Nicht für das Schreiben, für das Lesen lernen wir. Es erscheint in der neuerlichen Rechtschreib-Debatte nicht ganz unwichtig, noch einmal auf die Haupt- und Nebensachen bei der Orthografie hinzuweisen. Von Gustav Seibt
Der Beschluss großer publizistischer Verlage, darunter der Süddeutschen Zeitung, sich von den Bestimmungen der umstrittenen Rechtschreibreform des Jahres 1998 wieder zu lösen, hat eine neue leidenschaftliche Diskussion entfacht. Ein ruhiges Sortieren der Argumente scheint dringlich, damit die mühselige Materie nicht unrettbar in einem Wust von Emotionen, Pedanterien und politischen Kalkülen versinkt.
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So kompromisslos am Status quo festhalten wie ver.di am Flächentarifvertrag. (© )
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Zwangsläufig musste die spektakuläre Ankündigung der Verlage zunächst jene Kohorten von Besserwissern auf den Plan rufen, die am liebsten mit Fallbeispielen um sich werfen: Da hat die eine Seite die auffällige (wenn auch nicht unbegreifliche) Inkonsequenz zwischen ¸¸radfahren" und ¸¸Auto fahren"; die andere beharrt auf dem Unterschied von ¸¸frisch gebackenen Brötchen" und dem ¸¸frischgebackenen KfZ-Meister". Diese Staubwolke von Einzelheiten wiederum lässt eine dritte Partei müde genervt abwinken: Sie findet das fortgesetzte Fiepen der Schulfüchse ermüdend, typisch deutsch und zwangsneurotisch, erkennt allerorten ¸¸wichtigere" Probleme, und verwandelt den Zwist gern in einen Widerstreit von Zurückgebliebenen und Fortschrittsfreunden, von Starrsinn und Flexibilität. Die Parallele zu anderen Reformdebatten in der Gesellschaft lässt die Kritiker der Neuregelungen wie Ewig-Gestrige dastehen, die so kompromisslos am Status quo festhalten wie ver.di am Flächentarifvertrag.
Daraus erwächst dann fast zwangsläufig ein staatspolitisches Argument: Der Beschluss zur Reform sei formal korrekt zustande gekommen, und es dürfe nicht sein, dass ein paar, wie immer mächtige, Verlage nun der Nation die Rechtschreibregeln diktierten. Dieser Gemeinwohlgesichtspunkt wird zusätzlich gern noch mit einem Schuss pädagogisch-humanitären Salböls versetzt: Chaos drohe für die Kinder, die seit mehreren Jahren ¸¸problemlos" eine dankenswert vereinfachte Rechtschreibung (vor allem entschlackte Kommaregelungen) erlernten. Schafft Rechtschreibsicherheit für unsere Kleinen!
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