Regisseur Ulrich Seidl bei der Berlinale Eine ganz besondere Zärtlichkeit

Filmregisseur Ulrich Seidl hat seine Karriere als Dokumentarfilmer begonnen.

(Foto: Getty Images)

Erst "Liebe" und "Glaube", jetzt "Hoffnung": Im Wettbewerb der Berlinale läuft der dritte Teil der "Paradies"-Trilogie von Ulrich Seidl. Der österreichische Regisseur ist der Gegenpol seines erfolgreichen Landsmanns Michael Haneke.

Von Fritz Göttler

Hartgesottene Cineasten können schon in Verzückung geraten bei diesen Filmtiteln, dem großen Publikum mögen sie eher absonderlich und provokant vorkommen: "Tierische Liebe", "Models", "Hundstage", "Jesus, du weißt". Es sind Filme, in denen Ulrich Seidl seit den Neunzigern testet, was möglich ist im Kino, wie viel Wirklichkeit dort verträglich und wie viel Tabubruch nötig ist - in der peinlichen, rückständigen, engstirnigen Wirklichkeit Österreichs, wo er seine Filme dreht, in der monströsen Dschungelcamp-Gegenwart.

Seidls Kino bildet gewissermaßen den Gegenpol zu dem seines Landsmanns Michael Haneke, dem erfolgreichsten österreichischen Filmemacher derzeit, der für seinen neuesten Film "Amour/Liebe" im vorigen Jahr alle möglichen Preise abgeräumt hat und nun mehrfach für den Oscar nominiert ist. Wo Haneke auf großbürgerlichem Niveau seine Zuschauer traktiert, treibt es Ulrich Seidl mit den Kleinbürgern und Proleten - aber ebenso stilvoll und ästhetisch subtil wie sein Kollege.

Auch für Seidl war das vorige Jahr aufregend und, auf seine Weise, erfolgreich. Er hat von seiner Filmtrilogie "Paradies" den ersten Teil ("Liebe") auf dem Festival in Cannes gezeigt, und den zweiten ("Glaube") in Venedig - und nun wird im Wettbewerb der Berlinale an diesem Wochenende der dritte laufen: "Hoffnung". Es geht tatsächlich um Vorstellungen vom Paradies in diesen Filmen, dem tatsächlichen, in der Religion verheißenen, und den zahlreichen Ersatzparadiesen, wie die moderne Gesellschaft sie uns ausmalt - und die sind aberwitzig und schrecklich spießig.

Anklage wegen Blasphemie

Frauen aus Österreich, die auf "Comfort Safari" in Kenia einen schwarzen Loverboy an ihre Seite holen ("Liebe"). Eine einsame Frau, die mit einer Wandermuttergottes durch die Viertel zieht und versucht, Leute am Rande der Gesellschaft - Immigranten! - zu missionieren, mit Körpereinsatz, im Clinch. Und sich zu Hause geißelt für ihre eigene Unfähigkeit, die Menschen zu ändern ("Glaube"). Nach der Aufführung in Venedig bekamen Seidl und seine Mitarbeiter - unter ihnen die Schauspielerin Maria Hofstätter, die Produzenten und der Festivalleiter - eine Anklage angehängt. Wegen Blasphemie.

Ulrich Seidl, Jahrgang 1952, in Wien lebend, hat als Dokumentarfilmer begonnen, "Hundstage" war 2001 sein erster Spielfilm - aber auch diese Spielfilme sind alle an Originalschauplätzen gedreht, und gelernte Schauspieler treten mit Laien gemeinsam vor die Kamera. Von Geringschätzigkeit oder Verachtung keine Spur - gerade in der Weigerung, den Blick abzuwenden, liegt eine ganz besondere Zärtlichkeit.

Die "Paradies"-Trilogie ist ein Familienwerk, die einzelnen Figuren gehören verwandtschaftlich eng zusammen. In "Hoffnung" geht es nicht um Sextourismus oder Religion, sondern um Übergewichtigkeit und ein Diätcamp - und die Liebe, die ein übergewichtiges Mädchen dort findet. Seidls Werk ist eine kleine Enzyklopädie des Überlebens in der modernen Gesellschaft.

"Paradies Liebe" von Ulrich Seidl Ein schönes, böses Meisterwerk

Der österreichische Filmemacher Ulrich Seidl packt gerne Themen an, über die keiner reden will. In seinem Film "Paradies Liebe" geht es um Sextourismus von Frauen. Im Mittelpunkt steht Theresa, die nach Kenia fährt, um sich dort die Liebe zu erkaufen, die sie zu Hause nicht mehr finden kann.

(Video: Süddeutsche.de, Foto: Seidl Film)