Erklärungsbedürftig: In einem Interview mit der "Haaretz" bricht es aus Günter Grass heraus. Er rechnet den Holocaust mit dem Leid deutscher Kriegsgefangener in der Sowjetunion auf. Und ignoriert all das, was erst dazu führte. Das Denken des Literaturnobelpreisträgers fällt zurück in die fünfziger Jahre.
"Beim Häuten der Zwiebel" trieb 2006 etlichen Kritikern Tränen der Empörung in die Augen - hatte Günter Grass doch erst darin eingehend seine Militär- und Kriegserfahrungen ausgebreitet. Und die hatte er bei der Waffen-SS überlebt, zu der er, siebzehnjährig und durchaus heldenwillig, im September 1944 einberufen worden war.
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Günter Grass (hier bei der Frankfurter Buchmesse im vergangenen Jahr) erinnert zu Recht an seinen Anteil daran, dass 1960 der Stroop-Bericht ("Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr") in der Bundesrepublik veröffentlicht werden konnte. Aber seine Relativierung des Mordes an sechs Millionen Juden mit einem Phantasiebild von sechs Millionen liquidierten deutschen Kriegsgefangenen ist - vor aller moralischen Bewertung - erklärungsbedürftig. (© dpa)
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Aber da gab es in den wenigen Monaten bis zu seiner Verwundung im April 1945 außer der Doppelrune auf seiner Uniform eigentlich kaum etwas zum Empören, keine Freiwilligenmeldung, keine Teilnahme an Kriegsverbrechen. Er hatte Glück im Unglück gehabt. Und SS, die übergreifende Chiffre des Völkermords, war eben nicht mit dieser biographischen Erfahrung kurzzuschließen. Hängen blieb die Unzufriedenheit, dass er diese Episode nicht schon früher bekannt gemacht hatte.
Nun ist das Buch in Israel erschienen, und zu diesem Anlass hat Tom Segev Günter Grass für die Zeitung Haaretz befragt. Natürlich nimmt Günter Grass' Zeit in der Waffen-SS auch hier viel Platz ein, und Segevs Wunsch nach Erklärungen wie die Gereiztheit Grass' sind nicht zu überlesen.
Aber seine Erklärungen erscheinen letztlich selbstkritisch und plausibel, ebenso wie die Zurückweisung von Segevs Kritik, der Völkermord an den europäischen Juden sei in seinem Werk allzu marginal. Grass erinnert zu Recht an seinen Anteil daran, dass 1960 der Stroop-Bericht ("Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr") in der Bundesrepublik veröffentlicht werden konnte - in der Tat damals ein eindringliches Zeugnis des Völkermords in einer Gesellschaft, die mehrheitlich vergessen und verschweigen wollte.
Den Verdacht, er wolle die Deutschen als Opfer der NS-Herrschaft und des Krieges profilieren, scheint Günter Grass auch beim Gespräch über das Thema des "Krebsgangs", den Untergang der torpedierten Wilhelm Gustloff, noch auszuräumen, habe er doch nie behauptet, der Angriff auf das Schiff, der mehr als 9000 Menschen das Leben kostete, sei etwa völkerrechtswidrig gewesen.
"Der Holocaust war nicht das einzige Verbrechen"
Aber dann bricht es durch: "Aber der Wahnsinn und die Verbrechen fanden nicht nur ihren Ausdruck im Holocaust und hörten nicht mit dem Kriegsende auf. Von acht Millionen deutschen Soldaten, die von den Russen gefangen genommen wurden, haben vielleicht zwei Millionen überlebt, und der ganze Rest wurde liquidiert. Es gab 14 Millionen Flüchtlinge in Deutschland, das halbe Land ging direkt von der Nazityrannei in die kommunistische Tyrannei. Ich sage das nicht, um das Gewicht der Verbrechen gegen die Juden zu vermindern, aber der Holocaust war nicht das einzige Verbrechen. Wir tragen die Verantwortung für die Verbrechen der Nazis, aber ihre Verbrechen fügten auch den Deutschen schlimme Katastrophen zu, und so wurden sie zu Opfern."
