Rekonstruktion des Judentums Das Jerusalem des Nordens

Elke-Vera Kotowski, Julius H. Schoeps (Hrsg.): Vilne, Wilna, Wilno, Vinius. Eine jüdische Topografie zwischen Mythos und Moderne. Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin 2017. 202 S., 22 Euro.

Irena Veisaitė ist Germanistin und Zeitzeugin der Schoah. Heute lebt sie in Vilnius und erzählt von dem einstmals blühenden jüdischen Leben in der Stadt.

Von Volker Breidecker

Lange Zeit konnte sich jüdisches Leben nirgendwo in Europa autonomer und von Verfolgungen unbelasteter entfalten als in den Provinzen des alten litauisch-polnischen Vielvölkerreichs, das seinen Untertanen seit dem Mittelalter ein hohes Maß an religiöser Toleranz eingeräumt hatte. Darunter erblühte die Stadt der vielen Namen, Sprachen, Völker und Kulturen - deutsch "Wilna", polnisch "Wilno", litauisch "Vilnius", jiddisch "Vilne" gerufen. Das jüdische Viertel der Stadt mit seinen annähernd 100 000 Bewohnern beherbergte bedeutende Bibliotheken, große Theater- und Filmbühnen und ein blühendes Presse- und Verlagswesen.

Mit der systematischen Auslöschung der litauischen und Wilnaer Juden hatten die Einsatzgruppen der Waffen-SS und ihre lokalen Helfer schon in den ersten Tagen und Wochen der Okkupation begonnen und waren dabei mit großer Grausamkeit vorgegangen. Für die wenigen Überlebenden sollte es in Vilnius aber auch nach dem Krieg keine Spuren jüdischen Lebens und keine Erinnerung an dessen Auslöschung mehr geben.

Denn was die Deutschen an jüdischen Einrichtungen und Gebäuden, an Ruinen der niedergebrannten Ghettos und selbst an Gräbern noch stehen gelassen hatten, wurde mit dem Beginn von Stalins Kampagne wider den "Kosmopolitismus" von den Sowjets geschliffen und restlos eingeebnet. Wie die heute in Vilnius beheimatete Germanistin Irena Veisaitė als überlebende Zeitzeugin der Schoah in diesem verdienstvollen Band schildert, existierte sogar ein Befehl, alles an jüdischen Zeugnissen und schriftlich überliefertem Material "als Altpapier zu entsorgen". Selbst die Grabsteine eines alten jüdischen Friedhofs wurden zu Stufen für die Freitreppe eines repräsentativen Amtsgebäude verarbeitet.

Das Buch versammelt die Dokumente einer Konferenz und versucht sich auf neuestem Forschungsstand, von einprägsamen fotografischen und bildkünstlerischen Illustrationen begleitet, um eine breite Rückschau auf die vielen Facetten eines einstmals blühenden jüdischen Lebens, von dem im Stadtraum des sprachlich wie ethnisch heute beinahe einheitlich litauischen Vilnius nur wenige Einsprengsel übrig geblieben sind, während sich die Litauer selbst unter nach wie vor gespaltenen Erinnerungen noch immer schwer mit dieser Vergangenheit tun und erst allmähliche Anfänge zu deren Aufarbeitung unternommen haben.