Regisseur Roland Klick Genau so

Jeder Film eine Frage auf Leben und Tod: Doris Dörrie über das Werk des legendären deutschen Regisseurs Roland Klick und dessen Vorbildcharakter.

Von Doris Dörrie

Verehrter Roland Klick, ich hoffe, alle hier heute Abend kennen Ihre Filme. Ich bin sicher, sehr viele kennen sie. Und wer sie nicht kennt, sollte sie sich schleunigst anschauen. Es sind vier Kurzfilme, sechs Spielfilme und ein Dokumentarfilm. Insgesamt. Gar nicht so viele. Der letzte von 1989. Wenn man sich so viele Jahre später immer noch an Ihre Filme erinnert, muss etwas an ihnen dran sein.

Vor jedem Film, den ich selbst mache, schaue ich mir Ihre Filme an. Und deshalb muss ich zunächst kurz über mich reden.

1975 kam ich aus den USA nach München an die Filmhochschule. Im Kino liefen Filme wie "Der weiße Hai", "Der Pate II", "Szenen einer Ehe", "Die verlorene Ehre der Katharina Blum", "Angst über der Stadt", "Lina Braake", "Nachtblende". Das Angebot war also relativ breit gefächert, und dennoch fand ich mich in keinem der Filme wieder, hatte ich das diffuse Gefühl, dass in all diesen Filmen etwas "nicht ganz stimmte", konnte aber nicht genau benennen, was ich eigentlich vermisste. Da sah ich in einer Spätvorstellung im Türkendolch oder in der Lupe oder im Eldorado, auf jeden Fall in einem der Kinos, die es nicht mehr gibt, "Supermarkt" von Ihnen - und es machte klick.

Saudummer Kalauer, ich weiß. Aber es ging mir so sehr das Herz auf, wie man es sich immer und immer im Kino wünscht - und wie es so selten nur geschieht. Plötzlich stimmte alles. Alles hatte eine tiefe Wahrheit. Der Film erzählt ganz sicherlich nicht meine Welt, aber ich rannte mit Charlie durch die Straßen Hamburgs, ich fühlte seine Verzweiflung, sein Elend, aber auch seine Gier aufs Leben, seine brutale Zärtlichkeit. Das war eine fast körperliche Erfahrung, die ich da im Kino hatte. So wie nachts auf der Autobahn, gute Musik, den Kopf aus dem Fenster in den Fahrtwind halten und laut schreien ... Ich war hingerissen und dachte immer nur wieder: So, genau so. Und da heute Abend hier so viele Regisseure anwesend sind, müssen wir uns doch vielleicht auch alle fragen, warum machen wir nicht Filme wie Sie? So, genau so?

„Wir brauchen Ihre Filme heute mehr als je zuvor, scheint mir.“ Szene aus Roland Klicks Film „Bübchen“ (1968).

(Foto: Filmgalerie 451)

Sie haben für mich so eine Art persönlichen "Roland Klick Shit Detector" aufgestellt, den ich seither befrage. Dieser Shit Detector ist erbarmungslos. Er fragt immer wieder: Ist das der Film, den du wirklich machen willst? Machst du ihn so, wie du ihn wirklich machen willst? Bist du bereit, dich wirklich auf deine Figuren einzulassen - oder filmst du nur das ab, was du sowieso schon weißt?

Diese Frage ist der Knackpunkt, und die Radikalität, mit der Sie, Roland Klick, alles Vorwissen, jedes Vorurteil, jede Vorstellung von einer Figur und ihrer Geschichte immer wieder aufgegeben haben, ist so schwer nachzuahmen, denn sie fordert einen hohen Preis - dass man am Ende vielleicht nicht weiterarbeiten kann. Dass jeder Film eine Frage auf Leben und Tod wird. Das ist schwer auszuhalten. Das halten wir nicht aus. Aber dieses Aufgeben von vermeintlichem Wissen, von Konzepten und Vorstellungen in der Annäherung an die Figuren, scheint mir der Schlüssel zu Ihrem Werk zu sein und dafür, dass es so irre modern ist, immer noch so stimmt. So wahr ist. Und uns so ergreift.

