Reportage Stein auf Stein

Athen - gebeutelt, verwahrlost, verarmt - wird neuerdings zur Stadt der Künstler. Auch die Documenta ist da. Eine Reise zu den alten und neuen Ruinen der griechischen Hauptstadt.

Von Catrin Lorch

Größe im Zerfall - darin hat Griechenland Erfahrung. Ein paar Tausend Jahre, und neuerdings ein paar Finanzkrisen.

Wie sieht das eigentlich aus, ein Land in den Trümmern seiner Politik? Vielleicht wie die Eingangshalle der Fix-Brauerei. Als das Gebäude in den Fünfzigern errichtet wurde, galt es als architektonischer Meilenstein. Noch heute ist seine massige Silhouette im Bild der Stadt unübersehbar. Lange stand der Koloss leer, Besetzer verhinderten den Abriss. Danach wurde er umgebaut, 15 Jahre lang für Millionen Euro: zum Nationalen Museum für zeitgenössische Kunst, kurz EMST.

Seit zehn Monaten bereits ist das Haus bezugsfertig. Doch dort, wo einst die riesigen Kessel der Bierbrauer standen, gähnt es gleißend weiß. Das Museum ist leer. Keine Kunst, keine Besucher. Wann denn mit der Eröffnung zu rechnen sei? Das wisse sie nicht, sagt die Direktorin Katerina Koskina. Ihre Sammlung hat sie eingelagert. Es gibt keinen Techniker, der die Lichtinstallation beherrscht. Und keinen Verantwortlichen für die computergesteuerte Klimaanlage. Auch der Kultusminister konnte bei der Pressekonferenz zur Fertigstellung nicht sagen, wie er die 70 Stellen für das Haus finanzieren wird, wo doch dem griechischen Staat die Pleite droht.

Vom Restaurant unter der Dachterrasse aus betrachtet erstreckt sich das Panorama vom Meer bis zur Akropolis. Drüben, vor dem halb eingerüsteten antiken Tempel, ziehen Hunderte Besucher vorbei. Die Akropolis wirkt so belebt wie ein beliebtes Stadtviertel. Die frisch renovierte Brauerei aber liegt tot da, als sei sie von der Industrie- zur Baubrache geworden. Was ist in Athen eigentlich eine Ruine?

Unterdessen etablieren sich - jenseits der Altstadt - die Künstler. Das ist neu. Athen galt bislang als blinder Fleck auf der Landkarte der internationalen Kunst, denn griechische Künstler wissen: Wer in Griechenland von Kunst spricht, meint eigentlich nur die Antike. Iliana Fokianaki unterhält in der Nähe des leer stehenden Museums den Ausstellungsraum "State of Concept", in dem sie so ziemlich genau das Programm politischer Kunst zeigt, das sich gut im Projektraum der einstigen Fix-Brauerei machen würde. Ihr Raum sei "nicht-kommerziell", sagt sie. Aber was sind solche Kriterien wert in Griechenland, wo sowieso niemand mehr Geld mit der Kunst verdient? Fokianaki spöttisch: "Eigentlich arbeiten wir jetzt alle non-profit in Athen."

Die Akropolis ist überlaufen, die Stadt verlassen. Was also ist die Ruine?

(Foto: Martin Parr/Magnum)

Manche Künstler übernehmen für einen Spottpreis leer stehende Geschäfte, die Mieten sind ja im Keller. Sie scherzen, man könne die Ateliers im angesagten Berlin vermieten und von den Einnahmen in Griechenland komfortabel leben. Das "Caribic"-Gästehaus ist in eine leer stehende Boutique im Stadtteil Pangrati gezogen, eine Gegend, in der viele im vergangenen Winter nicht einmal mehr die Heizung bezahlen konnten. "Überall roch es nach verbrannten Möbeln", erinnert sich einer der Künstler. "Caribic" hat sich aus dem ökonomischen Kreislauf der Kunst inzwischen völlig verabschiedet. Sammler gibt es in Athen sowieso nicht mehr. Deshalb erwartet auch niemand, dass Künstler für ihren Aufenthalt im "Caribic" ein Werk oder eine Ausstellung hinterlassen. Die für den Turner-Preis nominierte Bonnie Camplin kam zum Spazierengehen: Das Flanieren war das Kunstwerk.

