Die Wirkung von Marcel Reich-Ranickis Wut-Rede zeigt: Es gibt eine große Sehnsucht nach alten Männern, die kein Blatt vor den Mund nehmen.
Es muss nicht immer gleich der Papst sein, um dem Zeitgeist die Leviten zu lesen, manchmal genügt auch ein Literatur-Papst. Aber dass Marcel Reich-Ranicki genauso wie Benedikt XVI. dafür geliebt wird, wenn er unbequeme Wahrheiten ausspricht, bestätigt, dass es eine große Sehnsucht gibt nach unbeugsamen alten Männern, die es nicht nötig haben, ein Blatt vor den Mund zu nehmen.
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Einer, der weiß, wie es geht und einer, der nur so tut: Die Fernsehschelte des Literaturkritikers Reich-Ranicki wirkt, weil hinter seinen Worten Substanz steckt. (© Foto: dpa)
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Obwohl Reich-Ranicki als Gastgeber des "Literarischen Quartetts" selbst zu einer Fernsehfigur geworden ist, verdankt er seine Prestige eben nicht diesem Medium, sondern seinem jahrzehntelangen Wirken als schreibender Literaturkritiker.
Nur weil er kein Geschöpf des Fernsehens ist, umhüllt ihn der Bildschirm so schützend wie das Oberhaupt der katholischen Kirche dessen gläsernes Papamobil. Seine Fernsehschelte wurde ernst genommen als Donnerworte eines, der nicht Teil des inzestuösen Systems ist.
Zwar hat Reich-Ranicki in seiner "Wut-Rede" über das schlechte Niveau des deutschen Fernsehens nur ausgesprochen, was ohnehin jeder weiß, und doch zeigt sein Auftritt, dass es für die Wirkung von Kritik nicht unerheblich ist, wer sie äußert und in welchem Zusammenhang.
Beispielhaft für den Ansehensverlust des Fernsehens ist der veränderte Stellenwert, den es etwa in den Karrierestrategien von Schauspielern einnimmt. Früher fingen diese auf der Theaterbühne an, bevor sie den Sprung ins Fernsehen schafften. Heute ist das Theater oftmals ein Auffangbecken für Rückkehrer wie Harald Schmidt, der trotz anhaltender TV-Präsenz mittlerweile festes Ensemblemitglied am Stuttgarter Staatsschauspiel ist und dort vom 25. Oktober an mit seinem "Hamlet"-Musical auf der Bühne stehen wird.
Graue Eminenzen des Fernsehens
Häufig erfolgt die Rückwendung zum Theater zu einem Zeitpunkt, da Schauspieler in eine Glaubwürdigkeitskrise geraten sind. Immer dann, wenn die Gefahr droht, dass das Publikum ihrer Omnipräsenz überdrüssig ist, nutzen sie gezielt das Theater, um ihr künstlerisches Profil wieder zu schärfen.
So laut und grobschlächtig das Fernsehen auch sein mag - was das delikate Spannungsverhältnis zwischen Glaubwürdigkeit und Resonanz angeht, ist es hochsensibel. Weil es immer noch das Mainstream-Medium schlechthin darstellt, dient es zugleich als Indikator für Entwicklungen, die sich auch in anderen Bereichen der Gesellschaft abzeichnen. Und eine dieser Entwicklungen besteht in dem Wunsch nach festen Orientierungsgrößen, an denen man sich ausrichten kann. Schließlich müsste ein Mann, der unserer verflüssigten Kultur den Staudamm eines Lese-Kanons entgegengesetzt hat, doch auch auf anderen Gebieten wissen, wo es langgeht.
Marcel Reich-Ranicki verkörpert den untergegangenen Typus einer Zeit, in der Heinrich Böll und Günter Grass das moralische Gewissen der Nation waren und man überhaupt von Kulturschaffenden moralische Vorbildfunktion erwartete. Auch das Fernsehen war damals fest in der Hand grauer Eminenzen - Kulenkampff und Carrell, Thoelke und Fuchsberger, Frank Elstner und Hänschen Rosenthal, jeder von ihnen war eine Instanz der Fernsehunterhaltung.
Ihre grandseigneurale Ära versilberte das deutsche Fernsehen, und seine Moderatoren regierten so unangefochten wie Lehnsherren, die mit größter Noblesse ihre Provinzen verwalteten und nie auf die Idee gekommen wären, ihre Nachbarn zu überfallen.