Sie haben dafür eine klare Arbeitsanweisung an sich selbst formuliert: "Realität ist Offenbarung." Und Sie sagen: "Ich habe mir fest vorgenommen, keinerlei reflektorische Vokabeln in einem Film fallen zu lassen, sondern alles, was ich zu sagen habe, über ein Milieu, durch Gegenstände, durch Kleidung oder durch Handlungsabläufe zu sagen, also durch Dinge und Action sichtbar zu machen. Das ist die Arbeit, die zu leisten ist. Punkt."

"Filme sehen deutsch aus, weil sie das Risiko des Unbekannten nicht eingehen wollen."

Ihre Filme haben nie deutsch ausgesehen, sondern amerikanisch. Groß. "Filme sehen deutsch aus, weil sie das Risiko des Unbekannten nicht eingehen wollen", haben Sie gesagt.

Show, don't tell, sagen die Amerikaner. Let the ten thousand things come towards you, sagt Zen-Meister Dogen aus dem 13. Jahrhundert. Aber kaum jemand wollte ihre Art, sich radikal dem Nichtwissen zu stellen, mitmachen, also brachten Sie sich mit jedem Film an den Rand der eigenen Vernichtung. Man warf Ihnen zwar Bundesfilmpreise nach noch und noch, aber kaum jemand hatte vorneweg den Mut, den Weg der Offenbarung durch die Realität mitzugehen. Denn da muss man warten, da braucht man Geduld und Zärtlichkeit, da riskiert man, dass die Realität am Ende etwas ganz anderes offenbart. Da ist also ein Risiko. Ein großes Risiko. Sie waren immer ein Risiko. Selbst Bernd Eichinger verließ der Mut und das Vertrauen bei "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", weil Sie darauf bestanden, den gecasteten Kindern erst einmal wirklich nahzukommen, ihre Seelen zu ergründen, bevor sie sie vor die Kamera stellten.

Cowboy vs. Gartenzwerg

Vielleicht war der Sündenfall des deutschen Kinos jener Moment, in dem Bernd Eichinger seinen Freund Roland Klick als Regisseur von "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" feuerte und stattdessen seinen anderen Kumpel Uli Edel auf dem Regiestuhl installierte. Klick hatte das Drehbuch schon geschrieben, auch mit dem Casting begonnen, aber in letzter Sekunde entschied Eichinger, dass dies nicht der Film war, den er machen wollte. Nur: Edel statt Klick, das war eine Entscheidung fürs TV-Movie und gegen das Kino. Eine Mentalität, die sich bis heute in einem gewissen Gartenzwergkomplex des deutschen Kinos bemerkbar macht, das doch locker auch das Potenzial zum echten Cowboy gehabt hätte. Und wenn damals jemand das Cowboy-Gen in sich trug, dann war das Roland Klick. "Bübchen", "Deadlock" und "Supermarkt", er hatte in den Sechziger- und Siebzigerjahren etwas ziemlich Unerhörtes getan: Er hatte tolle deutsche Autorenfilme gedreht, ganz ohne den sadomasochistischen Ansatz mancher Kollegen, die Zuschauer unbedingt zu Tode langweilen zu wollen. Die Welten, die er zeigte, waren bevölkert von Typen, die eine deutliche Verwandtschaft zu James Dean und Clint Eastwood aufwiesen. Seine Filme sind bei der Filmgalerie 451 auf DVD erhältlich, sie zeigen, was für ein "Bahnhof Zoo" das auch hätte werden können. David Steinitz

Sie sagen: "Film ist eine Liebeserklärung. Wenn ich nicht liebe, läuft meine Kamera nicht." Noch so ein Shit-Detector-Satz: Wie oft lassen wir unsere Kameras ohne Liebe laufen? Wie oft? Sie machen es einem so schwer, Herr Klick! Das ist alles so mühsam, so schmerzhaft, so teuer, so anstrengend. Warum so schwer, wenn man es auch leicht haben kann? Man kann dann sogar mehr Filme machen als Sie, warum also? Tja.

