Gegenüber den gesetzestreuen Muslimen der Schweiz war das Abstimmungsergebnis nichts anderes als eine präventive Kassierung der Religionsfreiheit durch die Mobilisierung des Verdachts, es könnten aus ihrer Mitte Attentäter wie der in Dänemark agierende hervorgehen. Die Plakate, die für das Verbot warben, gestalteten in diesem Sinne die Minarette als drohend aufragende Raketen.
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Es wurde damit ein Generalverdacht bebildert. In der 2007 im Internetforum Perlentaucher geführten und von Thierry Chervel in dem Band "Islam in Europa"(Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2007) dokumentierten Debatte war dieser Verdacht, etwa in den Beiträgen von Pascal Bruckner, allgegenwärtig. Er besagt, dass vom Islam aus prinzipiell kein Weg in den liberalen Rechtsstaat führt, dass der Islam vielmehr so sehr ein System der Unterdrückung von Freiheitsrechten, der Intoleranz und Gewalt sei, dass er diese Merkmale nur um den Preis der Selbstaufgabe verlieren könne.
Die radikale Religionskritik des Islam führt, bei Pascal Bruckner wie bei Ayaan Hirsi Ali, zu der These, die dritte totalitäre Bedrohung der Menschheit nach dem Kommunismus und dem Nationalsozialismus sei der Islam. So gesehen kann er die Religionsfreiheit nicht für sich in Anspruch nehmen, weil er keine Religion ist, sondern lediglich eine "politische Religion" von der Art, wie sie Eric Voegelin oder auch Raymond Aron in den totalitären Bewegungen des 20. Jahrhunderts sahen.
So verständlich es ist, wenn Frauen wie die Somalierin Ayaan Hirsi Ali, dem repressiven islamischen Regiment ihrer Herkunftswelt entkommen, dem Islam insgesamt den Religionscharakter rundweg absprechen, so sehr bedürfen die westeuropäischen Länder nach wie vor der alten Einheit von Religionskritik und Religionsfreiheit auch im Blick auf den Islam. Noch unmittelbar nach dem 11. September 2001 war die Einsicht bei liberalen Intellektuellen lebendig: Wir werden sie durch unsere Toleranz besiegen. Das war auch damals nicht Feigheit oder ein Freibrief für militante Intoleranz.
Denn die Religionsfreiheit hat die Absolutheitsansprüche der monotheistischen Offenbarungsreligionen abschleifen geholfen. Und gibt es nicht, da ja alle Religionen Voltaire überlebt haben, nach wie vor auch christlichen Fundamentalismus und jüdischen Gesetzes-Fanatismus? Die Pointe in Lessings Ringparabel, zu deren historischer Fiktion es gehört, dass sie während des Dritten Kreuzzuges erzählt wird, war keineswegs nur das Vertrauen in den humanen Kern der Religionen, sondern der Zeitgewinn, der mit der Suspendierung der Wahrheitsfrage verbunden war.
In dem Maße, in dem der Islam nicht mehr als über 1200 Jahre alter Gottesglaube, sondern nur noch als "System" unauflöslicher Verzahnung von Politik und Religion in einem neuen Totalitarismus wahrgenommen wird, kann das Beharren auf dem doppelten Erbe der Aufklärung als neue Appeasement-Politik kulturrelativistischer Verräter der Aufklärung denunziert werden. In jedem Muslim lauert dann ein potentieller Frauenunterdrücker, Meinungsfreiheitsfeind und Fanatiker, gegen den sich die liberale Demokratie nur durch präventiven Entzug der Religionsfreiheit verteidigen lässt.