Déjà vu, déjà entendu! Es ist, als lauschten wir Heranwachsenden der fünfziger Jahre wieder am Kaffeetisch den Erwachsenen, noch gefangen in Respekt und Schuldgefühlen vor deren Leiden und Leistungen und schon empört über den Einheitstopf, in dem alle Leidensgeschichten zu einer großen Tragik verrührt wurden.
Einzig, dass Günter Grass sechzig Jahre später die Verantwortung für die Verbrechen der Nazis ausspricht, zeigt den kleinen Unterschied. Aber umstandslos den Mord an sechs Millionen Juden mit einem Phantasiebild von sechs Millionen liquidierten deutschen Kriegsgefangenen zu relativieren, ist - vor aller moralischen Bewertung - erklärungsbedürftig.
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wie auch bei Sarrazin, so auch bei Grass: Die im Dogma gefangenen Selbstgerechten werfen sich auf den Täter, aber Das Volk erhebt Volkes Stimme und auf die kann man sich werfen, sie ist nicht plattzumachen.
Bereits mit der Erfindung eines Zwerges hat Günter Grass die Hitlerzeit verniedlicht und für den postfaschistischen Mainstream der Bundesrepublik der 1960er Jahre konsumierbar gemacht.
Es gibt de facto und de jure keine "Kollektivschuld", Schuld ist immer individuell. Was es gibt, ist höchstens eine Verantwortung.
...relativieren nicht die Verbrechen der UdSSR und umgekehrt. Es waren alleine mind. zwei Millionen Deutsche Zivilisten, die von der Roten Armee mit Gewalt getötet wurden.
Auch wer Menschen vorsätzlich verhungern lässt (die Wehrmachtssoldaten), wie Stalin ist ein Mörder. Stalin hatte das bereits in der Ukraine praktiziert, noch bevor Hitler überhaupt an die Macht kam. Diesem Holodomor fielen fünf bis sechs Millionen Menschen zum Opfer. Insgesamt hat Stalins Terrorherrschaft über 30 Mio. Opfer zu verantworten.
@anasemanini
Die Zahlen sind in der Tat etwas irritierend. Da ist von Seiten Grass Bedarf zur Erläuterung. Es ist aber genauso irritierend wie Jahn hier analaog Stalinistische Propaganda im Format 1:1 posaunt, seine Zahlen in Bezug auf die in den Lagern zu Tode gekommenen deutschen Soldaten ist denn ebenso falsch. Allgemein wird die Zahl von 1,1 bis 1,3 Millionen angegeben. 700.000 ist propagandistisch runtergerechnete Ideologie im 50er Jahre Muster.
Ich erwähne gar nicht die 200.000 Ungarische Armeeangehörigen und dazu andere Soldaten der Achsenmächte, die systematisch zumeist vom NKWD liquidiert wurden. Gerade Katyn zeigt ja den systematischen Vernichtungswillen des Stalinschen Systems, in Katyn gegen die polnische Armee, oder war das auch der leere Kühlschrank...?? Die Anzahl der in Gefangenschaft geratenen Angehörigen der Roten Armee ist generell schwer zu bestimmen.
Dazu war der größte Feind des Soldaten der Roten Armee nicht nur die deutsche Gefangenschaft, sondern der eigene Liquidierungsapparat. Allein bei den Kämpfen um Stalingrad sind 15.000 Rotarmisten wegen Desertion oder Wehrkraftzersetzung erschossen worden, insgesamt geht man von bis zu 900.000 Rotarmisten aus, die vom eigenen Militärapparat liquidiert wurden. Das übertrifft die Opfer der Wehrmachtsjustiz um das 40-fache.
Jahn wirft Grass Relativierung vor und relativiert mit allen Techniken der Demagogie.
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