teenager nicht anders können, als gut gelaunt einzutauchen in das Projekt Moderne: So ist der Songtitel "Jazz Is the Teacher, Funk Is the Preacher" zu verstehen, mit dem es dem Jazz- und Blues-Gitarristen James "Blood" Ulmer vor 35 Jahren gelang, dem laut Frank Zappa damals bereits leicht müffelnden Genre noch einmal ein paar interessante Zuckungen zu entlocken.

Durchgesetzt hatte sich diese Erkenntnis, dass ein Stück Zucker auch die Einnahme jeder noch so bitteren Medizin erleichtere, bereits ein gutes Jahrzehnt vor Ulmers bahnbrechender LP "Are You Glad to Be in America?", nämlich als Miles Davis während seiner Midlife-Crisis Ende der Sechziger das gesicherte Terrain des Maßanzugs und der Nachtklubs verließ und sich auf die neuen Vorstellungen von zeitgenössischer Popmusik einließ. Von Kontakten zu Jimi Hendrix und Sly Stone war die Rede, und die Davis-Alben nach "Bitches Brew" (1970) sprechen eine eigene, experimentierfreudige Sprache, auch wenn Miles' Funk dann doch wieder zu abstrakt geriet für ein Massenpublikum.

Dass Miles Davis und Jimi Hendrix tot sind, dass Sly Stone irgendwo zwischen Drogendemenz und Obdachlosigkeit hängt, hindert die große Verwertungsmaschine Pop aber nicht daran, ständig altes Material in neuen Formaten feilzubieten. Soeben erschienen ist "Miles Davis at Newport 1955-1975: The Bootleg Series Vol. 4" (Columbia Legacy), eine vier CDs umfassende Rosstäuscherei, auf der keineswegs bloß Davis' Auftritte beim Vorbild aller Jazzfestivals dokumentiert werden, sondern auch alle Konzertmitschnitte, derer man habhaft werden konnte, die im Rahmen des Marketing-Konzepts Newport gemacht wurden, auf Tourneen in New York, in Berlin, in der Schweiz - Aufnahmen, die zum Großteil bereits in anderer Form erhältlich waren.

Selbstredend kann der Hörer hier große Momente der Jazzgeschichte nacherleben - die Aufnahmen aus Newport im Jahr 1955 machten Davis international bekannt, die immer funkiger werdenden Gigs der mittleren Siebziger zeigen ihn in einmal nicht von Produzent Teo Macero konfigurierten Lärmgewittern. Doch das schale Gefühl, einer nicht enden wollenden Leichenfledderei beizuwohnen, verdirbt einem von Jahr zu Jahr mehr die endlose Reihe von Davis-Veröffentlichungen: Produzent und Musiker werden schon gewichtige Gründe gehabt haben, ihre Platten auf eine von ihnen bestimmte Art an die Öffentlichkeit herauszugeben. Gegen diese Autorschaft vergeht man sich systematisch und ohne Skrupel.

Früher war natürlich auch nichts irgendwie besser. Als Funk noch nicht der "Preacher" war und Columbia eine notorisch einfallslose Musikveröffentlichungsmaschine, zwang man Miles Davis etwa, ein paar Aufnahmen mit einem Sänger namens Bob Dorough zu machen: Vielleicht würde dieses ungleiche Paar ja eine neue Klientel erschließen. Nun, eher nicht. Doch zwei Jahrzehnte später holte der Funk auch diesen inzwischen 91-jährigen Hipster ein: Die Hip-Hopper von De La Soul sampelten 1990 sein "Three Is a Magic Number" und hatten einen Welthit damit. Funky ist seine aktuelle Trio-Platte "But for Now" (Enja) mit Tony Marino und seinem musikalischen Ziehsohn Michael Hornstein sicher nicht: Wie auf Zehenspitzen tapsen die drei Musiker noch einmal durchs American Songbook, stolz und selbstverständlich steht das titelgebende Dorough-Original mittendrin, und in gemächlichem Tempo zeigt dieser letzte aller Beatniks den Jungspunden aus dem Hip-Hop-Lager, wie das geht: alt werden, ohne altbacken zu sein. Die Stimme hat eine Art greise Selbstsicherheit gefunden, die von Hornsteins lakonischem Saxofon-Spiel auf Trab gehalten wird. Und man ist sich sicher - es wird endlos so weitergehen.

Manchmal fängt auch etwas erst an, wenn alles zu spät ist: Richard Marks war ein Gitarrist aus Atlanta, Georgia, der es zeitlebens nie zu mehr als ein paar Singles für den lokalen Markt gebracht hat. Doch in Zeiten, wo nicht nur das veröffentlichungswürdige Material der Stars rar wird, sondern auch bereits die entlegensten Randfiguren vollständig durchgenommen zu sein scheinen, kommt postum auch ein Richard Marks zu Ehren - die Familie des 2006 verstorbenen Automechanikers konnte wohl nicht länger widerstehen: "Never Satisfied: The Complete Works 1968-1983" (Now Again). Kruder Funk vom äußersten Rand der Musikwelt, keine Predigt der Moderne, eher ein Aufschrei, ein Flehen um Beachtung und Erfolg. Es wird verhallen wie einst.