An der Radikalkritik des Islam irritiert zum einen, dass sie die Instrumente der Religionskritik selektiv handhabt. Ayaan Hirsi Ali verteidigte im Blick auf Salman Rushdies "Satanische Verse" und die dänischen Mohammed-Karikaturen "das Recht zu beleidigen". Ihre Mitstreiterin Necla Kelek hingegen stellte sich öffentlich an die Seite der christlichen Würdenträger, die nicht gemeinsam mit dem in Deutschland lebenden muslimischen Autor Navid Kermani den Hessischen Staatspreis entgegennehmen wollten, und warf ihm vor, er habe es in seinen Reflexionen über christliche Gemälde in Rom an Respekt gegenüber der Jungfrau Maria und den christlichen Nonnen fehlen lassen.
Man muss die von ihr dokumentierten Übergriffe islamischer Männer gegen ihre Frauen und Töchter abscheulich finden und kann dennoch von dieser Rigorosität gegenüber einem muslimischen Autor befremdet sein, der in seinen Schriften über das Leben als Muslim in Deutschland wie über die politische Opposition in Iran das doppelte Erbe der Aufklärung antritt. Ohne das Bündnis mit Muslimen gibt es im Westen keine Religionsfreiheit, die diesen Namen verdient.
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(SZ vom 22.1.2010/iko)
Staatsbesuch in Israel
lauten Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Bislang habe ich andern Orts ausgeführt, dass die Gesichtsverhüllung gegen das Gleichheitsgebot verstößt. Aber auch die anderen Maximen französischer Staatsauffassung werden gestört.
Da durch die vollständige Verschleierung mit Gesichtsverhüllung sich ein Interesse an der Absonderung im öffentlichen Raum bekundet, dokumentiert sich darin eine Kommunikationsverweigerung, die dem Prinzip der Brüderlichkeit (will sagen: der zwischenmenschlichen, also sozialen Zuwendung) entgegensteht.
Wer sich selbst nur in einem Stoffkäfig der Öffentlichkeit zeigt, setzt in der Öffentlichkeit ein Zeichen selbstgewählter oder von fremder Hand aufoktroierter Unfreiheit. Dem Freiheitsgedanken, der die französischen Republik einst begründete, steht eine solche Aufmachung jedenfalls krass entgegen.
Es ist erstaunlich, dass jene französische Muslime, die sich nun gegen ein Burkha-Verbot wenden, so wenig von den drei Maximen, auf die das moderne französische Staatswesen gründet, halten. Von der Freiheitsgeschichte der Französischen Nation haben sie jedenfalls keinen Begriff. In der Zustimmung zur Burkha bekundet sich lediglich ein antifranzösischer Affekt. Verständlich, dass ein Präsident der französischen Republik dem Einhalt gebietet.
auf welcher Seite die überwältigende Mehrheit der französischen Muslime im Burkha-Streit sich schlägt: auf die Seite der religiösen Fanatiker. Wenigstens einmal die Seite des dortigen Laizismus zu unterstützen, kommt den meisten der dortigen Muslime nicht in den Sinn. Die Religion wird über den Staat gestellt, obwohl es nicht einmal in der Religion eine Begründung für die Gesichtsverschleierung gibt. Wo sind denn die gemäßigten Muslime in Frankreich, die einer extrimistischen Bekundung ihrer Religion, wie sie im Tragen einer Burkha zum Ausdruck kommt, eine klare und deutliche Absage erteilen?
Im Jahre 1439 weilte der letzte byzantinische Kaiser Johannes VIII. Paläologos mit seinem Hofstaat auf dem Konzil von Florenz, um die katholische Welt zur Unterstützung gegen die unaufhaltsam vorrückenden Osmanen zu ersuchen. An verkrusterten Hegemonialvorstellungen des römischen Papsttums scheiterte die erbetene Unterstützung; das christliche Reich im Osten ging 1453 unter und das christliche Abendland hatte sich die größte Blamage seiner Geschichte geleistet.
Jetzt erleben wir die nächste Blamage und realisieren sie kaum: seit Jahrzehnten vernachlässigen wir die industrielle Herstellung von sauberer Energie aus Wasserstoff, weil US-Öl-Präsidenten wie aus der Familie Bush und vielen anderen die Einsicht zu fehlen scheint. Sogar die Mittel wurden gekürzt, ohne die neue Technologie nichts werden kann. Und nur ein joint venture bewältigt die enorme Aufgabe.
