Rechtsradikalismus in den USA Der abtrünnige Sohn von Amerikas Ultrarechten

Derek Black lebt heute an einem unbekannten Ort in den USA.

(Foto: The Washington Post/Getty Images)

Vom Neonazi zum Liberalen: Derek Black wächst in einer der prominentesten rechtsextremen Familien Amerikas auf - bis er sich öffentlich von ihr lossagt.

Von Johanna Bruckner, New York

Mit 13 Jahren bekommt Derek Black die ersten Hass-Mails. "Du wirst in der Hölle schmoren", steht in einer der harmloseren. Es gibt auch andere: "Ich wünschte, du wärst gerade im selben Raum wie ich, dann müsstest du durch einen Strohhalm essen, du minderwertiger Dreckskerl!" Dereks Vater Don macht sich Sorgen um seinen Sohn, doch der beruhigt ihn: Diese E-Mails kämen offensichtlich vom Feind, warum sollte ihn kümmern, was der über ihn denke?

Der Feind, das sind für den jugendlichen Derek die politischen Gegner seiner Familie. Sein Vater Don betreibt mit Stormfront seit Mitte der Neunzigerjahre die größte Webseite für selbsternannte White Nationalists in den USA, außerdem moderiert er fünf Mal in der Woche eine politische Radioshow. White Nationalists - "weiße Nationalisten" - die Bezeichnung ist strategisch gewählt, ein Kampfbegriff, der helfen soll, Blacks Gedankengut einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, die sich von anderen Schlagworten abgeschreckt fühlen könnte. So wie White Supremacists, das die Überlegenheit der weißen Rasse behauptet. Oder einfach "Neonazis". Tatsächlich aber gehört die Familie Black nicht nur zur rechtsradikalen Szene in den USA, sie steht in deren Zentrum.

Derek gilt in der Szene als "First Child of American white nationalism". Für seinen Vater Don ist er Erbe und Hoffnungsträger. Ein Junge, der sich von Hassmails nicht eingeschüchtert, sondern angespornt fühlt? Der hat das Zeug zum Anführer.

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Heute ist Derek Black 27 Jahre alt und er besitzt - so weit sich das von außen sagen lässt - eine ungewöhnliche innere Stärke. Nur dass er sie nicht mehr nutzt, um für die Sache seines Vaters zu kämpfen. Derek Black hat mit seinem früheren politischen Weltbild gebrochen. Und er hat sich damit zwangsläufig auch von seiner Familie entfernt, in der Politik nicht einfach nur ein Thema am Abendbrottisch war: Der Glaube an die Ideen des White Nationalism hält die Familie Black im Innersten zusammen.

Derek Blacks Geschichte ist in einem jüngst in der Washington Post erschienenen Porträt nachzulesen. Er lebt heute an einem unbekannten Ort in den USA und besitzt keine öffentlich auffindbaren Social-Media-Profile. Personen, die mit ihm in Kontakt stehen oder standen, halten sich bedeckt. Wohl zum Schutz des Aussteigers, dessen Geschichte beinahe unglaublich klingt. Der junge Mann, auf dem einst die Hoffnungen von Amerikas Ultrarechten lagen, ist übergelaufen. Heute schreibt Black Gastbeiträge für liberale Zeitungen wie die New York Times. Er ordnet für das linke Amerika zum Beispiel die Geschehnisse von Charlottesville ein und erklärt, warum es brandgefährlich ist, wenn der US-Präsident behauptet, dass unter gewaltbereiten Rassisten auch "gute Leute" seien.

Wenn Black in der New York Times über die Strategien schreibt, mit denen es White Nationalists geschafft haben, ihr rassistisches Gedankengut in die Mitte der amerikanischen Gesellschaft zu tragen, dann mag das nicht gänzlich neu sein. Aber es bekommt eine besondere Glaubhaftigkeit und Dringlichkeit - denn Derek Black hat sich in seiner Jugend genau solche Strategien ausgedacht.

Anfänge: Hineingeboren in eine der prominentesten rechten Familien Amerikas

Ein Podcast-Interview mit dem New-York-Times-Journalisten Michael Barbaro beginnt Derek mit den Worten: "Ich wurde in eine der prominentesten rechten Familien des Landes hineingeboren." Er sagt das ruhig, unaufgeregt - wenn Derek von seiner Kindheit und Jugend erzählt, hat das mitunter fast dokumentarischen Charakter. Er lässt nichts aus, beschönigt nichts. Aber er rechtfertigt sich auch nicht. Er mache sich nicht jeden Tag selbst fertig wegen dem, was gewesen sei, erklärt er an einer Stelle. Er könne mit sich selbst leben.

Dereks Vater Don lernt seine spätere Frau Chloe in den Siebzigerjahren bei einem Treffen der "White Youth Alliance" in seiner Heimat Alabama kennen. Chloe ist damals noch mit David Duke verheiratet, dem Gründer der rechtsradikalen Studentenorganisation. Duke trägt in der Öffentlichkeit Nazi-Uniform und begeht mit Gleichgesinnten den Geburtstag von Adolf Hitler. Später steigt er zur führenden Figur des Ku-Klux-Klans auf - stets an seiner Seite ist sein Freund Don Black. Beide wirken zeitweise als "Grand Wizard", der höchste Rang innerhalb des Klans. Als 1989 Derek zur Welt kommt, bitten seine Eltern David Duke, Patenonkel zu werden. Duke ist zugleich der Vater von Dereks Halbschwestern Erika und Kristin.