Denn die Macht zwischen ihnen war streng aufgeteilt: Erik Ode gehörte der Krimi, Ernst Huberty der Sport, Peter Frankenfeld führte die Nation durch den Samstagabend, und Werner Höfer begrüßte sie am Sonntagmorgen zum Internationalen Frühschoppen. Sie machten sich noch fein für ihr Publikum, und nur dem Kollegen vom Sport war es erlaubt, zum Sakko einen Rollkragenpullover zu tragen: Man verstand sich als Gastgeber, immer bemüht, den Zuschauer nach besten Kräften zu bewirten.
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Auch ich habe mich über die Rede RR's gefreut und tue es jetzt noch. Dass RR so ungefähr gewusst hat, was auf ihn zukommt, davon können wir ausgehen. Nur ist es mir völlig egal, warum er seine Nummer trotz seines Vorwissens abgezogen hat.
Machen wir das Leben doch nicht komplizierter als es eh schon ist ! Tatsache ist, er hat es getan und das reicht.
Ich kann es mir wunderbar vorstellen: Als er das Goldene Reh bekam, gab's wahrscheinlich nur mäßigen Blödsinn als Show-Einlage und der alte Burda zeichnet ganz gewiss nicht einen Dieter Bohlen aus..... Aber diesmal lief das Fass einfach über. Dem Cholleriker RR platzte der Kragen. Verständlich. Es ist ja auch der totale Witz! "Deutschland sucht den Superstar" - eine Sendung auf Gossen- Niveau bekommt den Deutschen Fernsehpreis. Dafür kann sich die deutsche Fernsehwelt, insbesondere ihre Intendanten, schämen. WAhrlich: Ein "Blödsinn" !!
Als ich am Montag im ARD-Morgenmagazin und dann auch in der SZ die Wutrede Reich-Ranickis mitbekam, habe ich mich zunächst riesig gefreut. Endlich sprach einer seine Empörung über den Schwachsinn aus, der den TV-Konsumenten tagtäglich vorgesetzt wird.
Doch mittlerweile muss ich meine Meinung revidieren - nicht, weil ich die Kritik nicht teilte, sondern weil ich Reich-Ranickis Auftritt in anderem Licht sehe.
1. So weltfremd kann MRR gar nicht sein, dass er keine Ahnung davon hatte, was ihn an diesem Abend erwartete.
2. Wenn es stimmt, was ich jüngst in der SZ gelesen habe, dass RR schon den Bambi und die Goldene Kamera bekommen hat, dann kann er eigentlich vom Niveau der Verleihung des Fernsehpreises nicht überrascht gewesen sein.
3. Allein die Tatsache, dass Thomas Gottschalk die Sendung moderierte, hätte Warnung genug sein müssen. Man braucht dessen Sendungen nicht zu kennen (ich habe noch nie eine gesehen). Aber das, was man darüber zu lesen bekommt oder in Vorschau-Trailern erlebt, reicht doch völlig aus, um zu wissen, dass Gottschalk nicht der Protagonist anspruchsvoller TV-Programme ist.
4. Der "Rote Baron" hat völlig recht, wenn er feststellt, dass Reich-Ranickis Kritik nicht besonders ernst zu nehmen ist, wenn er sich auf einen Plausch mit Gottschalk einlässt, um diese Kritik zu vertiefen.
5. Sinn gemacht hätte eine Diskussion mit den TV-Intendanten über die "Qualität" dessen, was uns tagtäglich im Fernsehen geboten wird. Davon wollen jedoch die Intendanten nichts wissen. Und RR besteht offensichtlich nicht darauf. Richtig spannend hätte eine solche Diskussion werden können, wenn sie von einem kritisch hinterfragenden Journalisten (vielleicht Frank Plasberg) moderiert würde. Und wenn den Part des TV-Kritikers nicht nur RR übernommen hätte, der den Schwachsinn nur an einem Abend mitbekam, sondern auch einer (wie Christopher Schmidt), der die vielen Tiefen und die wenigen Höhen des Fernsehens aus dem ff kennt.
allerdings ist Fernsehen das, hat es das zu sein, das Hauptmedium für alle Strömungen. Seit der Kulturrevolution der Privaten bedienen die ungeniert nach dem Geschäftsmodell: Kleinvieh macht (auch) den meisten Mist, den Größten, Längsten den Hauptstrom, das Normale, das was am häufigsten vorkommt, die doofe Masse Bah! Darf man ja nicht sagen. Quotenfixiertheit à la für einen Lacher (egal von wem, Hauptsache von Vielen) sterben sind zentrale Inhalte des Credos von Ferseh-Schaffenden 2000.