Prominentester Zuzug in Athen ist allerdings Adam Szymczyk, der künstlerische Leiter der nächsten Documenta und seit Langem ein Star. Auf Vernissagen spielt der sehr stille und sehr schlanke Kurator Playlists, und die Szene lauscht mit größter Aufmerksamkeit: Es könnten sich ja verschlüsselte Hinweise auf die Künstlerliste der 14. Ausgabe der Weltkunstschau finden. Im vergangenen Herbst hatte Adam Szymczyk bekanntgegeben, dass seine Documenta im Jahr 2017 nicht nur in Kassel, sondern auch in Athen stattfinden werde. Die Kunstwelt zuckte zusammen, und in Kassel regte sich sofort Protest. Während sich Bürger sonst oft über die Anwesenheit zeitgenössischer Kunst echauffieren, gönnte die deutsche Documenta-Stadt den Griechen die prominente Ausstellung nicht. Dabei hatten Szymczyks Vorgänger früher ohne größeres Getöse Documenta-Ableger nach Banff, Neu-Delhi, Lagos und sogar Kabul gebracht.

Zuerst einmal hat Szymczyk acht Mitarbeiter nach Athen geschickt. Noch stehen in dem frisch gestrichenen Bürogebäude keine Regale oder Aktenordner, aber die neuen Computer sind mit dem Kasseler Fridericianum, dem traditionellen Sitz der Documenta, verbunden. Auch dies ist in Athen unter Austeritätsbedingungen ein bisschen schwieriger als anderswo, denn der Strom fällt häufig aus. Und wer sich als Zugezogener um einen Telefonanschluss oder Wlan bemüht, landet in einem bürokratischen Zirkel, der zur endlosen Umlaufbahn wird. Die deutschen Kulturschaffenden surfen deshalb mit dem Anschluss des griechischen Praktikanten.

Exarchia ist das Kreuzberg Athens. Hier stranden kurdische Flüchtlinge aus Syrien.

(Foto: Studio X)

Das Viertel Exarchia, das sich um das Quartier des Documenta-Büros erstreckt, ist so etwas wie das Kreuzberg Athens. Die Polizei hat das Patrouillieren aufgegeben, sogar Finanzminister Yanis Varoufakis geht hier lieber ohne Sicherheitskräfte spazieren, um niemanden zu provozieren. Die Menschen in Exarchia haben sich Anwendungen auf ihr Handy geladen, die sie auf Protestaktionen und Straßenschlachten hinweisen. Gerade stecken draußen ein paar Transparente im Boden - es ist unklar, ob sie von der letzten Demonstration übrig geblieben sind oder ob es gleich erneut losgeht. Die Parolen setzen sich als Street Art fast übergangslos auf die Hauswände fort. Sogar das Kulturministerium direkt um die Ecke ist mit Graffiti überzogen. In den Geschäftsvierteln dahinter sind abends nur noch die Ladenzeilen erleuchtet - der Rest steht seit Langem leer. Niemand stellt mehr etwas her in Athen. Die oberen Etagen sind genauso verlassen wie die aufgegebenen Fabriken am Stadtrand. Was ist hier die Ruine?

Die Krise hat, zweifellos, ihre eigene Exotik. Auch für Künstler und Szymczyk, den Kurator. Seine Bewerbung für die Documenta war ein Experiment: von Athen lernen. So hieß sein Konzept, und es sah vor, dass die Documenta-Künstler mindestens einmal Athen besuchen und vielleicht auch dort arbeiten. "Wir sind jetzt in gewisser Weise Athener", sagt Quinn Latimer, die für die Publikationen verantwortlich ist. Szymczyk geht es nicht darum, aus Athen eine Destination für Kunsttouristen zu machen. Wie er die Stadt aufwerten will? Er lernt jetzt erst mal Griechisch.

