Christopher Nolan enthüllt seine filmischen Finten und Obsessionen, sein Ringen mit der eigenen Inspiration.
Er ist der Meister der filmischen Illusionen, sein erfolgreichster Film "Memento" ist ein verblüffender Kino-Kartentrick par excellence. Mit seinem neuen Film "Prestige" hat er sich definitiv in die Welt der Magie vertieft.
Christopher Nolan am Set von "Prestige" (© Foto: Warner)
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SZ: Ein Filmregisseur, der eine Geschichte aus der Welt der Zauberkünstler erzählt - redet der nicht zwangsweise auch von seiner eigenen Kunst aus Täuschen, Tricksen und Illusion?
Christopher Nolan: Absolut. Und wie diese Zauberkünstler sind auch wir Regisseure auf ein williges Publikum angewiesen, das bereit ist, sich täuschen zu lassen und das Spiel mitzuspielen - obwohl klar ist, dass nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Die Verwandtschaft dieser beiden Welten stellt aber auch ein Problem dar, wenn man versucht, einen Zaubertrick abzufilmen und auf die Leinwand zu bringen. Das Kino kann alles möglich machen, vom simplen Trick in der Kamera bis zu hochgezüchteten Spezialeffekten. Wie soll ein Zauberer da noch beweisen, dass er wirklich gut ist?
SZ: Offensichtlich haben Sie eine Antwort gefunden.
Nolan: Unsere Antwort war, die Geschichte selbst in eine Art Zaubertrick zu verwandeln. Es geht also nicht so sehr um die Magie auf der Bühne, die aus dem viktorianischen England stammt und ohnehin von einer vergangenen Epoche erzählt. Vielmehr wollten mein Bruder Jonathan und ich, als wir das Drehbuch in Angriff nahmen, einige Täuschungen und Finten für das Publikum in der Hinterhand behalten. Wie Michael Caine in der Rolle des alten Zauberers Cutter einmal sagt: Erst im dritten Akt zeigt sich der wahre Magier, und dann sieht der Zuschauer hoffentlich etwas Besonderes, das er noch nie zuvor gesehen hat. Darum geht es doch im Kino, oder nicht? SZ: Wohl wahr. Doch je weiter die Filmgeschichte voranschreitet, desto schwerer wird es doch, diese nie gesehenen Tricks zu erfinden. Der Druck, sich stets selbst zu übertreffen, bringt auch Ihre Zauberkünstler um den Schlaf ...
Nolan: ... und halb Hollywood um den Verstand. Ja, diese Idee des Showgeschäfts, dass man immer besser, größer und aufregender sein will als sein Vorgänger, das ist ein ewiger Kampf, der gilt für das heutige Filmgeschäft genauso wie für die Zauberkünstler der Vergangenheit, die in ihrer Zeit ja auch gigantische Stars waren. Als Regisseur kämpfe ich dabei weniger gegen direkte Rivalen, die kenne ich nicht und die sehe ich auch kaum. Es ist eher ein Ringen mit den jeweiligen finanziellen Möglichkeiten und auch mit der eigenen Inspiration. Aber wenn man nicht wenigstens den Anspruch hat, dem Kino etwas Neues und Eigenes hinzuzufügen, könnte man ja auch einfach alte Filme anschauen.
SZ: Der Wunsch, die ultimative Illusion zu schaffen, treibt Ihre Magier in die Selbstzerstörung. Wo ist für Sie die Grenze zwischen Ambition und Obsession?
Nolan: Genau um diese Grenze geht es. Ambition an sich ist ja nichts Schlechtes, im Gegenteil. Es war zum Beispiel immer mein Ziel, einmal einen richtig großen Film zu machen. Dann durfte ich "Batman Begins" realisieren und fühlte danach tatsächlich eine gewisse Erleichterung, nach dem Motto: Das wäre erledigt, was soll jetzt noch kommen? Ich bin obsessiv in meiner Arbeitsweise als Filmemacher, das würden meine Frau und meine Freunde sofort bestätigen. Manchmal kann ich nicht von meinen Ideen ablassen, und darunter leiden dann viele andere Dinge. Aber ich hoffe doch, dass ich gewisse Grenzen einhalte, dass mein Blick auf die Welt um mich herum nicht völlig verzerrt ist.
SZ: Mittlerweile erkennt man auch Themen, zu denen Sie immer wieder zurückkehren: Schuld zum Beispiel ...
Nolan: Das ist wahr, aber erwarten Sie jetzt keine psychologischen Enthüllungen aus meiner Kindheit! Nein, beim Gefühl der Schuld geht es mir um diesen sehr interessanten Zustand, wenn tiefere Gefühle die offensichtlichen Intentionen eines Helden unterminieren, wenn er seine Achillesferse offenbart, wenn seine Wahrnehmung der Realität extrem subjektiv wird, man könnte auch sagen fehlerhaft, wenn sich eine Differenz auftut zwischen seiner eigenen Welt und der Welt um ihn herum. Schuld ist also ein tolles erzählerisches Hilfmittel. Darauf gründet zum Beispiel das Genre des Film noir, das ich seit jeher faszinierend finde.
Gleich nach den Schuldgefühlen kommt dann der Wunsch nach Rache. Rache ist ein besonders kinotaugliches Konzept. Allerdings auch eines, das unheimlich oft schon missbraucht wurde. In meinem Film "Memento" zum Beispiel habe ich einen bewusst ironischen Zugang dazu gewählt: Der Held ist ein Kinorächer im beinah klassischen Sinn, nur vergisst er dauernd, an wem er sich eigentlich rächen will. In "Prestige" ist Rache zwar der Ausgangspunkt für den Krieg zwischen den beiden Magiern, aber es ist recht schnell klar, dass sich die Sache verselbständigt - zur obsessiven Rivalität, zum Hass auf den Gegner.
SZ: Am Ende kann diese Rivalen nichts mehr zufriedenstellen... Liegt hinter jedem durchschauten Trick eine abgrundtiefe Enttäuschung?
Nolan: Das ist die große Angst, nicht wahr? Diese Angst treibt den Film an. Mein Bruder hat diese kleine Schlussansprache für den Magier Angier geschrieben, den Hugh Jackman spielt - und es erscheint mir sehr treffend: Dass nämlich alles auf der Welt sehr banal und blass wird, wenn man das Geheimnis mal durchschaut hat, wenn das Mysterium gelüftet ist. Sollte das wirklich alles gewesen sein? Was für ein schrecklicher Gedanke! Es liegt also an uns, wieder ein Geheimnis daraus zu machen und Geschichten drumherum zu erfinden. Wir müssen unsere eigenen Zauberkünstler und Entertainer sein. Genau das ist der Grund, warum ich Filme mache.
(SZ vom 4.1.2007)
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