Da die Welt nun mal so sei, Stau auf der Gegenfahrbahn, dürfe man, nein, müsse man sie und ihren beschissenen Voyeurismus, frivolen Popkultur(?)-Hedonismus auch maximal-profitabel bedienen. Aber wer bedient die anderen Ströme? Die Öffentlich Rechtlichen etwa?
Hat nicht schon lange vor den Privaten Wolfgang Neuss den schleichenden Zeit-Un-Geist erkannt, als er verkündete: Der neue Wert: Niedrige Einschaltquoten: Je weniger zugucken, um so edler die Sendung. (Mehr Botschaft vom Kastenmedium fordern), und hat nicht erst kürzlich der untergegangene Typus, die graue Eminenz einer grandsenieuralen Ära, Bob Dylan darauf hingewiesen, dass nur wer die Vergangenheit der Musik hat, auch eine Zukunft erwarten darf.
Reich-Ranicki, Robert Zimmerman, Wolfgang Neuss, alles Verrückte? Sie kommen mir vor wie Don Quixotes in einer wahnsinnigen Welt 2000, die nach mehr als vierhundert Jahren die Worte seines Autors Miguel de Ceruantes Saauedra immer noch fast so brennend aktuell wie wirkungslos(?) wiederholen: Sich Träumen hinzugeben mag verrückt sein; Wertvolles zu suchen, wo nur Müll ist... Aber das aller Verrückteste ist zu sehen, wie das Leben ist und nicht, wie es sein sollte."
Wenn Fernsehen 2000 Letzteres nicht realisieren und transportieren kann oder will, dann hat es keine Zukunft mehr.
@Iphikles: Ja, auch apodiktisch, Gerne!
und ich will niemanden bei seiner schulmeisterhaften Be- oder auch Verurteilung desselben stören. Aber findet es keiner von Ihnen befremdlich, dass gerade dieser alte Mann kein Blatt vor den Mund nimmt? Er, der seine Karriere und seinen Bekanntheitsgrad dem ach so schändlichen Fernsehen verdankt? Ohne Fernsehen und seine diversen Auftritte in Shows, also bei isolierter Betrachtung seiner "Kerntätigkeit" stellt sich die Frage:Wo wäre dieser Mann heute?
Er kommt kaum dazu ein Werk wirklich zu interpretieren, vor lauter Schwelgen in Affektionen darüber.
Seine Kritik erschöpft sich in apodiktischen Endurteilen.Und nun spielt er sich auf als letzter Leuchtturm der aufgeklärten Menschheit, obwohl er schon längst Teil der von ihm als Unsinn gescholtenen Maschinerie ist.
Ein Widerspruch in sich.
... und deshalb stempeln sie mit ihren Säulenbeinen in die Landschaft riesige Debattenlöcher, in deren Schmutzwasserpfützen zarte Lebewesen wie "Argumentation" und "Kunst der Diffenrenzierung" elend absaufen. "Alte Männer sind gefährlich - ihnen ist die Zukunft egal". Das meinte der uralt gewordene Aphoristiker George Bernard Shaw gewiß satirisch - und mischte dennoch munter mit, ohne freilich "Good King Charles Golden Days" zu verklären. Den Drehbuch-Oscar hat Shaw mit 82 nicht abgelehnt.
Back to Methusalix?! Her mit der Gerontokratie?? Eher schon "The last spring of the old lion" (Shaw). Die große Sehnsucht nach despotisch sich gerierenden alten Männern halte ich für ein Gerücht, zumal sie es zunehmend verstehen, ihre Reputation durch übergroße Lautstärke, sagenhaft schlechte Manieren und (am schlimmsten) Pauschalurteile zu ruinieren. Wer möchte schon den Paternalismus des Konrad Adenauer zurück: "Jetzt sind Sie mal still!"
Wenn schon einen Papst als Leitfigur, dann aber bitte Giovanni Roncalli alias Johannes XXIII.: "Giovanni, nimm Dich nicht so wichtig" (Hörst Du, Giovanni?!)
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