Stattdessen rüstet der Islamismus mit unserem Geld für ihr Öl gegen uns auf; es gab den langen Atem von Mohammed bis zur Schlacht auf dem Kahlen Berge 1683 vor Wien und fast ein Jahrtausend vorher 732 hatte Karl Martell die Araber bei Tours und Poitiers schon einmal zurückgeschlagen. Was sind da ein paar Jahrzehnte?
Mit der sauberen Energie aus dem Wasserstoff bräche das Kartenhaus wohl zusammen; aber wer erlebt den Weg dahin? Oder sind wir wie bei der ersten Blamage das christlichen Abendlandes diesmal auch nur Opfer, weil wir die Lage längst verschnarchten?
Sehr geehrte(r) Manesse,
mit Interesse hab ich Ihre Kommentare verfolgt. Natürlich fallen Sie nicht auf das Niveau eines AussiePride oder anderer - dennoch sind Sie es, die/der mir Angst macht:
Angst vor einer auf den ersten Blick nachdenklich wirkenden, gebildet erscheinenden und deshalb zu aggressiver, gefährlicher und letztlich gesellschafts-zerstörender Intoleranz gar nicht fähigen Leitkultur, die sich erst bei genauerer Betrachtung doch nur als neue Lufthoheit über Stammtischen entpuppt - nur daß die Stammtische nicht mit Bierdeckeln , sondern mit, als Beispiel, Ausgaben des Cicero dekoriert sind. Die Angst, die Sie mir einflößen, ist die Angst vor UNSEREINS.
So plädieren Sie für : Die Prävention besteht in einer politischen Auseinandersetzung und d. h. darin, dass im Diskurs vorhandene Missstände angesprochen und erkannt werden und dass Wege argumentativ aufgezeigt werden, um den angesprochenen Misstände zu begegnen. (Ihre Antwort an Nasenmann von 14.11/ 22.01.)
Ihr Beispiel scheint dann auch zuerst einleuchtend: Sich zeigen aus Achtung vor dem Anderen. Ihr ergo :keine Burka.
Nur ziehen Sie keine Grenzen. Wo beginnen Misstände?
Sie definieren das unverhüllte Gesicht Anderer, in diesem Fall der anderen Frauen, die sich für eine Verhüllung entschieden haben, als Ihr Recht, Ihr Gegenüber zu sehen.
Wo beginnt dieses Ihr Recht? Erst bei dem ganzen Gesicht? Oder schon bei den Augen der verspiegelte-Sonnenbrillen-tragenden-Polizisten oder Grenzsoldaten? Bei den Haaren orthodoxer Jüdinnen, die statt erkennbarem Kopftuch weniger auffällige Perücken tragen? Bei den Ellenbogen, die mir in Mea Shearim die Erfahrung des Angespuckt werdens eingebracht haben?
Gesellschaftlicher Konsens als Grundlage für gewährte Grundrechte, für Menschenrechte, ist ein gefährlich dünnes Eis. Prop 8 in Kalifornien ist da nur das neueste und augenfälligste Feuileton-Beispiel. Was ist mit Darwin ./. Kreationismus bzw. Intelligent Design? Was ist mit den Religionsschulen, in denen die Young Earth-These als Fakt gelehrt und Paläontologen als verirrte Fehlgläubige gebrandmarkt werden? Lesen Sie mal in Schulbüchern, die, nicht in Texas, hier bei uns in Deutschland, zugelassenen sind: für evangelikale Konfessionsschulen, mitten in unseren Städten!
Nein, ich denke nicht, daß Sie all dies unterstützen. Aber Sie riskieren, es "Konsens" werden zu lassen. Und dann ist es nicht mehr weit bis zu Lombroso und anderen Ohrenvermessern.
Un
P.S.
Vielen Dank, SZ, für diesen Artikel.
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