Dereks Familie zieht nach West Palm Beach, Florida. In der Nachbarschaft wohnen Einwanderer aus Guatemala und jüdische Rentner. Vater Don gefällt das nicht, aber er fügt sich dem Wunsch seiner Frau, die näher bei ihren Eltern leben möchte. Als der Vater aber mitbekommt, dass der schwarze Lehrer seines Sohnes den umgangssprachlichen Ausdruck "ain't" verwendet, nimmt er seinen Sohn von der Schule - und unterrichtet ihn von nun an selbst. Nationalismus und weiße Überhöhung werden zum Hauptbestandteil seines Stundenplans.

Der Vater bringt seinem Sohn das Programmieren bei - er selbst hatte einst seine Computerkenntnisse im Gefängnis erworben: Anfang der Achtzigerjahre verbüßte Don Black eine mehrjährige Haftstrafe, weil er mit acht anderen Männern einen Überfall auf den Mini-Inselstaat Dominica geplant hatte. Ziel der Operation "Red Dog" war ein Putsch auf der zu den Kleinen Antillen gehörenden Karibikinsel, um den zwei Jahre zuvor abgesetzten schwarzen Premier Patrick John wiedereinzusetzen, der ihnen lukrative Geschäfte in Glücksspiel, Drogenhandel und Prostitution sowie ein "arisches Paradies" als Gegenleistung versprach. Auf dem Boot der Gruppe stellte die Polizei später Sprengstoff, automatische Waffen und eine Hakenkreuzflagge sicher.

Doch diese Zeit liegt Anfang des neuen Jahrtausends weit hinter Dereks Vater. Don Black setzt längst auf das Internet, auf Kommunikation und Vernetzung statt Gewalt. "Wide Pride World Wide" lautet der Wahlspruch seiner Webseite. Als der zehnjährige Derek das vom Vater vermittelte Wissen nutzt, um einen Stormfront-Ableger für Kinder zu gründen, ist der Vater stolz. Auf die Frage, wie er seinen Sohn charakterisieren würde, antwortet Don einmal: "Er hat alle meine Stärken, aber keine meiner Schwächen."

Abkehr: "Sohn, ich glaube, du wurdest gehackt!"

Als der Vater am 16. Juli 2013 die Begriffe "Stormfront" und "Derek Black" in die Internet-Suchmaske eingibt, glaubt er noch an seinen Sohn. Derek wohnt da schon nicht mehr zu Hause, sondern besucht im dreieinhalb Autostunden entfernten Sarasota das College. Der Vater hat es sich zur Gewohnheit gemacht, seinen Sohn ein paarmal in der Woche zu googeln. Er will auf dem Laufenden bleiben. An diesem Tag aber wird Don ein Artikel angezeigt, mit dem er nicht gerechnet hat. Er ist auf der Seite des Southern Poverty Law Center (SPLC) erschienen, einer der bekanntesten Bürgerrechtsorganisation der USA - und einer der schlagkräftigsten: Mit ihren systematischen Entschädigungsklagen gegen Mitglieder des Ku-Klux-Klan hat es die Organisation geschafft, einzelne Klan-Ableger in den Bankrott zu treiben.

Der Artikel, den Don Black an jenem Dienstag im Juli 2013 anklickt, trägt den Titel: "Activist Son of Key Racist Leader Renounces White Nationalism". Sohn von bekanntem Rassisten sagt sich vom rassistischen Nationalismus los. Der Beitrag ist bebildert mit einem Foto, das einen Jungen mit schulterlangen roten Haaren und ernstem Blick zeigt. Es ist ein Kinderbild von Derek Black. Don Black, so schildert er es selbst rückblickend in der Washington Post, greift sofort zum Hörer und ruft seinen Sohn an: "Derek, ich glaube, du wurdest gehackt!"

Aber Derek ist nicht das Opfer einer Hacking-Attacke. Er hat sich nach langer Überlegung bewusst zu diesem radikalen Schritt entschieden. Am College, unbemerkt von Familie und Umfeld, hat er sich losgelöst von dem, woran er Zeit seines Lebens glaubte. Etwa, dass die weiße Rasse allen anderen an Intelligenz überlegen sei und dass es dafür wissenschaftliche Beweise gebe. Oder, dass Amerika die rechtmäßige Heimat weißer Europäer sei und andere Rassen in ihre Ursprungsländer zurückgeschickt werden sollten. Und, dass das Land von Juden unterwandert und die weiße Rasse unter einem schwarzen Präsidenten Obama von der Ausrottung bedroht sei.

Seinen "ideologischen Baukasten" nennt Derek rückblickend diese Überzeugungen im Gespräch mit New-York-Times-Reporter Barbaro. An jenem 13. Juli 2013, als er sich öffentlich vom White Nationalism abwendet, existiert dieser Baukasten nicht mehr. Im Verlauf der vergangenen Jahre sind ihm immer mehr Teile weggebrochen, zuerst sind es nur einzelne Überzeugungen, die sich in Gesprächen mit Kommilitonen als nicht haltbar herausstellen, irgendwann ist Dereks ganzes Weltbild erodiert.

Das New College in Sarasota gilt als eines der liberalsten im Bundesstaat Florida, als Derek dort anfängt, Geschichte zu studieren, witzelt Vater Don in seiner Radioshow, sein Sohn gehe nun auf das Marihuana- und Schwulen-freundlichste College im ganzen Land. Aber Don ist nicht wirklich beunruhigt. Als ihn ein Hörer on air fragt, ob er sich nicht sorge, dass sein Sohn beeinflusst werden könnte, antwortet er: "Wenn jemand beeinflusst wird, dann die."