"Weil es um die innere Wahrheit geht beim Filmemachen", sagen Sie. Und nicht um die perfekte formale Oberflächlichkeit, die keine Tiefe zulässt, und auf die wir uns so gern einigen, weil sie uns in Ruhe lässt, weil sie den Schmerz so hübsch verhüllt. Wir brauchen Ihre Filme heute mehr als je zuvor, scheint mir. Sie sagen: "Ich sehe fern und sehe keine Wahrheit. Wenn man von den Menschen erzählt, muss man ihnen ein Geheimnis lassen. Nur, wo ein Geheimnis ist, kann der Zuschauer seine eigene Fantasie hineinprojizieren. Das mag das Fernsehen nicht. Wir killen den Zuschauer, wenn wir das Geheimnis töten, den Raum für den Zuschauer. Das sind dann 'Krankenkassenfilme mit Behindertenrabatt'." Ihre Worte, Mr. Shit Detector.

Noch einmal zu Ihrer Methode, die innere Wahrheit zu ergründen und mit ihr filmisch zu erzählen: Ihr zweiter Kurzfilm "Ludwig" ist bis heute Ihr eigener Lieblingsfilm. Er spielt in einem kleinen fränkischen Dorf, sehr ähnlich dem Ort, wo Sie einen Teil Ihrer Kindheit verbracht haben. Die Entwicklung des Drehbuchs verlief folgendermaßen: "Ich traf auf meinen Besuchen in Franken einen alten Schulkameraden, der immer der Klassendepp gewesen war. Dem war in den letzten Kriegstagen die einzige Granate, die in dieser Gegend explodiert war, auf die Füße gefallen, dadurch hatte er einen Knickfuß. Er arbeitete beim Kanalbau und dort war er immer noch der Depp. Es war für mich nicht schwer nachzufühlen, dass es scheiße ist, immer der Depp zu sein. In meiner Kindheit war ich als Flüchtlingskind auch immer ein bisschen der Depp gewesen, irgendwie bestand da so eine Solidarität der Deppen. Wir sind dann mit einem Kasten Bier zum Steinbruch gefahren und haben aus dem Stegreif Szenen gespielt. So ist das Drehbuch entstanden."

Die innere Wahrheit des Filmemachers. Sie sind immer als Außenseiter bezeichnet worden, Sie selbst haben dazu gesagt: "Ich hab mich nicht als Außenseiter gefühlt, ich war drin, und die anderen waren draußen." Aber ich wage mal die Annahme, dass neunzig Prozent aller hier anwesenden Regisseure sich als Außenseiter bezeichnen würden. Und vielleicht sind auch viele immer ein bisschen der Depp gewesen. Vielleicht gehört das für unseren Beruf sogar dazu. Aber eben auch der unbedingte Wille, sich mit anderen Deppen zu verbinden, und die Einzigartigkeit jedes Einzelnen im Film sichtbar zu machen. Die Solidarität der Deppen.

Ein Film ist, wie Sie sagen, immer die Bearbeitung der eigenen Probleme, man muss Bezug zur eigenen Seele nehmen. "Das Hiersein mit all dieser Wut, der Enge und dem Kampf, der Sehnsucht, und mit der Aura, die so gern die Welt umspannen möchte." Yep. All das spürt man schon in Ihrem zweiten, kurzen, kleinen, großen Film. Neid!