Aber ist die Affinität der zeitgenössischen Kunst für Griechenland nicht nur eine moderne Version von Ruinenromantik? Dafür sind Deutsche anfällig, historisch betrachtet. Heinrich Schliemann und die ihm folgenden Schatzsucher haben in Athen ja nicht nur die Wissenschaft der Archäologie begründet, sondern Griechenland nebenbei eine Hauptstadt geschenkt. Anfang des 19. Jahrhunderts war Griechenland vom schrumpfenden Osmanischen Reich an Bayerns König Otto I. gefallen. Und dieser hatte die Idealbaumeister des Klassizismus, darunter Schinkel und Klenze, eingeladen, das Kaff zu Füßen der Akropolis zur Metropole auszubauen. Das heutige Athen war ein deutsches Projekt.

Irgendein Protest wird hier in Exarchia eigentlich immer vorbereitet.

(Foto: Nikos Pilos/laif)

"Auch den Parthenon haben ja erst die Deutschen als Symbol westlicher Zivilisation etabliert", sagt Aristide Antonas, ein Architekt, der in Berlin und Athen lebt. Heute, so sagt er, liegen die leer stehenden Gebäude, das tote Museum und das besprühte Ministerium so beziehungslos nebeneinander wie Anfang des 19. Jahrhunderts die Säulen und Friese. Die Griechen scherten sich damals nicht um die Überreste ihrer Kultur, erst die deutschen Archäologen verbanden sie mit den großen Erzählungen der Antike. Und diesmal?

"Es fehlt ein Begriff, ein Mythos, für das, was hier gerade geschieht", sagt Antonas. Und dies gilt nicht nur für den verwahrlosten öffentlichen Raum, sondern für die gesamte politische Sphäre. Die empfinden viele Athener als irreal: "Gegen wen richtete sich der Protest? Gegen die Politiker? Die schienen einen fremden Willen auszuführen", erinnert sich Antonas: "Alle fühlten sich bestraft.

Aber was genau war der Grund?" Xenia Kalpaktsoglou ist Kuratorin der Athen Biennale, einer angesehenen Kunstschau, die während der Krise bewiesen hat, dass man notfalls auch ohne Etat international beachtete Stadtkunst-Ausstellungen organisieren kann. Heute kooperiert sie mit der Documenta. Auch sie vermisst eine große Erzählung, die die Plätze des Protestes zusammenfügt: "Athen macht den meisten Menschen Angst. Verglichen mit Orten wie dem Kairoer Tahrir-Platz, dem Ghezi-Park in Istanbul oder auch Occupy in New York taugt die Stadt als Beispiel zu gar nichts."

Das in Athen erscheinende Magazin South wiederum sucht den Zusammenhang in der Geopolitik. Es definiert den Süden im Titel als "Geisteszustand" und ging schon in der ersten Ausgabe 2012 der Frage nach, ob es reicht, sich über eine "Abwehrhaltung gegen die Hegemonie des Nordens" zu definieren und "Zeit damit zu verschwenden, über die großen Metropolen nachzudenken". Vielleicht sei es viel sinnvoller, "mehr zur Seite zu schauen" und sich von einem Nachbarn zum anderen leiten zu lassen.

Bislang wurde South in einer Auflage von wenigen Tausend Stück gedruckt. Seine nächsten Ausgaben stellt es nun der Documenta zur Verfügung, was ihm auf Jahre hinaus eine weltweite Zirkulation sichern dürfte. Auch die Graswurzel-Biennale von Xenia Kalpaktsoglou wird sich als Vorprogramm der Weltkunstschau reger Beachtung erfreuen. Verkehrte Welt: Gerade entwickeln einige griechische Intellektuelle neues Selbstbewusstsein und besinnen sich auf sich selbst und ihre Nachbarn, da klopft in der Documenta ein Abgesandter der westlichen Metropolen an: Ausgerechnet die Idee des "Südens" ist für den Norden besonders attraktiv.

"Von Athen lernen", das wollen im 21. Jahrhundert nicht die Archäologen und Architekten. Sondern die Künstler. Vielleicht wird die Kunst in den frisch von der Krise hinterlassenen Ruinen und Trümmern die Motive für eine große Erzählung finden. Der erste Satz, der Prolog könnte ein Graffito nahe der Akropolis sein, das so treffend ist, dass Professoren ihre Studenten hierherführen. Er lautet, auf Englisch: "Merkel, du Schlampe, was auch immer du vorhast, unser Wetter kannst du uns nicht wegnehmen.