Die heile Welt dieses einträchtigen Männerbundes zerschellte an der Einführung des Privatfernsehens. Plötzlich zeigte der Fernsehunterhalter sein hässliches Gesicht. Kaum war RTL auf Sendung gegangen mit "Tutti Frutti" und "Der heiße Stuhl", verwandelte sich das Studio von einem Schutzraum in eine Arena. Aus Kandidaten wurden Opfer, die an den Pranger gestellt und der Schaulust preisgegeben wurden, und der Moderator rettete sich selbst hinter die schützende Bande. Er verschmolz mit dem Publikum, wurde zu einem aus der Menge, die sich an einen Unfallort stellt und sich an Fehlleistungen und Scheitern ergötzt.

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Das Fernsehen wurde zum Austragungsort einer Kulturrevolution. In deren Verlauf fielen die Grenzen zwischen Unterhaltung und Information, Fakten und Fiktionen, Leben und Kunst. Diese Entgrenzung hat zwei komplementäre Typen von Moderatoren hervorgebracht, die zwischen den Fronten durch das schlammige Schlachtfeld waten: den Betroffenheits-Sanitäter, der wie Kerner und Beckmann mit der immergleichen Frage "Wie haben Sie sich dabei gefühlt?" die Verwundeten verbindet, und den Klinik-Clown Oliver Pocher, der lustig an den Mullbinden der Denkverbote und Tabus zupft.

Beide ergänzen sich perfekt in ihrer kathartischen Wirkung. Während die Softtalker für universelle Rührung sorgen, kümmert sich der Saaleinpeitscher um die Triebabfuhr.

Der Unterschied dieser Generation von Fernseh-Entertainern zu ihren altväterlichen Vorgängern besteht darin, dass sie bereits mit dem Fernsehen großgeworden ist, sie wurde durch "Bonanza" und "Dalli Dalli" sozialisiert, nicht von Krieg und Wiederaufbau. Wenn jemand wie die Late-Night-Moderatorin Ina Müller sich für den Deutschen Fernsehpreis mit den Worten bedankt: "Dabei mach ich in meiner Sendung nichts anderes, was ich privat nicht auch mache: sabbeln, saufen, singen", muss man sich nicht wundern, dass es schlecht steht um die Selbstheilungskräfte des Mediums.

Abkehr vom Hedonismus der Popkultur

Dabei ist das Fernsehen nur ein Ort, vielleicht der exemplarische, der aufgrund seiner zunehmenden Selbstbezüglichkeit Vertrauen verspielt hat. Ob in Politik, Wirtschaft oder Kultur - zunehmend regt sich Unbehagen gegen das alerte Profi-Prinzip und jene, die allzu geschickt die Spielregeln ihres Metiers beherrschen.

Längst werden pensionierte Manager reaktiviert, weil man auf ihr Erfahrungskapital zu früh verzichtet hat. Auf dem Theater haben Regisseure wie Jürgen Gosch und Dimiter Gotscheff erstaunliche Alterskarrieren erlebt. Der Zuspruch, den sie finden, bezeichnet auch eine Abkehr vom als frivol empfundenen Hedonismus der Popkultur.

Begonnen hat alles mit dem überraschenden Erfolg der alten kubanischen Musiker vom "Buena Vista Social Club". Es waren nicht nur ihre Melodien, die das Publikum für sie einnahmen, sondern auch ihre Biographien. In einer immer stärker segmentierten Gesellschaft wächst das Bedürfnis nach integrierenden Kräften, Autoritäten, die nicht mit ihrer Karriere identisch sind und Substantielleres zu bieten haben als nur eine perfekte Performance.

Harald Schmidt, selbst im Fernsehen ergraut, hat den Absprung geschafft. "Mehr Inhalt, wen'ger Kunst", heißt es im "Hamlet", und das ist vielleicht das Motto der Stunde.

Am Freitag werden Marcel Reich-Ranicki und Thomas Gottschalk im ZDF über die Qualität des deutschen Fernsehens diskutieren. Über die Reichweite des Gipfeltreffens macht sich Gottschalk indes keine Illusionen: Er glaube nicht, dass sich die Fans von "DSDS" den Termin in den Blackberry tippen, sagt er weise vorab.

Lesen Sie die Kritik der TV-Gesprächsrunde mit Reich-Ranicki und Gottschalk am Samstagmorgen (18.10.) bei sueddeutsche.de.

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(SZ vom 16.10.2008/jb)