All diese Gesichtspunkte haben ihr Körnchen Wahrheit, und trotzdem ist der hier skizzierte Verlauf der Debatte ein Unglück. Sicher, Pedanterie quält; gewiss, Hartz IV ist dramatischer als eine Kommaregel; ja, ein paar Verlagsvertreter sind eine Spur zu pompös aufgetreten; und ohne Zweifel befinden sich die Schulen in einer unkomfortablen Lage, bis der Streit endgültig beigelegt ist. Trotzdem sind all das in der Sache Nebengesichtspunkte, denn bei der Rechtschreibung geht es im Kern nicht um Meinungen, Kompromisse und Gruppeninteressen, sondern um eine Praktikabilität, deren Kriterium nicht die Einfachheit der Sprache, sondern ihr Reichtum und ihre Komplexität sind. Unmissverständlich gesagt: Die Rechtschreibregeln sollten es den ABC-Schützen selbstverständlich so leicht wie möglich machen, das schriftliche Deutsch zu erlernen; gleichwohl hat eine Sprachgemeinschaft auch noch andere und höhere Zwecke, als Berufsanfängern das tadellose Abfassen von Bewerbungsschreiben zu ermöglichen.

Anzeige

Die Rechtschreibung muss ebenso dafür geeignet bleiben, die Höchstleistungen einer Sprachtradition - im Deutschen beispielsweise Kants ¸¸Kritik der reinen Vernunft", die Novellen von Kleist oder Schleiermachers Platon-Übersetzungen, aber auch den Satzbau Thomas Manns - für immer neue Verwendung präsent zu halten. Orthographie sichert immer auch den Zusammenhang einer Kultur. Wenn dies nicht mehr möglich ist, dann beginnt, nicht nur an den Schulen, das eigentliche Chaos: Dann muss man nämlich bei älteren oder besonders komplexen Texten auf historisch wechselnde Schreibweisen zurückgreifen und das Band der Tradition, das Heute und Gestern verbindet, ungebührlich lockern.

Es geht nicht um einfach und liberal auf der einen Seite und pedantisch und kompliziert auf der anderen. Der Streit um die Rechtschreibung ist einer um richtig oder falsch, gemessen an einem Höchstmaß sprachlicher Möglichkeiten. Wem das zu anspruchsvoll klingt, der mache sich klar: Leichtfertige Ermäßigung von Ansprüchen schadet am Ende immer am meisten jenen, denen Bildung nicht durch soziale Herkunft frühzeitig und fast selbstverständlich zugänglich ist. Sie zementiert bildungssoziologische Klassenbarrieren, die nirgendwo so hoch liegen wie in Deutschland.

Die neue Zeichensetzung mag ganz am Anfang etwas leichter zu erlernen sein als die alte; doch wer diese in ihrer reichen Artikuliertheit einmal verinnerlicht hat, der hat mehr gelernt als nur Kommaregeln: Er hat einen tiefen Einblick in die Gesetze des Satzbaus, und damit nicht nur der deutschen Syntax, getan. Er wird sich beim Erwerb von Fremdsprachen und beim logischen Denken leichter tun. Die Erleichterung am Anfang wird erkauft mit einer Erschwerung bei allem späteren Spracherwerb.

Dazu kommt ein anderer Gesichtspunkt. Die Verteidiger der Reform argumentieren fast ausschließlich vom Schreiben und vom Schreibenlernen aus. Aber in unserem gesamten Leben lesen wir gewiss zehn Mal oder oft sogar hundert Mal mehr als wir schreiben. Rechtschreibung und Interpunktion haben den Hauptzweck, das Lesen zu unterstützen. Das ist der eigentliche Sinn der Normierung, vor allem des Grundsatzes, Wörter, die wir alle ein wenig anders aussprechen, gleich zu schreiben; sonst nämlich müssten wir immer von neuem buchstabieren.