Oh, wie neidisch sind wir Regisseure ... eine kurze Episode zu Neid und Missgunst. Sie waren 1971 mit Ihrem zweiten Spielfilm "Deadlock", der unter unvorstellbaren, also nach Klick'schen Maßstäben normalen Schwierigkeiten - und wie immer dramatisch unterfinanziert - am Toten Meer gedreht worden war, nach Cannes in den Wettbewerb eingeladen. Sie stiegen freudig ins Flugzeug, und als Sie in Cannes ankamen, eröffnete man Ihnen, Ihr Film sei wieder ausgeladen worden. Eine Delegation deutscher Filmemacher war eilig nach Cannes gereist und hatte den damaligen Chef des Festivals überredet, "Deadlock" wieder aus dem Wettbewerb zu nehmen, da er nicht dem Geist des Neuen Deutschen Films entspreche. Und so geschah es.

So viel zu uns als Kollegen. Alle waren bestimmt zutiefst davon überzeugt, mit dieser Tat den deutschen Film zu retten. Ich würde zu gern wissen, wer genau in dieser Delegation war ... Auf jeden Fall kamen Sie in Cannes an - und Ihr Film lief nicht mehr im Wettbewerb, sondern nur noch in einer eilig programmierten Sondervorstellung, von der kaum einer wusste, und die dann wegen eines Wolkenbruchs buchstäblich ins Wasser fiel. Kann man sich diese Enttäuschung, diese Verletzung, diese Niederlage vorstellen? Wie macht man danach weiter?

"Ihren Arbeitsansatz möchte ich auf die Kopfkissen fast aller Fernsehredakteure sticken."

Sich als Außenseiter und Depp fühlen ... Im Film spielt der blutjunge Otto Sander den Dorfdeppen. Nichts wird erklärt, nichts ausgestellt. Alle Figuren sind vollkommen physisch präsent und erzählen sich allein durch ihre Aktionen. Wieder Sie: "Wer Figuren sympathisch macht, um sie sympathisch zu machen, kann sie nicht lieben." Diesen Satz möchte ich auf die Kopfkissen fast aller Fernsehredakteure sticken. Persönlich und in Kreuzstich. Aber auch auf mein eigenes. Wie oft sind wir versucht zu glätten, zu schönen, damit die Figur besser "rüberkommt". Das ist das Gegenteil von innerer Wahrheit.

Wie machen Sie das am Drehort? Sie wollten nie der Dompteur sein, nicht herrschen, sondern den Dingen eine Chance geben, aus sich selbst heraus hervorzutreten. Sie sehen in der Anarchie, der Nichtherrschaft, die Möglichkeit, dass alles zu seiner eigenen, inneren Ordnung findet. Nicht in der Beherrschung des Schauspielers liegt also Ihr Geheimnis, sondern in der Anverwandlung, damit er seine eigene innere Ordnung findet und für uns damit wahrhaftig wird.

Für diese Arbeitsmethode muss man den Widerspruch zulassen. Die Dissonanz in den Figuren als den Motor der Geschichte begreifen. "Der Regisseur", so sagen Sie, "ist immer in einer elitären Position, also ist es immer auch Ausbeutung. Deshalb müssen wir mit unseren Geschichten denen zurückgeben, von denen wir ursprünglich unsere Geschichten haben. Das ist das Publikum." Dafür sind Sie eine Zeit lang schwer angefeindet worden. Man hat Sie als kommerziellen Filmemacher bezeichnet, damals wie heute für manche ein wüstes Schimpfwort. Um den Kommerz, das Produkt, ging es Ihnen aber nie, sondern eben um die Wahrheit. "Ehrlichkeit ist für mich die Luft zum Atmen." Wahrheitssucher, das sind Sie. Ganz so, wie es Leonardo da Vinci gesagt hat: Der Künstler hat nur eine Aufgabe, den Menschen und die Absicht seiner Seele darzustellen.

Verehrter Roland Klick, ich danke Ihnen für Ihre Arbeit und Ihre Filme - und für meinen persönlichen Roland Klick Shit Detector.