Müheloses Lesen beruht auf hochautomatisierten Wiederkerkennungsprozessen; wir surfen mit den Blicken über die Seiten, halten uns fest an großen und kleinen Lettern, vertrauten Buchstabengruppen, den Taktstrichen der Kommata und, ja, auch dem ß im alten ¸¸daß". Wie eine Boje mit Fähnchen schwimmt es in den Wortfluten und verkündet: ¸¸Achtung Nebensatz!" Dass die deutsche Sprache mit ihrem schier grenzenlos variierbaren Satzbau sich ein paar Besonderheiten wie die Großschreibung der Substantive zugelegt hat, ist das Resultat einer generationenlangen, höchst vernünftigen Entwicklung.

Das Kriterium der Angemessenheit einer Orthographie - verstanden als Regelwerk, welches den Reichtum den Sprache nicht verleugnet, sondern ihn so leicht wie möglich handzuhaben erlaubt -, liegt ungefähr gleich weit weg von der Kasuistik der Pedanten wie von jener Politiker-Nonchalance, die sagt: Gegessen wird jetzt, was auf den Tisch kommt, denn wir haben es so beschlossen. Denn allerdings ist die Feststellung solcher Angemessenheit eine Frage von Besonnenheit und Urteilskraft, aber gewiss kein Feld für politische Kompromisse oder für publizistische Machtproben.

Keine Kultusministerkonferenz ist legitimiert, uns eine Orthographie zu verordnen, bei der Kleist und das Bundesgesetzblatt zweierlei Schreibung benötigen. Die Politik hat sich ihre Bredouille - dass sie sich nach sechs Jahren immer noch mit dem leidigen Thema herumschlagen muss - ganz allein selbst zuzuschreiben. Denn es waren die Kultusministerkonferenz und die Zwischenstaatliche Kommission, die von Anfang an das sachliche Gespräch verweigert haben (jüngst noch durch die zynische Nichtbeachtung der Vorschläge der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung). Was manchen wie ein Machtwort der Verlage vorkommt, ist nur das Echo auf die stumpfe Unansprechbarkeit des bürokratischen Apparats, der die Reform durchgepaukt hat - gegen alle längst vor den Entscheidungen geäußerten wohlbegründeten Einwände.

Eine für alle Seiten akzeptable Lösung wird man nur finden, wenn man den ganzen politisch-pseudopädagogischen Summs des neu aufgeflammten Streits weglässt, und sich auf die sprachlich-sachlichen Kernpunkte konzentiert. Es müsste einmal auch ohne das gehen, was Nietzsche ¸¸Moralschleim" nannte. Ein hundertprozentiges Zurückgehen zum Duden von 1991 muss also gar nicht sein. Harmonisierungen wie die zwischen rad- und autofahren sind selbstverständlich ebenso unbedenklich wie eine konsistentere Groß- und Kleinschreibung. Und was liegt an der Frage, ob ¸¸Schifffahrt" mit drei f geschrieben werden soll? Herzlich wenig.

Inakzeptabel bleiben, trotz allen Herumdokterns, die neuen Regeln zur Getrenntschreibung, denn sie bedeuten einen absurden Angriff auf den deutschen Wortschatz. Wer keine ¸¸Schwerbehinderten" kennt, ist schon beim Abfassen eines Schwerbehindertengesetzes schwer behindert. Und zurückkehren sollte der Großteil der lesefreundlichen Interpunktion, diese kluge Visualisierung von Satzstruktur und Gedankenrhythmus.

Jahrelang hat die Zwischenstaatliche Kommission die Rechtschreibung wie eine Verschlusssache behandelt, und der Kultusministerkonferenz war sie eine lästige Nebensache. Deshalb musste sie jetzt noch einmal zum Streitfall für die Öffentlichkeit werden. Das aber wäre ohne den Aufstand der Verlage nicht gelungen.

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. Wie eine Boje in den Wortfluten
  2. Sie lesen jetzt Wie eine Boje in den Wortfluten
Leser empfehlen 

(Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr.190, Mittwoch, den 18. August 2004)